Auch die Baronin trug das vollendete Unglück besser als das drohende, und war zunächst bemüht, die Mittel zur Fortführung ihres Haushalts herbeizuschaffen. Sie bedurfte einer namhaften Geldsumme und erhielt sie von dem befreundeten Rentier, mit dem sie von Zeit zu Zeit Briefe gewechselt hatte. Als der Bedarf durch Einkäufe gedeckt war, sah sie der Zukunft mit ruhigerem Herzen entgegen. — Es war dennoch ein trauriger Herbst. Zu dem trüben Gefühl, das eine verkümmerte Wirthschaft erregt und erhält, kam eine neue, schwerere Sorge. Seit dem vorigen Sommer war keine Nachricht von Arthur eingegangen. Man konnte freilich denken, daß wieder ein Brief verloren gegangen sey, oder daß der Verlobte Gründe gehabt habe, die Absendung eines Berichts zu verzögern. Allein in Folge des erlebten Unglücks und der Noth, welche die beiden Frauen mit Augen sahen, ohne ihr abhelfen zu können, waren ihre Seelen der Furcht zugänglicher geworden; sie ängstigten sich durch düstere Vorstellungen, über die sie sich nur mit Anstrengung wieder zu erheben vermochten.

Am Ausgang dieser Jahreszeit erhielten sie von dem Rentier eine Nachricht, die auch nur einen unerfreulichen Eindruck auf sie machen konnte. Herr von Pranger, dessen Vermögensverhältnisse durch die Lebensweise der Familie schon angegriffen waren, hatte in Folge großer Verluste, die er bei zwei Bankerotten erlitten, seine Zahlungen einstellen müssen; das Gut Waldfels befand sich in den Händen seiner Gläubiger. „Auch andere Leute haben Unglück,“ sagte Anna zur Mutter. „Mich dauert die Familie und namentlich die gute Frau.“ — „Und mich,“ bemerkte die Mutter, „dauert auch die schöne Besitzung, die jetzt dem Schicksal der Zertrümmerung schwerlich entgehen wird. Doch — das Unglück mag seinen Lauf nehmen!“

Die moralische und religiöse Kraft Annas wurde im Laufe des Winters auf die stärkste Probe gestellt. Sie erhielt keine Nachricht von dem Geliebten. Die Annahme, daß auch ihn ein Unglück betroffen habe, mußte für Anna an Wahrscheinlichkeit gewinnen, und sie erfuhr dabei, daß auch der festeste Wille nicht im Stande ist, das angefochtene Menschengemüth immer aufrecht zu erhalten; daß die Kraft des Menschen im glücklichsten Falle nur so weit reicht, aus den Niederlagen sich wieder zu erheben und weiter zu kämpfen. Ihr Leben wurde ein Wechsel von unüberwindlicher Trauer und von stiller Ergebung und Erhebung des Geistes. Wer Gott vertrauen gelernt, der wird sich freilich in dem Glauben, daß zuletzt alles ein gutes Ende finden werde, nicht erschüttern lassen; aber er muß darum nicht für nothwendig halten, daß schon im irdischen Leben die Krönung seiner Wünsche erfolgen werde. Für dieses Leben kann er, wie ja so viele seiner Mitmenschen, zum Unglück, zur Entsagung verurtheilt seyn. Je inniger er aber an jenen Wünschen hängt, um so peinvoller wird es für ihn seyn, an ihrer Erfüllung verzweifeln zu müssen, und nur in den geistigsten Momenten wird er seine Schmerzen unter sich drängen können.

Die Gemüthsbewegungen, denen das gute Mädchen ausgesetzt war, griffen zuletzt auch ihre Gesundheit an. Sie verlor die Farbe und die zierliche Rundung ihrer Wangen, den Glanz ihres Auges. Die Mutter sah sie mit Blicken tiefen Kummers an. Ein so edles Kind, ein so herrliches Geschöpf, sollte es wirklich um das Glück des Lebens betrogen und dem Leide geweiht seyn? — Traurig senkte sie das Haupt und ein schmerzlicher Seufzer entrang sich der Brust.

Es war nur eine Mehrung ihrer Betrübniß, als ein wohlhabender adeliger Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der Anna schon früher eine gewisse Aufmerksamkeit gewidmet hatte, durch eine Verwandte anfragen ließ, ob sie seine Bewerbung mit günstigen Augen ansehen würde. Aus den Reden der Dame ging hervor, daß sowohl sie als ihr Cousin das Verhältniß Annas gelöst, d. h. von dem entfernten Verlobten aufgegeben glaubten und eben dadurch sich zu der Anfrage ermuthigt fühlten. Frau von Holdingen schüttelte bei dieser Eröffnung den Kopf und schwieg kummervoll. Den Mund Annas umspielte ein eigenes Lächeln und sie erwiederte: „Ich danke Herrn von ** für seine gütige Gesinnung; aber mein Verhältniß mit Arthur von Waldfels ist nicht gelöst und wird sich niemals lösen. Ich weiß, daß er gesinnt ist wie ich, daß er Treue halten wird bis zum letzten Athemzug. Wenn er aber todt wäre, so würde ich dennoch ihm und nie einem andern gehören.“ — —

Endlich begann ein neuer Frühling, und zwar so schön, daß auch die bedrücktesten Seelen sich etwas erleichtert fühlen mußten. Ein guter Jahrgang war an der Zeit und alle Anzeichen verhießen ihn. Als Frau von Holdingen bei einem gelegentlichen Blick in die leere Scheuer den Kopf schüttelte, sagte der Baumeister, der es bemerkt hatte: „Sie wird wieder voll werden. Ich prophezeie dießmal ein Jahr wie das erste, das Sie in Schönbach zugebracht haben.“

Die Prophezeiung traf ein, und doch sollte sich die erste Versicherung als eine Täuschung erweisen. In einer Nacht des Mai wurden die Bewohner des Schlößchens durch Feuerlärm geweckt. Es brannte im Nachbarhause. Als die Baronin aus dem Fenster sah, hatte die Flamme bereits auch ihre Wirthschaftsgebäude ergriffen. Mit größter Mühe wurden die Ställe geräumt und das Wohnhaus gerettet; von Scheuer und Viehhaus blieben nur die Mauern übrig. — Es heißt, kein Unglück komme allein, und dieser Spruch hat eine reiche Erfahrung für sich. Man kann die Thatsache aus der Natur und dem Zweck des Unglücks erklären, oft aber enthält das erste schon einfach den Keim des folgenden in sich. Im gegenwärtigen Fall hatte der Brand zu dem Hagelschaden eine genaue Beziehung. Frau von Holdingen hatte die zerschlagenen Ziegeldächer an den Wirthschaftsgebäuden vorläufig nur mit Stroh decken lassen und die rechte Wiederherstellung besseren Zeiten vorbehalten. Das Stroh hatte Feuer gefangen, wo Ziegel ohne Zweifel widerstanden hätten, bis Hülfe gekommen wäre; und so war der erste Verlust an dem zweiten Schuld geworden.

Das Wohlwollen, das die Baronin bei verschiedenen Gelegenheiten den Dorfleuten bewiesen hatte, wurde ihr jetzt vergolten. Die bemittelten Familien erboten sich eifrig, das obdachlose Vieh in ihre Ställe aufzunehmen. Gerührt machte sie von dem Anerbieten Gebrauch und im Anschauen der herzlichen Theilnahme fiel ein Schein des Trostes in ihre Seele. Aber dieser verschwand bald wieder. Die schlimmste Frucht des fortgesetzten Unglücks ist der Wahn, daß man ganz von Gott verlassen und einer unheilbringenden Macht verfallen sey. Wenn ein solcher Mißglaube in edlen Herzen nicht Wohnung nehmen kann, so kann er sie doch in einzelnen Momenten anfallen und zu Boden drücken. Noch immer war keine Nachricht von Arthur eingetroffen! Mußten die Frauenseelen, die all ihr Glück auf ihn gesetzt hatten, nicht endlich von Verzweiflung ergriffen werden? Mußte das Schreckbild seines Untergangs dem geängsteten Mädchen nicht näher und näher treten? Als der Dorfbote von der Post noch einmal zurück kam, ohne das ersehnte Schreiben mitzubringen, war die Kraft der Armen erschöpft und ohne Widerstand brach sie zusammen. Ihre Thränen flossen, als ob sie die Seele in ihnen hinströmen wollte. Die Mutter richtete sie auf und mit der Stärke der Pflicht und der Liebe hielt sie das unglückliche Kind in den Armen.

VI.

Die Stürme des Herzens gleichen in ihrer Wirkung den Gewitterstürmen. Sie vertreiben aus der Atmosphäre der Seele die niederdrückende Schwüle und schaffen Raum für ein stilles und mildes inneres Leben. In einem Anfall von Verzweiflung, der in einen Strom von Thränen endet, wird eine Last abgeworfen. Was dem Menschen vorher unmöglich war, das wird ihm dann leicht, was er vorher mit größter Anstrengung nicht von sich zu erlangen vermochte, das kommt beinahe von selber. Es ist dieß mit ein Beweis, daß im Menschen eine Natur wohnt, die ihr eigenes Leben hat und nicht berufen zu seyn scheint, dem Geiste jederzeit Gehorsam zu leisten.