Die Baronin war bei allen ihren Lieblingsanschauungen, wie dem Leser schon bekannt ist, eine verständige und keineswegs unpraktische Frau. Von dem Gewicht dieser Entgegnung getroffen und an die guten Folgen des seltsamen Unternehmens erinnert, faßte sie sich und erwiederte lächelnd: „Es mag wahr seyn. Am Ende gilt hier das Wort: der Zweck —“ — „Heiligt das Mittel?“ fiel Arthur ein. „In diesem Falle gewiß! Erlauben Sie mir übrigens, Sie auf das letzte der von Ihnen angerufenen Bilder aufmerksam zu machen: es stellt eine Dame vor, die, wie Sie sich erinnern werden, von Kaufleuten abstammt.“ — „Es ist wahr,“ rief die Baronin, auf welche das Bekannte, an das Arthur sie mahnte, wie eine Enthüllung wirkte. „Der Genius der Mutter hat in Ihnen gesiegt!“ — „Und dem Himmel sey dafür gedankt!“ versetzte Arthur; „denn der Genius meines Vaters — mit aller Hochachtung sey von ihm gesprochen — hätte mich schwerlich nach Waldfels zurückgeführt.“ — Die Baronin, welche die Wahrheit dieses Wortes zugeben mußte, schwieg. Sie nahm sich zusammen und sagte dann mit Anmuth: „Verzeihen Sie meine Verwunderung über Ihren Entschluß, dessen Ungewöhnlichkeit Sie selber nicht läugnen werden. Sie haben reussirt — das ist die Hauptsache.“

„Im Vorgefühl des Erfolgs,“ bemerkte Arthur, „wurde ich Kaufmann. Da ich gegen Herrn Goodman meine Ehre verpfändet hatte, so erfüllte ich alle meine Pflichten, auch die unerfreulichen, gewissenhaft. Mancher Auftrag schien mir nur ertheilt zu werden, um meine Geduld zu prüfen; ich bestand die Probe. Meine wissenschaftliche Bildung, meine Vorkenntnisse und eine gewisse Anlage zum praktischen Denken förderten mich rasch. Ich begriff den Zweck dessen, was ich treiben sollte, und lernte um so leichter. Ich hatte den Zusammenhang der verschiedenen Arbeiten vor Augen, und die einzelnen erschienen mir um so interessanter. Es dünkte mich, als ob jeder Tag mich weiter brächte, und schon jetzt machte ich die angenehme Erfahrung, daß das Schwierige mir geläufig wurde. — Sie sehen aus allem, daß ich ein ungewöhnlicher Lehrling war; ich hatte auch ein ungewöhnliches Schicksal. Noch war kein Vierteljahr verflossen, als mich Goodman zu sich rufen ließ, meine Ausdauer, meine Gewandtheit hervorhob und zu dem Schluß kam, daß ich verdiene, ein Kaufmann zu werden. (Hier konnte sich Frau von Holdingen nicht enthalten, ein wenig die Achseln zu zucken.) Er eröffnete mir, daß er mich in eine Stelle bringen könne, die mich unter glücklichen Umständen rasch fördern werde, — in die Stelle eines Commis bei einem Geschäftsfreund in Calcutta. Ich war auf’s angenehmste überrascht. Ostindien war das Land meiner kaufmännischen Träume und ich sah in diesem Ruf eine besonders günstige Vorbedeutung. Goodman hatte mir Aufträge in seinem Interesse zu ertheilen und rüstete mich mit den nöthigen Geldern aus. Ich beeilte mich, dieses erste Resultat nach Deutschland zu melden, und ein rascher Segler trug Cäsar und sein Glück.“

„Die Fahrt ging verhältnißmäßig schnell und ohne besondere Abenteuer vorüber — die „Stadt der Paläste“ lag vor mir. Ich erinnere mich noch wohl der zauberhaften Empfindung beim ersten Anblick und des Staunens, welches Tage lang bei mir anhielt. Eine Stadt, welche mit der Pracht Europas und der Pracht Asiens die Augen blendet — die Vereinigung der wunderbarsten Contraste — der Versammlungsort von Repräsentanten aller Nationen, aller Religionen und aller Stände — der Schauplatz der mannigfaltigsten und seltsamsten Gesichter, Figuren und Trachten im Rahmen einer tropischen Natur! — Es steht wie ein Mährchen vor den Augen, aber dieses Mährchen ist Wirklichkeit! — Doch,“ unterbrach sich der Erzähler mit einem Lächeln, „ich muß der Lust zu schildern Widerstand leisten, wenn ich meinen Bericht heute noch zu Ende bringen soll. Also zur Sache!“

„Ich wurde von dem Handelsfreunde meines Londoner Beschützers, Herrn Warren, gütig empfangen, besorgte mit seiner Hülfe die übernommenen Aufträge und trat als letzter Commis in ein großartiges Geschäft ein. Die neuen Verhältnisse machten neue Anstrengungen nöthig; aber ich ließ es daran nicht fehlen und orientirte mich bald. Das Talent — Sie erlauben mir schon, mir so etwas beizulegen — und die Liebe zur Sache erleichtern jede Arbeit. Man hat damit schon vorher eine Ahnung von dem, was man sich zu eigen machen soll; man sucht und man findet. Je weiter man vorrückt, je klarer und angenehmer wird die Thätigkeit. Für Leute, die reflektiren — und als guter Deutscher gehör’ ich zu diesen — hat die Beobachtung eines so bedeutenden Handelshauses an sich großen Reiz. Wie in einem gut regierten Staate thut jeder an seiner Stelle seine Pflicht, und das Haupt, allein oder mit Hülfe des Fähigsten, lenkt das Ganze und läßt Gedanken ausführen zum Gedeihen des Ganzen. Man benützt die Schöpfungen der Vorfahren, Erfindungen und Einrichtungen, welche dazu dienen, die Geschäfte zu vereinfachen und zu erleichtern. Wohlgeführte Bücher bewirken eine Art von Allwissenheit; sie befähigen den Kaufmann, über den Stand der mannigfaltigsten Geschäfte und Beziehungen sich jederzeit Rechenschaft zu geben. Der Geist herrscht, der Stoff ist bewältigt. Es ist ein Gefühl, ganz ähnlich dem eines Generals, der eine Armee kommandirt, oder dem eines Künstlers, der seinem Gegenstand Form und Schönheit gibt.“ Arthur hielt ein wenig inne und richtete seinen Blick auf den Rentier, dessen Gesicht bei den letzten Worten, im Andenken an die Zeiten, wo er selber als Buchhalter wirkte, sich angenehm aufgeklärt hatte. Die beiden Geschäftsleute nickten einander zu und Arthur nahm seine Erzählung wieder auf.

„Ich arbeitete mich rasch empor. Warren, den mein Eifer freute, begünstigte mich ungewöhnlich. In den ersten dritthalb Jahren fungirte ich als Korrespondent und als Reisender. Bei einer Handlung, die jährlich Millionen umsetzte, dürfen Sie hier an nichts Kleinliches denken. Ich vermittelte bedeutende Geschäfte, lernte Land und Menschen kennen, lernte die Sprache des Landes und konnte unserem Hause manchen guten Dienst leisten. Gestützt auf solide Kenntnisse regte sich mein Geist und ich hatte Ideen. Warren hörte sie, hieß sie gut, und sie bewährten sich. Wir ersahen hie und dort unsern Vortheil, kauften wohlfeil ein, verkauften theuer und machten großen Gewinn.“

Bei dieser Mittheilung war die Baronin bedenklich geworden, und unwillkürlich rief sie: „Aber Sie werden doch nicht —“ — Sie hielt inne, das Wort wollte nicht über die Zunge. — „Betrogen haben?“ ergänzte Arthur heiter. „Mit nichten, verehrte Frau! — Erlauben Sie mir, bei dieser Gelegenheit überhaupt mich der Kaufmannschaft anzunehmen. Daß im Handel betrogen wird, ja, daß der Handel zum Betrug reizt, will ich nicht läugnen. Aber der Betrug ist hier, wie auf andern Gebieten, nur ein Surrogat für mangelnde positive Eigenschaften. Um als Kaufmann etwas zu erwerben, muß man Kenntnisse, Verstand, Einfälle, Muth und Glück haben. Wer dieß nicht hat und doch zu etwas kommen will, der wird sich auf Betrug legen. In der Regel wird aber gerade der Betrüger die kleinen und mittelmäßigen, der begabte und muthige Kaufmann dagegen die großen Geschäfte machen. Nur muß man die Dinge sehen, wie sie sind. Wenn ich ein Auge habe auf die politischen und merkantilischen Ereignisse, wenn ich in die Zukunft sehe, ihre Bedürfnisse erkenne und zu rechter Zeit mich in den Stand setze, sie zu befriedigen, so bin ich ein guter Geschäftsmann und kein Betrüger. Wenn ich mir Waaren verschaffe, wo sie billig, und sie dahin fördere, wo sie theuer sind, benachtheilige ich weder Verkäufer noch Käufer, im Gegentheil, ich diene beiden und verdiene ihren Dank. Ich nehme von dem, der abgeben will, und gebe ab an den, der nehmen will; ich befriedige die Wünsche beider und nütze beiden. Der Gewinn, der dabei abfällt, gebührt mir von Rechtswegen, denn ich habe gethan, was ihn zur Folge hat, und niemand gehindert, dasselbe zu thun. — Shakespeare, wie Sie wissen, nennt seinen Kaufmann von Venedig einen königlichen Kaufmann. Kann man denken, daß Antonio sich mit Betrug abgegeben hat? Aber solcher königlichen Kaufleute gibt es jetzt mehr als jemals. Es gibt Männer, die sich an dem Handel betheiligen mit dem vollen Bewußtseyn der segensreichen Wirkungen desselben für die Welt, Männer, deren Reichthum die Frucht ihrer Einsicht und ihres Fleißes ist und die von ihm noch dazu den achtungswerthesten Gebrauch machen.“

„Ich geb’ es zu,“ erwiederte die Baronin, „und sehe nun wohl, zu welchen Kaufleuten Sie sich gesellt haben.“ — Arthur fuhr fort: „Die Folge meiner Dienstleistungen war, daß mir Warren sein ganzes Vertrauen schenkte. Er gab mir davon den sprechendsten Beweis, indem er mich zu dem Posten eines Disponenten oder Handlungsvorstehers erhob.“ — „Das also,“ fiel die Baronin lächelnd ein, „war der bedeutende Posten, zu dem Sie sich emporgeschwungen haben? Ich will Ihnen gestehen, ich dachte, Sie wären wenigstens Major geworden. Nachdem ich Ihren ersten Brief aus Calcutta gelesen, glaubte ich nämlich nicht anders, als Sie hätten den Militärstand ergriffen.“ — „Damit sagen Sie mir nichts Neues,“ versetzte Arthur. „Ich konnte das schon lange aus Annas Briefen abnehmen. Allein gestatten Sie mir eine Bemerkung. Wenn ich auch Geld und Gunst genug gehabt hätte, um die dort gewöhnliche Zahl oder Unzahl von Concurrenten aus dem Felde zu schlagen und eine Lieutenantsstelle zu erlangen, so wäre ich dadurch in derselben Zeit doch schwerlich in den Stand gesetzt worden, mit solchen Erübrigungen nach Hause zu kehren. Ich will nicht läugnen, daß man auch als Offizier in Indien sein Glück machen kann, zumal wenn man in dieser Eigenschaft mit irgend einem diplomatischen Posten betraut wird; allein immer bleibt der Unterschied, daß der Offizier, wenn nicht außergewöhnliche Einflüsse im Spiele sind, die Gaben der Fortuna erwarten muß, während der Kaufmann ihnen entgegen gehen kann. Ich fühlte einen Drang, selbstständiger zu handeln, meine Gedanken rascher zu verwerthen, und wählte den Stand des Kaufmanns.“

„Das mag seyn,“ erwiederte die Baronin; „allein ich wurde zu meiner Annahme durch den Glauben verleitet, Offizier zu werden läge dem Baron Waldfels am nächsten.“ — „Ich begreife das,“ versetzte Arthur. „In Deutschland sieht man das so an, aber in England und in Indien hat man dafür einen andern Standpunkt.“ — Anna, die mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte, wagte hier die Mutter daran zu erinnern, daß das indische Reich einer Gesellschaft von Kaufleuten seine Gründung verdanke und noch von einer solchen regiert werde. „Die Armee steht im Dienste der Compagnie, sie wird von einem Manne befehligt, den diese gewählt hat, und es ist wohl natürlich, daß die Machthaber sich nicht unter ihren Dienern fühlen, wie ehrenvoll die Stellung derselben auch seyn mag.“

Frau von Holdingen erröthete ein wenig. Es war ihr begegnet, was so oft geschieht: sie kannte die Thatsachen, aber sie hatte nie diese Folgerung daraus gezogen. Arthur bemerkte: „Allerdings regiert in Indien eine Handelsgesellschaft, wenn auch nicht absolut, und diese Gesellschaft hat nicht nur Diener aus den ersten Familien Englands, sie hat auch Fürsten und Könige des Landes unter sich und schreibt ihnen die Wege vor, die sie wandeln sollen. Daß bei solchen Verhältnissen der Kaufmann, zumal wenn er Aktien der Compagnie besitzt, ein nicht geringes Selbstgefühl hat, ist schwerlich zu verwundern. Doch,“ setzte er hinzu, „das hat er auch in Deutschland, und man gönnt es ihm, wenn er reich ist.“ — „Nun wohl,“ rief die Baronin nicht ohne eine gewisse gute Laune, „ich bin überwunden und Ihre Erzählung wird von jetzt an vor meinen Einreden sicher seyn.“ — „Ich bitte Sie um das Gegentheil,“ versetzte Arthur. „Wenn mein Bericht Anlaß zu einer interessanten Erörterung gibt, so ist es um so besser. Lassen Sie mich übrigens bei dieser Gelegenheit noch gestehen, daß der Stolz der Geburt — und zwar nicht nur der, den man zeigen zu können glaubt, sondern auch der, den man innerlich hegt und aus Klugheit hinter Höflichkeit verbirgt — daß dieser Stolz, sage ich, für den, der nachzudenken pflegt, eben in Indien einer starken Probe ausgesetzt ist. Wenn man den Kastengeist in seiner vollendetsten Ausbildung und mit all seinen Folgen erblickt, wenn man jenen Stolz an Persönlichkeiten wahrnimmt, bei denen er uns absurd und lächerlich erscheint, wenn man überhaupt die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Prätensionen hervortreten sieht, die man schwach finden muß, so kann man sich wohl fragen, ob man nicht Ursache hat, das eigene Selbstgefühl eben so zu beurtheilen.“

Die Baronin mußte ihre Zusage schon jetzt brechen, indem sie sich nicht enthalten konnte, zu rufen: „Wie, wollen Sie Geburt und Stand für nichts erklären?“ — „Keineswegs,“ erwiederte Arthur mit Ernst. „In einer Welt, wo sich jeder seiner Vorzüge freut und sich etwas darauf zu gute thut, freue ich mich auch dessen, was mir zu Theil geworden ist, und namentlich des Glücks, unter meinen Vorfahren Männer zu wissen, die sich in Krieg und Frieden ausgezeichnet und das Ansehen verdient haben, dessen sie genossen. Ich sehe mit Liebe und Stolz auf die Bilder, die ihre Züge bewahren, und danke Gott, daß der Boden, auf dem sie gewandelt sind, wieder mein Eigenthum geworden ist. Baron Waldfels,“ setzte er heiter hinzu, „klingt schön, und ich freue mich, so genannt zu werden.“ — „Gut!“ rief die Baronin ebenfalls heiter; „aber? — denn ein Aber wird doch nicht fehlen.“ — „Aber,“ fuhr Arthur fort, „indem ich mich dieser Empfindung hingebe, sind meine Augen offen für die Vorzüge Anderer, ich bewundere diejenigen, mit welchen Gott die Geister und Herzen der Menschen ausgestattet hat, und ich empfinde Hochachtung, wo ich unter andern Umständen vielleicht nur eine gönnerhafte Billigung hätte blicken lassen, die uns nicht mehr zu Gesichte steht. Ich will es Ihnen gestehen, ich hatte dazu einen gewissen Hang und es war gut, daß ich durch das Schicksal davon geheilt wurde.“ — „Ich habe zwar,“ versetzte die Baronin, „von einem solchen Hang nichts bemerkt; indessen wollen wir Ihr Wort gelten lassen und dafür um die Fortsetzung Ihrer Geschichte bitten.“