Arthur begann wieder: „Es war ein Beweis großen Vertrauens, daß mich Warren so jung auf diesen Posten erhob; allein ich kann sagen, daß ich es rechtfertigte. Die Geschäfte gingen lebhafter als je und ich nützte dem Hause auf mannigfaltige Weise. Da ich einen Gehalt hatte, um den mich ein Major hätte beneiden können, der Chef des Hauses mir überdieß einen Antheil an dem Gewinn bewilligte, so gediehen dabei auch meine eigenen Angelegenheiten und ich sammelte mir, was bei uns ein Vermögen seyn würde, dort aber freilich nicht viel heißen will. Dennoch konnte ich damit etwas thun, was mich außerordentlich freute und immer meine schönste Erinnerung von jenem Lande bleiben wird.“
Als Arthur hier eine kleine Pause machte, sahen ihn die Zuhörer erwartungsvoll an, und er fuhr fort: „Nicht lange nach meiner Ankunft in Calcutta hatte ich die Bekanntschaft eines Kaufmanns gemacht, der um etliche Jahre älter war als ich, eine anmuthige Frau und reizende Kinder hatte. Ich kam oft in sein Haus, denn es gehört zu meinen größten Genüssen, Glückliche zu sehen, und namentlich eine glückliche Familie. Im Lauf der Zeit wurde aus der Bekanntschaft wahre, herzliche Freundschaft. Mackenzie war ein Engländer von der besten Art, jeder Zoll ein Gentleman, und besonders unter den Seinen von dem angenehmsten Humor und der größten Liebenswürdigkeit. Eines Abends, als ich ihn aufsuchte, traf ich ihn in seinem Zimmer allein und sehr niedergeschlagen. Er wollte eine Zeitlang nicht mit der Sprache heraus; endlich gestand er mir, daß er in jüngster Zeit einen großen Verlust erlitten habe und daß gegenwärtig beinahe sein ganzes Vermögen einem Schiff anvertraut sey, das er mit einer Ladung Baumwolle nach Europa geschickt habe und mit Manufakturwaaren zurück erwarte. Ich tröstete ihn, so gut ich konnte, und es gelang mir, ihn wieder aufzuheitern. Bald darauf kam ein Gerücht zu meinen Ohren, das Schiff Mackenzie’s sey verunglückt. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn in stummer Verzweiflung. Auch er wußte nichts Bestimmtes, aber er sah voraus, daß in Folge dieses Gerüchts Forderungen bei ihm eingehen würden, denen gegenüber er sich für insolvent erklären müsse. Mein Entschluß war gleich gefaßt; ich eilte nach Hause und bald konnte ich dem Bedrängten nicht nur mein Vermögen, sondern auch eine namhafte Summe von Warren zur Verfügung stellen. Die ängstlichen Gläubiger wurden befriedigt und mein Freund war gerettet.“
„Ah,“ rief die Baronin, „da sieht man den Edelmann unter den Kaufleuten!“ — Arthur erwiederte: „Es wäre schlimm für die gedrängten Kaufleute, wenn nur die Barone unter ihnen einer solchen Handlung fähig wären! — Uebrigens hatte diese Aushülfe die Folgen der feinsten Spekulation: sie war es, die mein Glück entschied. Das Schiff Mackenzies war allerdings einem heftigen Sturm ausgesetzt gewesen, aber es hatte ihn bestanden und lief eine Woche später glücklich ein. Freude und Wohlstand kehrten mit ihm wieder. Mein Freund, dessen erhobener Geist sich jetzt mit kühnen Entwürfen trug, bat mich dringend, mich mit ihm zu verbinden, und da ein vor kurzem angekommener Verwandter Warrens nach meiner Stelle trachtete, so gab ich nach. Wir strengten unser Talent an, wir wagten und wir gewannen. — Ach, liebe Mutter,“ fuhr der Erzähler fort, „welchen Reiz hat das Leben eines Kaufmanns! In welcher Spannung wird er erhalten und in welches Entzücken kann er versetzt werden! Nichts gleicht der Freude, die er empfindet, wenn ein wohlberechnetes, aber immer noch gewagtes Unternehmen gelingt und der Segen desselben in goldener Wirklichkeit in sein Haus einzieht.“
Annas Gesicht erheiterte sich bei diesen Worten und sie sagte: „Es scheint doch, daß du nach und nach gelernt hast, dein Metier um seiner selbst willen zu lieben.“ — „In gewissem Sinn allerdings,“ erwiederte Arthur, „ich will es nicht läugnen; aber doch nicht eigentlich. Der Beweis liegt vor. Als ich das Vermögen, das ich in die Handlung meines Freundes gebracht hatte, um das Vierfache gemehrt sah und hinreichend fand, um denen, die mich so großmüthig hatten ziehen lassen, ein angenehmes und würdiges Loos zu schaffen, da sagte ich zu mir selber: Genug! und kündigte dem Freund meinen Entschluß an, nach Deutschland zurückzukehren.“ — Ein Blick von Liebe und Dankbarkeit war die Antwort der Verlobten, ein beifälliges Kopfnicken verrieth die Empfindung der Baronin.
„Mackenzie bot alle Kraft der Ueberredung auf, mich zurückzuhalten. Er rief: Das Glück ist für uns, noch einige Jahre und wir sind Millionäre! Obwohl diese Aussicht reizend und die Liebe, die mein Freund für mich an den Tag legte, rührend war, so blieb ich dennoch fest, wobei ich übrigens gern gestehe, daß das Gewicht des Hauptgrundes, der mich nach Hause trieb, durch das einiger andern noch verstärkt wurde.“ — „Und die sind?“ fragte die Baronin. — „Zunächst das Klima, das zu einem Leben nöthigt, in welchem die Sinne eine größere Rolle spielen, als einem Deutschen von meinem Schlage lieb seyn kann. Wir haben dort Monate der schönsten und angenehmsten Witterung; aber auf sie folgt eine heiße Zeit, gegen deren Gipfelpunkte die heißen Tage in Deutschland Kinderspiel sind, und die Glut wird endlich durch eine Regenzeit gekühlt, deren stärkste Ergießungen die Welt scheinen ertränken zu wollen. Die Feinde der Menschheit unter den Insekten und Amphibien bedrohen und verfolgen uns fast unausgesetzt, und man kann Dinge erleben, die an eine Landplage Egyptens erinnern. Allerdings wissen sich die Reichen gegen die Unbilden der Natur zu schützen, und es ist interessant, die verschiedenen Mittel kennen zu lernen, durch welche man jene lästigen Erscheinungen zu beseitigen oder zu mildern sucht. Die Häuser erhalten durch solche Einrichtungen einen neuen Zuwachs von Prunk und einen sehr eigenthümlichen Charakter. Allein diese Rücksichtnahme auf materielle Anfechtungen und die Erholungen, die man sich dabei gönnen zu müssen glaubt, machen selber materiell, und es gehört ein fester Wille dazu, wie er nicht jedermanns Sache ist, um den Kopf oben zu halten und den verschiedenen Reizungen zu widerstehen. — Was mich betrifft, so war ich von einem Gedanken erfüllt und durch eine, ich darf wohl sagen fieberhafte Thätigkeit in Anspruch genommen. Ich ging also durch die Ausflüsse des Klimas hindurch zu dem Ziel hin, das ich als Leitstern vor Augen hatte. Mein Wille und mein Streben hoben meine Körperkraft und ließen mich die Anfälle der tropischen Natur überwinden. Aber zuletzt war ich doch froh bei dem Gedanken, den Anstrengungen und Aufregungen des dortigen Lebens zu entgehen und zu einer geistigeren Existenz in das Vaterland zurückkehren zu können.“ — „Das leuchtet ein,“ bemerkte die Baronin.
„Ein anderer Grund lag in den politischen Verhältnissen des Landes. Ich bin zwar ein zu guter Germane und glaube zu sehr an einen vernünftigen Gang der Geschichte, als daß ich die Herrschaft der Engländer in Indien für ein Uebel und nicht vielmehr für einen Erfolg im Interesse des Menschengeschlechts halten sollte. Ich kenne auch wohl die Anstalten, die man in’s Leben gerufen hat, um jene Herrschaft im Sinne des Geistes und der Kultur zu rechtfertigen. Aber bis jetzt sind mit ihr immer noch gewaltige Mißbräuche verbunden, Mißbräuche auf Kosten der Eingeborenen, von denen auch nicht abzusehen ist, wann sie ein Ende finden können und werden. Ich will ein andermal Beispiele geben und Sie werden mir dann zugestehen, daß das englische Indien kein Land ist, wo ein Mann von meiner Lebensanschauung wünschen konnte, Hütten zu bauen.“
„Ich begreife das,“ nahm jetzt der Pfarrer das Wort, „freue mich aber, daß Sie über das englische Regiment nicht den Stab zu brechen haben. Denn wir müssen an dem Glauben festhalten, daß die Herrschaft eines christlichen Volks und die geistigen Güter, die sie mitbringen, dem beherrschten Lande zuletzt immer zum Segen gereichen werden.“
„Hoffen wir das und glauben wir, daß die Keime, die jetzt vorhanden sind, nach und nach sich entfalten werden. Aber mein Herz trachtete endlich aus diesen Verhältnissen heraus, nach dem Aufenthalt im Vaterlande, wo das Christenthum das Leben zwar auch noch lange nicht ganz nach seinen Grundsätzen gemodelt hat, aber in der Umbildung doch schon weiter gekommen ist. — Meine Sehnsucht nach der Heimath,“ fuhr der Erzähler zu Anna gewendet fort, „wurde hauptsächlich durch die Briefe angefacht und gemehrt, die ich aus Schönbach erhielt und die mir in der Glut meiner Thätigkeit die köstlichste Erquickung waren. Wie reizend die Schilderung des äußern Lebens, wie schön und ergreifend die Mittheilungen aus dem innern! — Da es mir nicht einfallen konnte, dich und die Mutter nach Indien zu rufen, so blieb mir nichts übrig, als nach erreichtem Zwecke zu euch nach Deutschland zu eilen. — Ich stellte meinem Freund alle diese Verhältnisse vor und überzeugte ihn; und mit demselben Eifer, mit welchem er sich zuerst meiner Abreise widersetzt hatte, förderte er sie nun. Das Vermögen, das ich mir im Schweiß meines Angesichts erworben hatte, wurde mir in London und Hamburg zur Verfügung gestellt; ich nahm Abschied und bestieg das Schiff, das mich nach Europa führen sollte. — Darf ich dir gestehen, daß ich in den letzten Tagen, wo meine Seele bei dem Gedanken jauchzte, dich und meine Freunde in Deutschland wiederzusehen, doch Augenblicke hatte, wo ich Bedauern empfand, von dem Feld meiner Thaten auf immer scheiden zu müssen? — Mein Leben ist im Vaterland, und ihm will ich dienen, nachdem ich mir die Mittel verschafft habe, es in meinem Sinne zu thun. Aber nie werde ich jenes Land vergessen mit den Wundern seiner Natur und seiner alten Kunst! Nie die gewaltigen Eindrücke auf meinen Reisen und die Abenteuer, die ich erlebte! Nie die kolossale Thätigkeit der Hauptstadt und die großartigen Erscheinungen ihres Weltverkehrs!“
Als Arthur nach diesen mit Wärme gesprochenen Worten innehielt, benützte Frau von Holdingen die Gelegenheit, zu fragen, wie es sich denn mit den Gefahren verhalte, die er in jenem Lande bestanden habe. Sie wolle bekennen, durch diese Nachricht hauptsächlich in ihrer Meinung bestärkt worden zu seyn, daß er in der Armee diene. Arthur erwiederte: „In einem Lande, wo es Löwen, Tiger und Schlangen erster Größe gibt, in welchem, wie Sie aus den Zeitungen erfahren haben werden, ein Geheimbund von Schwärmern existirt, die ihrer Gottheit durch Mordthaten zu huldigen suchen, und wo der Reisende fast ausschließlich auf Selbsthülfe angewiesen ist, da braucht man keineswegs Militär zu seyn, um in Lebensgefahr zu gerathen. Ich werde Ihnen die Abenteuer gelegentlich mittheilen, die mir aufstießen, und kann Ihnen jetzt schon sagen, daß ich mich dabei auf eine Weise aus der Affaire gezogen habe, die eines Cavaliers nicht ganz unwürdig war.“
„Nun, Gott sey Dank,“ fiel Anna ein, „du bist jetzt zu Schiff und hast dieses Land hinter dir!“ — „Ja,“ versetzte Arthur, „ich bin zu Schiff, ich segle nach Europa mit dem Landsmanne, den ihr hier seht und der mir in den letzten Jahren der treueste Gehülfe war. Die Reise ging auch dießmal ohne jedes außergewöhnliche Erlebniß von Statten. Wir fuhren zuerst nach London. Da ich Goodman wieder einen kaufmännischen Gefallen hatte erweisen können, so empfing er mich mit doppelter Freude und war stolz auf seinen Zögling. — Von London aus, wo ich mehrere Tage verweilen mußte, schrieb ich an unsern würdigen Freund Hellmuth. — Was man wünscht, das glaubt man gern. Ich konnte nicht umhin zu hoffen, daß Waldfels wieder zu erlangen seyn würde; und da man in solchen Fällen eine gewisse ahnungsvolle Aengstlichkeit hat, so bat ich unsern Freund, mein Anerbieten sogleich Herrn von Pranger mitzutheilen. Mein Brief kam zu rechter Zeit, denn schon waren die Gläubiger im Begriff, es an einen Liebhaber abzugeben.“