„So ist es,“ bemerkte der Rentier auf einen fragenden Blick der Baronin. „Da mir aber der Herr Baron den unkaufmännischen Auftrag gegeben hatte, genau denselben Preis, den er dafür erhalten, wieder zu bieten, so war es mir leicht, den Concurrenten aus dem Felde zu schlagen. Die runde Summe trug übrigens dazu bei, Herrn von Pranger den Vergleich mit seinen Gläubigern zu erleichtern und ihm die Fortführung seines Geschäfts möglich zu machen.“

„Das hör’ ich gerne,“ rief Anna. „Möge ihm der Verkauf des Gutes so wohl gedeihen, wie dir,“ sagte sie zu Arthur. — Dieser nickte und fuhr fort: „Die Nachricht von dem Abschluß des Kaufs traf mich in Hamburg. Ich sandte Herrn Schmidt nach Schönbach und eilte nach Waldfels, um es würdig zu machen für den Einzug meiner theuersten Gäste. — Daß ich diese gesund und froh wiedergesehen habe, das ist die Krone meines Glücks — und Gott möge es mir erhalten!“

Nach diesen herzlich und feierlich gesprochenen Worten trat eine Stille in der Versammlung ein, indem alle den Empfindungen sich hingaben, welche die Erzählung in ihnen angeregt hatte. Dann ergriff Arthur auf’s neue das Wort und sagte: „Wenn ich zurückdenke an die Zeit des letzten Abschiednehmens, so kommt mir alles, was unterdessen geschehen ist, wie ein Traum vor. Ich frage mich, wie das, was jetzt als eine Thatsache vor mir liegt, möglich gewesen, und erschüttert danke ich dem Himmel, der solche Wunder an mir gethan hat. Der Instinkt, der mich beherrschte, hat mich richtig geleitet; das Bild meiner Phantasie ist eine Wahrheit geworden. Ich habe alles, was mir zur Freude des Lebens nothwendig ist, ich bin in den Stand gesetzt, meinem Vaterlande und meinen Freunden nach meiner Neigung zu dienen. Und dieses Glück habe ich mir erkämpft, es ruht auf Arbeiten, deren Erinnerung mich erfreut und erhebt, und die mir Bürge seyn dürfen, daß ich mir’s auch erhalten werde. O meine Freunde! ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage, daß ich mich jetzt ohne Vergleich glücklicher fühle, als wenn mir der Wohlstand, dessen ich mich erfreue, geschenkt worden wäre. Gesegnet sey das Mißgeschick, gesegnet sey die Nothwendigkeit, die mich zwang, durch eigene Kraft mir Güter zu erwerben, die ich nun im tiefsten Sinne des Wortes mein nennen kann!“

Einer unwillkürlichen Regung folgend, richtete er dann seine Blicke auf das Porträt des Vaters, auf welches eben der Schein der Lampe fiel. Der Baron, der in seiner besten Zeit und in der schönsten Stimmung gemalt worden war, sah mit frohem Selbstgefühl auf die Gesellschaft, und dem phantasiebegabten Betrachter konnte es scheinen, als ob ihn die Erzählung des Sohnes mit freudiger Theilnahme erfüllt hätte. Arthurs Augen glänzten; nie waren die liebenswürdigen Eigenschaften des Vaters so klar und rein vor seiner Seele gestanden, als in diesem Augenblick. Die Gesellschaft errieth und begriff seine Gefühle. Mit heiterer Miene wandte er sich zu der Baronin und sagte mit der Laune eines liebevollen Gemüthes: „Werden Sie mich jetzt absolviren, beste Mutter? Werden Sie mir verzeihen, daß ich ein so ungewöhnliches Mittel ergriffen habe, mein Wort zu halten?“ — „O,“ rief die Baronin mit freundschaftlichem Vorwurf, „wollen Sie mich beschämen? Sie sind gerechtfertigt durch den Erfolg, der Ihr Unternehmen krönte, und wir müssen Sie preisen, das Mittel gewählt zu haben, das zum Ziel führte.“

Der erreichte Zweck hatte in der That seine Wirkung auf die Seele der Baronin schon vollständig geübt, das Mittel glänzte verschönt in den Strahlen seines Lichtes. In dem Vergnügen, das sie nun empfand, begegnete es ihr, den Schwiegersohn zu fragen: warum er denn aus seinem Projekt ein Geheimniß gemacht und sie nicht gleich in dasselbe eingeweiht habe? Hier konnten Arthur und Anna nicht umhin, sich lächelnd anzusehen, und jener versetzte: „Ich habe nicht zu hoffen gewagt, daß meine Wahl schon vor dem Erfolg Gnade vor Ihren Augen finden würde, und hielt es für sicherer, zu schweigen.“ — Die Baronin hatte den Humor zu erwiedern: „Sie mögen Recht gehabt haben.“ —

Es war unvermerkt spät geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, der Zeiger der Uhr wies auf eilf. Arthur trat zu einem Wandschrank, nahm ein Papier heraus und sagte wiederkehrend zu Frau von Holdingen: „Für heute hab’ ich noch eine Bitte an Sie. Ich bin zwar aus Indien nicht als Millionär, aber doch mit einem Vermögen zurückgekehrt, das durch den Wiederkauf von Waldfels noch nicht erschöpft ist. Erlauben Sie mir nun, daß ich auch Ihnen ein Geschenk mache, wodurch Sie wieder das werden, was Sie zur Zeit meiner Abreise gewesen sind: die Eigenthümerin der kleinen, zierlichen Villa, in der wir so schöne Stunden verlebt haben. Es ist jetzt für uns eine Zeit der Restauration; und wenn Sie auch später mit uns das Schloß bewohnen werden, so müssen Sie uns doch, wie früher, in den geweihten Räumen zuweilen bewirthen können.“ Er übergab ihr das Dokument und die Baronin erwiederte: „Ich nehme das Geschenk an und danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß dort heute schon alles zu unserer Aufnahme bereit ist?“ — „Allerdings,“ versetzte Arthur. Die Baronin drückte ihm die Hand.

VII.

Wie man sich denken kann, hatte schon die Ankunft Arthurs und sein Einzug in Waldfels die Bewohner der Umgegend in große Aufregung versetzt. Als man aber bald nachher von den Vorbereitungen zu seiner Vermählung Kunde bekam, steigerte sich die Theilnahme auf’s Höchste. Dasselbe herzliche Mitgefühl äußerte sich in allen Schichten der Bevölkerung, und da es sich gleich von Anfang sehr entschieden aussprach, so wurde auch von Seiten der früher geschworenen Anhänger des Hauses Pranger kein Mißton laut, vielmehr machten sie Anstalten sich zu bekehren.

Am meisten Vergnügen herrschte vielleicht im Dorfe Waldfels selber. Die ererbte Anhänglichkeit der Bauern hätte sich bei diesem Anlaß auch bewährt, wenn der Sprößling der alten Familie, der in sein Erbe zurückkehrte, ohne persönliche Vorzüge gewesen wäre. Wie freuten sie sich nun erst der Wiederkehr eines so liebenswürdigen und gefeierten Herrn! Wie freuten sie sich seines Reichthums, seines Ansehens, seiner schönen Braut! Denn das hat der Träger eines alten Namens, wenn er ihm Ehre macht durch Eigenschaften des Geistes und Herzens, vor allen andern einmal voraus: man findet seine Erfolge durchaus in der Ordnung und hat selber ein Gefühl der Befriedigung, wenn er Glücksgüter erwirbt, die seinem Rang entsprechen.

Eine eigene Tonleiter von Empfindungen sollte bei dieser Gelegenheit der Oberst von Waldfels durchlaufen. Arthur hatte ihm seine Schicksale in einem Schreiben mitgetheilt, das aus dem Städtchen datirt und bestimmt war, ihn zu necken, indem das angenehme Resultat erst in den letzten Zeilen erwähnt wurde. Bei dem Worte „Kaufmannslehrling“ und „Handlungsdiener“ gerieth der alte Krieger in eine schwer zu beschreibende Entrüstung. Seine Augen funkelten, seine Hände zitterten und er machte eine Bewegung, als wollte er den Brief wegwerfen. Allein die Neugierde bewog ihn fortzufahren und sein Blut begann ruhiger zu fließen, als er von Rupien und Pfunden las. Im Ueberfliegen der letzten Seite erhellten sich seine Züge mehr und mehr, und als er an die Nachricht von der Wiedererwerbung des Gutes kam, stieß er einen Freudenschrei aus. Er las noch einmal, athmete tief auf und schüttelte dann lächelnd den Kopf, indem er sagte: „Wer hätte dem Jungen das zugetraut? — Zwar Verstand hat er immer gehabt und Obstination wie ein Satan! — Kaufmann! Verwünschter Einfall! — Aber die Hauptsache ist, daß er den Rupienbaum geschüttelt hat, wie die Engländer zu sagen pflegen. So oder so! Er ist der Baron von Waldfels und — beim Teufel! er ist zu rechter Zeit gekommen!“