Bei diesen schwerwiegenden Namen schüttelte unser Poet den Kopf, erwiederte aber, mit ahnender Seele, zögernd: „Ich habe — ich bin — Dichter.“ — „Dichter!“ wiederholte der Gelehrte, indem er ihn mit einer Betroffenheit ansah, die einem ruhigen Beobachter komisch erschienen wäre. „Dichter! — Und sonst nichts?“
Durch diese Frage, die dem Gelehrten unwillkürlich aus dem Munde kam, fühlte sich nun aber begreiflicherweise der Poet verletzt. „Ich meine, das wäre genug,“ entgegnete er mit einer gewissen Schärfe. „Wenn man’s recht ist —“ — „Allerdings,“ versetzte der Professor mit einem Ausdruck, der bezeugte, daß er den jungen Mann bereits völlig aufgegeben habe. Dieser sah, wie er mit dem Herrn daran war, und sann auf eine Form, hinwegzukommen. Aber der Schulmann sammelte sich wieder, da er bedachte, ein von seinem Collegen ihm Empfohlener müsse doch irgend eine Bedeutung haben; und indem er seinem Gesicht mit Anstrengung einen gewissen Schein von Höflichkeit zu geben suchte, fuhr er fort: „Ohne Zweifel haben Sie schon dichterische Werke der Oeffentlichkeit übergeben? Ich bin in der neuesten deutschen Literatur nicht sehr bewandert, wie ich Ihnen bekennen muß. Berufsgeschäfte und Fachstudien —“
„O,“ versetzte Heinrich, „wenn Sie die neuesten Werke auch alle angesehen hätten, von mir würden Sie doch keines darunter getroffen haben; denn ich habe bis jetzt noch keines herausgegeben.“ — „So?“ erwiederte der Professor, dem sein College nun ganz unbegreiflich wurde. — „Ich habe aber,“ fuhr Heinrich trotz allem wieder mit einem gewissen Bewußtseyn fort, „ein größeres Werk vollendet, eine historisch-romantische Tragödie, die ich bei dem hiesigen Hoftheater einreichen will.“
Der Professor nickte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. Heinrich, in seiner Zuversicht, fügte hinzu: „Wenn es gegeben wird und Sie der Aufführung beiwohnen —“ — Nun war aber die Geduld des Mannes zu Ende. Mit offenster Geringschätzung und gereizt scharfem Ton erwiederte er: „Ich gehe nie in’s Theater! — Finde keine Zeit dazu, Herr Doctor,“ setzte er etwas milder hinzu, indem er den gelehrten Titel ironisch accentuirte, „und muß also schon bedauern —“
Heinrich begriff die vollkommene Zwecklosigkeit weitern Hierseyns, „glaubte also die kostbare Zeit des Herrn Professors nicht länger in Anspruch nehmen zu dürfen,“ und empfahl sich mit dem ernsten Stolz eines Verletzten. Die Miene des Gelehrten, der sich einer Last überhoben sah, erhellte sich wieder einigermaßen; er trug dem Abgehenden seltsam lächelnd einen Gruß an den Schulrektor auf, geleitete ihn und zeigte ihm die Gangthüre, indem er sagte: „Wenn ich Ihnen sonst in etwas dienen kann —“ — Heinrich, seinerseits ironisch, verbeugte sich tief und entfernte sich.
Dem Rückkehrenden trat die Frau neugierig entgegen. „Nun,“ rief sie, „wie hat dir der junge Mann gefallen? Ist er wirklich —?“ — „Ein Literat!“ fiel der Gatte ein, indem er seiner Verachtung freien Lauf ließ; „ein Mensch, der noch nicht einmal Literat ist! Ich begreife nicht, wie mir der alte Krug so einen Gesellen in’s Haus schicken konnte. Es sieht beinahe aus, als ob er mich damit ärgern wollte. Nun,“ setzte er mit einem selbstzufriedenen grimmigen Lächeln hinzu, „er wird so bald nicht wiederkommen.“ — Die Frau stand überrascht, ja betrübt, und sagte endlich mit Bedauern: „Schade!“
Heinrich ging mit sehr ernstem Gesicht auf der Straße weiter. „Ein fataler Mensch!“ sagte er sich endlich, „und kein gutes Omen! Dieser Pedant, der seine Weisheit aus Büchern gezogen hat, glaubt ein großer Geist zu seyn, brüstet sich mit Verachtung der Kunst, und weiß nicht, daß er vor Gott und Menschen eine widerliche Figur ist. Ah, bah!“
Entschlossen zog er den Hut auf die Stirn, lächelte über sich selbst und schritt mit erneutem Muthe weiter. Körperlich fühlte er sich aber ziemlich ermattet und folgte daher der Einladung eines Schildes, der ihm eine Auffrischung versprach. Er ließ einen guten Jahrgang kommen, trank mit Bedacht und konnte nicht umhin, dankbar auf das Gewächs zu sehen, das es so gut mit ihm meinte und so poetisch duftete, während ihm die Menschen prosaisch erschienen oder gar ernstlich unangenehm wurden.
Der Wein versetzte ihn trotz allem bald in die Stimmung, seinen dritten und wichtigsten Gang zu unternehmen; und ein gewisses Gefühl sagte ihm, daß er damit besser fahren werde. Eine Schauspielerin konnte einen Dichter, der ihr Rollen zu schreiben verhieß, unmöglich anders als liebenswürdig empfangen; und sein Freund, der alte Schauspieler, hatte ihm die Betreffende zwar etwas zum Necken geneigt, sonst aber als durchaus verständig, edeldenkend und gutartig geschildert. Er machte sich auf den Weg und stand bald im zweiten Stock eines hübschen Hauses vor der gesuchten Thüre. Auf sein kräftiges Klingeln erschien eine alte Magd; er übergab ihr das Schreiben, nannte seinen Namen und wurde von der Wiederkehrenden in einen kleinen Salon geleitet: Fräulein Rosa werde sogleich erscheinen.
Heinrich, allein gelassen, schaute umher und mußte sich sagen, daß er nicht leicht ein reizender eingerichtetes Zimmer gesehen. Die Vertheilung der Möbeln, Wandbilder und sonstigen Zierden war so geschmackvoll, daß sich die Augen unmittelbar wohlthuend berührt fühlten, und eine kleine Epheulaube in der Ecke sah überaus traulich her. Die Bilder waren zum Theil Porträts berühmter Schauspielerinnen, und unser Dramatiker, der die wenigsten davon gesehen, begann sie zu mustern. Eben betrachtete er den genialen Kopf einer großen noch lebenden Tragödin, als die Thüre aufging und ein Kleid rauschte. Er sah hin und stand auf’s lebhafteste betroffen: es war die junge Dame von gestern. Auch sie hatte ihn erkannt. „Ah,“ rief sie nach momentan überraschtem Blick mit heiterer Freundlichkeit, „das ist ja ein alter Bekannter. Nun,“ fuhr sie fort, indem sie auf ihn zuging und ihm die Hand bot, „willkommen in der Residenz, willkommen im Namen des Theaters!“