Ein schlanker Mann, in eleganter, einfacher Kleidung, eilte ihnen entgegen und rief: „Willkommen!“ Es war Arthur. Der Wagen hielt. Anna, von der Rechten des Geliebten ergriffen, flog an seine Brust. Es war kein Traum! Sie hielten sich in ihren Armen, ihre Herzen schlugen an einander — ihr Glück war vollendet! Ein Wunder der staunenden Seele, war es helle, klare, selige Wirklichkeit! — Anna erhob ihr Haupt, Freudenthränen rollten aus ihren Augen, die an dem Geliebten hingen. Arthur streichelte die Thränen von ihren Wangen und sah sie aus feuchten Augen mit unendlicher Liebe an. Dann sagte er in herzlichem Ton: „Siehst du, Anna? unser Vertrauen hat uns doch nicht betrogen! Die muthig unternommene Arbeit ist gesegnet worden; Alles ist erreicht, was wir gehofft haben, ja mehr als das; der Himmel ist mir günstig gewesen um deinetwillen — selbst über meine Träume hinaus!“ — Anna rief: „Was soll ich thun, Arthur, um so viel Glück zu verdienen?“ — „Bleibe, wie du bist!“ erwiederte dieser liebevoll.
Die Baronin stand vor ihnen. Arthur ergriff ihre Hand, umarmte sie und rief: „Verzeihen Sie, liebe Mutter!“ — Diese erwiederte gerührt: „Der Braut gebührt der Vorrang. — Meine Augen haben das Schönste gesehen, was eine Mutter sehen kann — Ihre Liebe zu Anna ist dieselbe geblieben.“
Aus dem Thor, durch das der leere Wagen gefahren war, kamen der Rentier und der Pfarrer von Waldfels. Von Arthur geführt, begab sich die Gesellschaft in den Hof, wo die Damen von der Dienerschaft ehrerbietig begrüßt wurden. Die Glücklichen erkannten in allem die Zeichen des wiederhergestellten Glanzes, und von welchen Empfindungen mußten sie bewegt seyn, als sie nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder in das schöne Schloß eintraten!
Nach einer halben Stunde finden wir den kleinen Kreis in einem Zimmer vereinigt, dessen Wände mit den Familienbildern des Hauses Waldfels geschmückt waren und dessen Altan und Fenster die Aussicht in den Park boten. Während das verlobte Paar sich mit dem Geistlichen, der Rentier mit dem Sekretär unterhielt, saß die Baronin allein an der Seite und ließ ihre Blicke von Arthur zu einem Bilde gleiten, das einen stattlichen Krieger aus dem siebzehnten Jahrhundert vorstellte. Ihr schien, als ob ihr künftiger Schwiegersohn keinem seiner Ahnen mehr gliche als diesem, und sie fand es nun um so begreiflicher, daß die kriegerische Neigung desselben in ihm wieder erwacht sey. Arthurs Glieder waren beinahe so kräftig wie die des alten Generals, und sein Gesicht eben so gebräunt. Allerdings fehlte ihm die gewaltige Narbe, welche die Stirn des Vorfahren zierte, und wir können nicht verschweigen, daß die Baronin gleich nach der ersten Begrüßung in dem Gesicht des Wiedergekehrten nach einem solchen Zeugniß der Tapferkeit gesucht hatte. Allein es gibt glückliche Soldaten, die das Privilegium zu haben scheinen, unverwundet zu bleiben, und zu diesen mußte der Baron gehören. Die Neugierde, die sie bis jetzt unterdrückt hatte, regte sich aber bei dieser Vergleichung auf’s neue. Sie widerstand jetzt nicht länger, und zu der Gruppe tretend, erinnerte sie Arthur daran, daß er ihnen eine Erzählung seiner Schicksale und seiner Thaten schuldig sey. „Oder,“ setzte sie lächelnd hinzu, „wäre die Zeit dazu noch immer nicht gekommen?“ — „In der That, noch nicht ganz,“ erwiederte Arthur. „Wir haben bis zum Abendessen nur noch eine halbe Stunde, mein Bericht wird aber ziemlich lange dauern und ich will ihn daher Ihnen und mir erst nach einer entsprechenden Stärkung zumuthen. Ich mache Ihnen aber einen andern Vorschlag. Haben Sie die Güte, uns etwas von der letzten Zeit in Schönbach zu erzählen, von der wir hier nur sehr wenig und gar nichts Bestimmtes wissen.“
Die Baronin erklärte sich bereit. Nach einer kurzen Einleitung schilderte sie die Regentage und den Hagelschlag des vorigen Jahrs. Sie zeigte sich dabei in ökonomischen Ausdrücken so bewandert, daß Arthur sich nicht enthalten konnte, nach dem Bedauern ihres Unglücks auch seine Bewunderung ihrer landwirthschaftlichen Kenntnisse auszusprechen, was sie indeß mit einem leichten Achselzucken hinnahm, vielleicht um damit anzudeuten, daß die Kenntniß jener Ausdrücke noch lange nicht die Oekonomin mache. Als sie der Sorgen wegen des Ausbleibens einer Nachricht erwähnte, war Arthur betroffen. „Wie!“ rief er aus, „Sie haben meinen letzten Brief nicht erhalten?“ — Die Baronin erwiederte mit Bedeutung: „Wir haben keinen Brief von Ihnen erhalten seit mehr als anderthalb Jahren.“ — Arthur saß mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns da und sagte: „Ich bin sehr zu tadeln. Bei solcher Entfernung sollte man Nachrichten dieser Art in zwei oder drei nacheinander abgehende Briefe niederlegen, da die Möglichkeit des Verlustes um so viel näher liegt. Aber das Glück hatte mich verwöhnt: ich dachte nicht daran. — In diesem Schreiben,“ fuhr er zu Anna gewendet fort, „hatte ich dir gemeldet, daß ich Anstalt machte, meine Angelegenheiten in Ostindien zu ordnen und nach Europa zurückzukehren. Ausdrücklich war darin bemerkt, daß von dort aus kein Brief mehr nachfolgen würde.“ — Nach einer Pause begann die Baronin: „Eine Schilderung, wie wir unter solchen Umständen den Winter verlebten, will ich Ihnen erlassen.“ — Arthur, die Hand der Geliebten fassend, rief herzlich: „Verzeih mir!“ — Zuletzt schilderte sie den Brand in Schönbach, und die Männer äußerten ihre Verwunderung über diese Steigerung betrübender Erlebnisse. Arthur sagte: „Das Schicksal hat ungleich getheilt. Sie haben das Unglück gehabt und ich das Glück. Aber,“ setzte er hinzu, „mein Glück ist im Stande, Ihr Unglück zu decken.“ — „Es ist eigen,“ bemerkte Anna; „ich möchte mir jetzt das Unglück der letzten Jahre nicht nehmen lassen, sogar die Sorge und die Angst nicht, die ich um deinetwillen empfunden. Nur das erlebte Leid beruhigt das Herz bei allzugroßer Freude.“ — „Dieß,“ setzte der Geistliche hinzu, „ist unter andern der Zweck des Leides in der Welt. Aber in der Regel dankt man dem lieben Gott für das Mittel erst später.“
Nach Tisch saßen sie wieder in dem heimlichen Zimmer beisammen. Während des Essens hatte ein kurzer Gewitterregen die Natur erfrischt und balsamische Luft strömte durch die offenen Fenster. Die Sonne war unter-, der Mond aufgegangen, aber noch herrschte der Glanz im Westen. Niemand achtete der Schönheit des Abends; die Geister waren gespannt auf die Erzählung Arthurs. Dieser, neben Anna sitzend, begann endlich, indem er das Wort zunächst an die Baronin richtete.
„Sie wissen, daß mein Weg zuerst nach London ging. Dort lebte ein Kaufmann, ein Großhändler, den mein Vater vor etwa zehn Jahren sich verpflichtet hatte, indem er ihm bei einer Ehrensache einen wesentlichen Dienst leistete. Ich wußte dieß aus einem Dankschreiben, das sich unter den nachgelassenen Papieren fand, hatte mich brieflich an diesen Mann gewendet und Rath und Hülfe war mir zugesagt worden. In London stellte ich mich ihm vor. Ich fand einen rüstigen Fünfziger, der mich mit großem Wohlwollen aufnahm. Dadurch ermuthigt, theilte ich ihm sogleich mit, was in meinem Briefe schon angedeutet war: daß ich den Entschluß gefaßt habe, Kaufmann zu werden.“
Die Baronin wollte bei diesen Worten ihren Ohren nicht trauen. „Wie?“ rief sie, „Kaufmann? — daran dachten Sie? — Doch,“ setzte sie hinzu, indem sie sich bezwang, „ich will Sie nicht unterbrechen.“ — Arthur, der bei diesem erwarteten Ausruf ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, fuhr fort: „Herr Goodman — dieß war der Name des Kaufmanns — sah mich prüfend an und sagte dann mit Ernst: „Ich begreife, daß Sie einen Stand ergreifen wollen, in welchem Sie das Glück, das Sie suchen, am schnellsten und sichersten erreichen zu können glauben. Allein es ist möglich, lieber Freund, daß Sie diese Laufbahn gar viel anders finden, als Sie erwarten, und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen. Das Erlernen der Kaufmannschaft hat für eine gewisse Art von Menschen seine großen Unannehmlichkeiten. Ob Sie in Ihrem Alter und — wie er lächelnd hinzusetzte — als deutscher Edelmann dabei aushalten, das ist noch die Frage. Aber angenommen Sie bleiben standhaft und erlangen eine Stellung, in der Ihre Arbeit sich lohnt, so haben Sie bei der consequentesten Thätigkeit und Umsicht auch noch ungewöhnliches Glück nöthig, wenn Sie das Ziel, das ich aus Ihrem Brief kenne, endlich erreichen wollen. Ist Ihnen das Glück nicht günstig, werden Ihnen bloß die Früchte des Fleißes zu Theil, so verfehlen Sie Ihren Zweck.“
„Gut,“ rief hier die Baronin, „das schreckte Sie ab und Sie suchten —“ — „Keineswegs,“ fiel Arthur ein, „das schreckte mich nicht ab, denn ich war auf solche Einwendungen vorbereitet. Ich erwiederte mit Entschiedenheit, mein Entschluß sey reiflich erwogen, ich fühle mich zu dieser Thätigkeit hingezogen und habe mehr Vorkenntnisse, als er mir vielleicht zutraue; Mühen und Anstrengungen vermöchten mich nicht abzuschrecken und ich könne mich des Glaubens nicht erwehren, daß ich auf diesem Wege erreichen werde, was ich suche. Herr Goodman, der mich mit Ruhe angehört hatte, ergriff nun meine Hand mit jener männlichen Herzlichkeit, welche der Engländer denjenigen zeigt, die ihm gefallen. „Wenn das ist,“ versetzte er, dann will ich nicht mehr abmahnen, sondern helfen.“ Er hielt Wort — und Arthur Waldfels trat als Lehrling in seine Handlung ein.
Diese Eröffnung machte auf die Baronin und Anna einen gleich starken, aber sehr verschiedenen Eindruck. Die Verlobte, die sich zwar immer zu der Annahme der Mutter geneigt, aber sich nie ganz für sie entschieden hatte, war bei den ersten Worten Arthurs im Klaren. Gehörte nun auch nach ihrer Ansicht ein ungewöhnlicher Entschluß dazu, einen solchen Stand zu ergreifen, so war die Ausführung nur ein Beweis mehr für die Tiefe und Innigkeit seiner Liebe. In ihr erweckte daher diese Mittheilung nur Rührung, und aus ihren Mienen sprach eine herzliche Genugthuung. Frau von Holdingen dagegen erschien ganz außer Fassung gebracht. Mit der Röthe der Verlegenheit auf ihrem Gesicht rief sie: „Kaufmannslehrling! — ein Baron von Waldfels — — Ah,“ setzte sie nach einem Moment auf die Ahnenbilder deutend hinzu, „was würden diese da zu einem solchen Schritt ihres Abkömmlings gesagt haben!“ — „Diese da,“ entgegnete Arthur, „würden sich wohl nicht in der Lage befinden, von Ihnen gegenwärtig angerufen zu werden, wenn ich jenen Schritt nicht gethan hätte!“