In ähnlicher Art wie das eben geschilderte vergingen vier Jahre. Es waren in ökonomischer Hinsicht gute Jahre, wo beim Gedeihen des Ganzen einzelnes Unglück in Feld und Stall nicht in Betracht kommen konnte. Frau von Holdingen sah sich nicht nur in den Stand gesetzt, ihre häusliche Einrichtung zu verbessern und zu verfeinern, sondern zuletzt auch eine Summe Geldes auszuleihen. — Sie hatte dabei ein höchst behagliches Gefühl und blickte mit um so größerer Sicherheit in die Zukunft, als auch die Nachrichten von Arthur fortwährend günstig lauteten. — Von diesem liefen jährlich in der Regel zwei Schreiben ein, theils aus Calcutta, theils aus andern ostindischen Plätzen. Sie zeugten von der Unwandelbarkeit seiner Gesinnung, von der guten Laune, womit er die Mühen seines Berufes ertrug, von seinem immer vorwärts strebenden Geist. In dem ersten hatte er den Damen zu der Erwerbung von Schönbach gratulirt, aber heiter hinzugefügt, daß er sich nun erst recht aufgefordert fühle, für ein gehöriges Aequivalent zu sorgen. Die letzten Briefe meldeten, daß er viel im Lande herumgekommen, manche Gefahr bestanden und zu einem ansehnlichen Posten vorgerückt sey. Frau von Holdingen sah dadurch ihre Ansicht vollkommen bestätigt, fand es aber um so unbegreiflicher, daß er aus der Wahl seines Standes auch jetzt noch ein Geheimniß machen wolle und nicht einmal jenen ansehnlichen Posten, zu dem er sich aufgeschwungen, näher bezeichne. Anna setzte den Geliebten in Kenntniß von allem, was in ihrem Kreise geschah, und machte ihm bei natürlichen Anlässen auch Mittheilungen über ihr inneres Leben. Wenn sich diese Verlobten nun auch nicht so häufig schreiben konnten, wie andere, so waren ihre wenigen Briefe doch um so gehaltvoller und gedankenreicher.
Bei längerer Muße, zumal in Winterszeiten, ermangelte die Mutter nicht, an der weiteren Ausbildung ihrer Tochter für das höhere gesellige Leben zu arbeiten. Sie hatte die Freude, sich von dieser in Sprachen und sonstigen literarischen Kenntnissen eingeholt, zum Theil überflügelt zu sehen; aber noch immer vermißte sie manches in den Stücken, die zur Repräsentation gehören. Als sie einmal wieder eine Ausstellung zu machen hatte und eine Ermahnung folgen ließ, antwortete Anna mit einem Lächeln, das zu sagen schien, die Mutter lege diesen Dingen eine zu große Wichtigkeit bei. Die Baronin aber bemerkte gleichfalls heiter: „Man muß auf alles gerüstet seyn. Wenn dein Bräutigam mit einem Nabobsvermögen zurückkehrt und eine seinem Reichthum entsprechende Stellung im Vaterlande erlangt, so soll er eine Frau haben, die ihm durch die Würde und Grazie ihrer Erscheinung Ehre zu machen versteht.“
Die Gunst des Schicksals hat auf die meisten Herzen eine sichermachende Wirkung. Es gehört schon eine eigenthümliche Erfahrung und eine Gewohnheit des Nachdenkens dazu, wenn man in der Mitte guter Tage an die bösen denkt, die kommen möchten, und sich darauf gefaßt macht. Die hoffende und vertrauende Natur wird das in der Regel vergessen und glauben, was heute war, müsse auch morgen seyn, und doch ist die ungetrübte Dauer der Wohlfahrt das Seltene, ihre Störung das Gewöhnliche im Leben.
Der sechste Frühling, den Mutter und Tochter in ihrem Besitzthum verlebten, war von besonderer Schönheit. In den ersten Tagen des Mai sagte Anna zum Baumeister: „Wir werden ein sonniges Jahr haben.“ Dieser versetzte bedenklich: „Wenn wir nur nicht zu viel Sonne bekommen! Unsere Felder können eher noch einen nassen als einen gar zu trockenen Jahrgang ertragen, und ich fürchte —“ — „Keine schlimme Prophezeihung!“ fiel Anna ein. „Es ist noch immer recht geworden.“ — „Eben deßwegen,“ meinte der Baumeister, „kann es auch einmal schief gehen. Doch wir wollen das Beste hoffen.“
Der Himmel erfüllte nicht, was der gefällige Mann hoffte, sondern was der erfahrene fürchtete. Nach wenigen Wochen schon konnte sich Anna von den schlimmen Wirkungen der alleinherrschenden Sonne überzeugen. Die Feldfrüchte hatten eben zu der Zeit keinen Regen erhalten, wo sie dessen am meisten bedurften; sie waren zum großen Theil verdorrt, selbst auf den besten Plätzen verkümmert. Und das Jahr behauptete den einmal angenommenen Charakter. Regentage waren selten, die heißen schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bäche trockneten ein, der Boden bekam Risse, die Natur verschmachtete. Wie sehnsüchtig sahen die armen Bewohner der Gegend nach einer Wolke zum Himmel auf! Wie freuten sie sich, wenn sie endlich erschien und sich ausbreitete! Aber sie ging, wie sie gekommen, und später erfuhr man, daß sie ihren Segen anderswo niedergeströmt hatte. — Das Sonnenlicht, das die Welt verschönt und Aug und Herz erquickt, wurde den Menschen eine Qual, sein Wieder- und Wiedererscheinen fürchterlich.
Es war ein Mißjahr und hatte rings bedeutende Verluste zur Folge. Die Baronin, bei welcher die Ausgaben die Einnahmen ebenfalls erklecklich überstiegen, mußte die angelegte Summe zurückfordern und großentheils verbrauchen. Glücklicherweise hatten die benutzten guten Jahre die bemittelteren Familien in den Stand gesetzt, ein Fehljahr auszuhalten; die Noth wurde nicht so groß, als man besorgte, und an Frau von Holdingen kamen von armen Familien des Dorfes nur so viele Bittgesuche, als sie allenfalls befriedigen konnte. Sie wurde von der Tochter angetrieben, so viel als möglich zu thun; denn für diese hatte der Sommer wenigstens eine herrliche Frucht gebracht: ein Schreiben Arthurs, worin er meldete, daß ihn das Glück auf’s neue begünstigt, und daß er, wenn es so fortfahre, die geliebte Braut in zwei bis drei Jahren hoffe wiedersehen zu können. Ihr gerührtes Herz fühlte sich nun um so mehr gedrängt, zu helfen und Freude zu machen, wo sie konnte.
Der in diesem Jahre vergebens erflehte Regen kam im nächsten Frühling reichlich; schöne Tage fehlten nicht, man konnte sich ein fruchtbares Jahr versprechen. Leider überwog der Regen nach und nach, die schönen Tage wurden eine Ausnahme, der Segen des Feldes drohte in Nässe zu verkommen. Neue und schwerere Sorgen ängstigten die Herzen der Landleute. Es war nicht bloß der Schmerz über den Verlust, der sie quälte, es war auch das uneigennütze Leid: die Früchte, die so schön gewachsen, so kläglich verderben zu sehen. Und dieses Leid erneuerte sich fortwährend; denn es ist dem Landmann unmöglich, ein für allemal zu resigniren. Sobald die Wolken sich wieder ein wenig verziehen, hofft er wieder, und die Nichterfüllung schmerzt auf’s neue. Das stete Dunkel der Regentage wirkt an sich niederschlagend, und man möchte verzweifeln, wenn man es jeden Morgen die Welt verdüstern sieht.
Frau von Holdingen wurde in große Betrübniß versetzt. Sie konnte im Fall eines neuen Fehljahres Noth und Verlegenheit nicht vermeiden, und diese Vorstellung entriß ihr nicht selten unmuthsvolle Ausrufungen. Anna machte die Beobachtung, daß die Dorfleute das drohende Unglück mit mehr Ruhe ertrugen, und daß ihre Klagen gelassener waren, als die der Mutter. Sie wunderte sich über diesen Umstand, der doch ganz natürlich war. Diejenigen, die mehr gewohnt sind, ihren Willen und ihre Wünsche geltend zu machen, empfinden es um so schmerzlicher, wenn das Geschick sich ihnen entgegenstellt, während Schultern, die für gewöhnlich mit Lasten beschwert sind, einmal außergewöhnlich noch mehr tragen können.
Endlich hellte der Himmel sich auf und es kam eine Reihe schöner Tage. Das Wort des Baumeisters, daß die Felder von Schönbach noch eher Nässe als Dürre ertragen könnten, bewährte sich. Manches war verdorben, das übrige erholte sich wieder. Die Getreideernte begann und die Gesichter erheiterten sich, denn die Frucht war besser, als man erwartet hatte; aber kaum hatte man ein Drittel davon eingebracht, als ein Wetter am Himmel aufzog und ein Hagelschlag der stärksten Art alles, was noch draußen stand, im Lauf einer Viertelstunde vernichtete.
Wer ein solches Ereigniß miterlebt hat, der kann sich sagen, daß er die schrecklichste Erfahrung des Landmanns kennen gelernt. Was als bloße Vorstellung die Seele erbangen macht, das steht als grausame, unwiderrufliche Wirklichkeit vor Augen! Der herbste Verlust wird zugleich unter den erschütterndsten Formen erlitten! Dießmal wurde das ohnehin Fürchterliche des Schauspiels noch dadurch erhöht, daß die ungewöhnlich großen Hagelkörner auch die Ziegel auf den Dächern zerschlugen und das Zerknallen und Herabstürzen derselben das Getöse des Sturmes noch schauerlicher machte. Es war den armen Bewohnern des Dorfes, als ob die Welt untergehen sollte. Frau von Holdingen und Anna hatten sich bei den Händen gefaßt; ihre Gesichter waren erbleicht und ihre Seelen rangen mit dem Schrecken. Als die Betroffenen den Schaden besichtigten, erneuerte sich der Jammer: die Wirklichkeit übertraf die schlimmsten Befürchtungen. Ein so vollkommener Verlust hat aber wenigstens das Gute, daß man die Pein des Verlierens mit einemmal absolvirt. Man hat in dieser Richtung nichts mehr zu hoffen, aber auch nichts mehr zu fürchten; die Sache ist abgethan und in dem gefolterten Herzen kann die Ruhe der Entsagung Platz nehmen. So fügten sich nun die armen Landleute in das Unabänderliche und suchten zu retten, was noch zu retten war.