Zwei Tage später, um die Mittagsstunde, finden wir Mutter und Tochter im gemeinschaftlichen Zimmer des Schlößchens. Anna war in eine Ecke des Sophas gelehnt, ihr Gesicht war bleich, aber es drückte eine Melancholie aus, die nicht ohne einen gewissen Schein von Heiterkeit war — die Frucht der Ergebung. Wenn der Verlust eines theuren Wesens die Seele in tiefe Trauer versetzt, so weiß der Glaube ja, daß dieses Wesen nicht für immer verloren ist, und das Gefühl des Besitzes über die Welt hinaus wirft ein sanftes Licht in das Dunkel des Leids. Aber das Herz der Liebenden war auch durch die Hoffnung erhellt, welche nicht abließ, sich wieder und wieder in ihr zu erheben. Es war ein sonderbarer Zustand: eine Entsagung durch Hoffnung, und eine Hoffnung durch Entsagung gedämpft; ein Schweben durch eine milde Region der Trauer, deren Ende als Möglichkeit vor der Seele steht.
Die Mutter sah das schweigende Kind mit tiefer Besorgniß an. Sie erblickte in ihr nur ein hinwelkendes Bild der Resignation, und bei dem plötzlich aufsteigenden Gedanken, daß der Anfang einer Krankheit da seyn könnte, die sie dem Grabe zuführen müßte, fuhr sie erschreckt zusammen.
In diesem Augenblick trat der alte Diener ein und meldete einen Fremden, der sich Theodor Schmidt nenne und die gnädige Frau um einige Minuten Gehör bitte. — „Vielleicht ein Zimmermeister aus der Nachbarschaft, der sich um den Bau bewerben will. Führ’ ihn her!“ — Als der Fremde erschien, sah die Baronin gleich, daß sie sich geirrt hatte. Es war ein elegant gekleideter Mann in den Dreißigen, dessen Haltung den feiner Gebildeten, dessen Figur und Dialekt den Norddeutschen verriethen. Der Fremde begann: „Ich habe —“ einen Blick auf Anna werfend, hielt er jedoch inne, zog die Hand, die er der Brusttasche genähert hatte, wieder zurück und sagte nach kurzem Bedenken: „Ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu überbringen.“ — Anna sah ihn an; die Mutter erwiederte: „Eine gute Nachricht? Zögern Sie nicht, werther Herr, wir bedürfen einer solchen.“ — Der Fremde fuhr fort: „Ich bin beauftragt von dem Herrn Baron von Waldfels —“ Anna, die keinen Blick von ihm verwendet hatte, rief: „Arthur von Waldfels? — Er lebt? Er ist gesund?“ — „Er lebt und ist gesund,“ erwiederte der Fremde. „Er befindet sich in Deutschland und ich bin beauftragt, die verehrten Damen zu ersuchen, meine Begleitung zu ihm anzunehmen.“ — Anna starrte ihn an; das Zuviel des Glücks machte sie mißtrauisch, aber das ehrliche Gesicht des Fremden tröstete sie wieder. „Ist es möglich?“ rief sie, indem eine glühende Röthe ihre Wangen übergoß, „ist es möglich?“ — Der Fremde nahm einen Brief aus der Tasche und übergab ihn Anna. Diese öffnete ihn und las und Entzücken leuchtete aus ihrem Gesicht.
Der Brief lautete: „Auf dem Boden des deutschen Vaterlandes, aus seiner ersten Handelsstadt, begrüße ich dich, Geliebteste, und die innig verehrte Mutter. Ich lebe des Glaubens, daß dieser Brief die theuersten Wesen, die ich auf der Erde habe, gesund antreffen wird und bereit, mein Glück zu theilen. Ich bin wiedergekehrt, nachdem ich den Zweck, um dessen willen ich ausgegangen bin, erreicht habe, mit tiefem Dank gegen den Himmel, der meine Thätigkeit über Erwarten gesegnet hat. Der Ueberbringer, mein Sekretär, dessen Treue erprobt ist, wird dich und die geliebte Mutter zu mir geleiten. Folge ihm und erfahre bei deiner Ankunft, warum es mir nicht möglich war, selber zu dir zu eilen.“
Frau von Holdingen hatte die Tochter, als sie den Brief nahm und öffnete, mit der höchsten Spannung betrachtet; auch ihr war das Glück zu unerwartet gekommen, als daß sie sich dem Glauben daran sogleich hätte hingeben können. Aber durch die Wonne der Liebenden sah sie die Nachricht bestätigt und Thränen füllten die Augen der geprüften Frau. Sie trat näher; Anna rief mit himmlischer Freude: „Es ist wahr! Mutter, liebe Mutter!“ und fiel ihr um den Hals. Lange hielten sie sich umfaßt. Die Ueberglückliche weinte am treuen Mutterherzen und ihre Thränen wollten kein Ende nehmen. Endlich richtete sie sich auf und sagte: „Das vollkommenste Glück, ein Glück, das mir keinen Wunsch mehr übrig läßt, war mir aufgespart — und ich hatte den Glauben daran verloren und war verzweifelt! Ich habe die Probe nicht ausgehalten, auf die ich gestellt wurde, und bin beschämt!“
Im Laufe des Gesprächs vernahmen sie, daß der Sekretär schon längere Zeit in Arthurs Diensten stehe. Die Mutter forderte ihn wie gelegentlich auf, etwas von den Schicksalen des Barons mitzutheilen. Aber jener versetzte, er bedaure, diesem Wunsche nicht entsprechen zu können; die Erzählung seiner Schicksale habe sich Herr von Waldfels selber vorbehalten. — „Ah,“ rief die Baronin heiter, „noch immer geheimnißvoll! — Nun,“ setzte sie mit Selbstgefühl hinzu, „wir glauben die Hauptsache errathen zu haben und können uns für das Uebrige noch einige Tage gedulden.“
Am andern Morgen fuhr ein Postillon mit einem stattlichen Reisewagen vor, den Arthur den Damen entgegengeschickt hatte. Unter fröhlichem Blasen ging es durch das Dorf, wo die am Wege stehenden Leute Grüße und Glückwünsche nachriefen. Bald rollte der Wagen auf der weißen Landstraße fort. Mit welcher Heiterkeit sah Anna die schönen Saaten, den grünen Wald und alles, was sich ihren Blicken darbot! Wie freundlich und wie heimlich sprach sie alles an! — Sie saß da so leicht, mit so edler und freier Haltung, daß Wagen und Pferde für sie erfunden zu seyn und keine höhere Aufgabe zu haben schienen, als ihr zu dienen.
Am zweiten Nachmittag fuhren sie durch eine Gegend, die den Damen bekannt war. Etwa drei Meilen weiter nach Westen lag das Thal mit Waldfels und dem Landhause. Anna sah hinüber und konnte nicht umhin, ein Bedauern zu empfinden, daß dem Bräutigam das schöne Gut seiner Ahnen verloren seyn sollte. Vor Kurzem hatte ein Besucher nach Schönbach die Nachricht gebracht, daß die Besitzung wieder verkauft worden sey. Sie hatte dieß unbewegt vernommen; wie konnte für die Tiefbetrübte eine solche Veränderung Bedeutung haben? Aber im Glück regen sich neue Bedürfnisse; wenn die großen Wünsche erfüllt sind, dann tauchen die kleineren wieder auf, denn die Menschenseele strebt nach dem Vollkommenen. Jetzt, mit den höchsten Geschenken des Himmels begnadigt, empfand sie in der That ein Verlangen nach dem Besitz von Waldfels, und es that ihr ernstlich leid, ihm entsagen zu müssen.
Die Seitenstraße, die nach dem Thale führte und zunächst einen kleinen Hügel hinanstieg, wurde sichtbar. Anna machte die Mutter darauf aufmerksam. Diese, ihre Gedanken errathend, rief in bedauerndem Tone: „’s ist Schade!“ — Die Anschauung ihres Gefühls an der Mutter brachte aber das Mädchen zur Selbsterkenntniß und sie sagte: „Was doch die Menschen ungenügsam sind! Ich habe das Höchste erlangt — ein Glück, dessen ich mich unwerth fühlte und das ich nicht tragen zu können glaubte; und jetzt wünsche ich eine Zugabe! — — Weg mit den Augen!“ sagte sie zu sich selbst und richtete die Blicke die Linie entlang, auf der sie dem Geliebten näher kommen sollte.
In andere Gedanken verloren, gewahrte sie es nicht, daß der Postillon in die Seitenstraße einbog; aber Frau von Holdingen rief: „Was ist das?“ und sah den Sekretär mit betroffen fragendem Blick an. Dieser versetzte mit einem Lächeln: „Wir fahren die rechte Straße, gnädige Frau.“ — Anna, die den Ausruf der Mutter und diese Antwort vernommen hatte, sah, wo sie war, und wie ein elektrischer Funke zuckte eine Ahnung durch ihre Seele. Der neue Käufer von Waldfels war Arthur! Sie sollte den Geliebten in der Besitzung seiner Ahnen wiedersehen — auch ihr letzter Wunsch sollte erfüllt werden! Mit erglühten Wangen faßte sie die Hände der Mutter und sah in ein Antlitz, aus dem ihr derselbe Glaube entgegen blickte. Und dieser Glaube wurde vom Abgesandten bestätigt — durch Schweigen. — Wie wonnig klopfte das Herz der Liebenden, wie selig lächelte sie, als der Wagen weiter und weiter rollte und sie dem Bräutigam näher und näher brachte! Endlich fuhren sie in das Thal ein, das im reichen Schmuck des Frühlings prangte. Der letzte Zweifel schwand. Sie sahen das Landhaus, sie sahen das Städtchen, aber ihre Blicke richteten sich nach Waldfels. Dort lag es, überglänzt von der Abendsonne, das Schloß mit dem Park, die Krone des Dorfs. Das Posthorn schmetterte — wie anders klangen jetzt seine Töne zum Wiedersehen, als vor Jahren zum Abschied! Der Wagen rollte in die alte Allee, dem Thore zu, das mit Blumen geziert hersah.