Der Winter war ziemlich streng, die Familie Monate hindurch eingeschneit. In der Einsamkeit, die nur durch wenige Besuche unterbrochen wurde, trat der in Anna liegende Hang zum Nachdenken hervor, und sie fand eine Lust darin, sich ihm hinzugeben. Beziehungen, in denen man sich auf Glauben und Hoffen angewiesen sieht, begünstigen ohnehin die Einkehr in sich selbst und die Vergeistigung des Menschen. Die höchsten Wünsche, die man hegt, finden jetzt nur Befriedigung im Seelenleben; wie natürlich, daß man dieses pflegt und hochhält. Und je mehr man äußerlich entbehrt, desto mehr gewinnt man innerlich. Je weniger man von der sinnlichen Wirklichkeit ergriffen ist, desto freier entfalten sich die Blüthen des Geistes. Wenn aber der Mann durch das Nachdenken über sich selbst, über Gott und Welt, rechtshin oder linkshin, zu dieser oder jener eigenthümlichen Ansicht geführt werden kann, so wird die weibliche Seele in der Regel zu einer religiösen Anschauung gelangen. Die Lehren der Religion werden ihr auf dem Wege des Nachdenkens entgegen kommen und der Lohn desselben wird seyn, daß sie in jene Lehren eine tiefere Einsicht gewinnt, daß sie in ihr lebendig, ihr wahres Eigenthum werden. — Das war bei Anna der Fall. Die Frucht ihres Nachdenkens bestand darin, daß das Verhältniß zu Gott, welches dem Christen durch seinen Glauben geboten und in gewissem Sinn anerzogen wird, für sie ein selbstständig gesuchtes und erlangtes wurde, daß ihr in dem, was sie bisher nur kindlich geglaubt hatte, ein neues Licht aufging, welches sie in ihrem Glauben befestigte.
Es wäre eine schöne Aufgabe für den Denker, die verschiedenen Arten, wie die Menschen sich zu Gott verhalten können, im Zusammenhang darzustellen und zu beurtheilen. Welch eine Reihe von Möglichkeiten — von der Denkweise, die vor der Welt Gott nicht sieht, ohne sich ihm ganz entziehen zu können, bis zu derjenigen, die vor Gott die Welt nicht sieht! Von der Religiosität solcher, die sich begnügen, Gott die äußere Ehre zu erweisen und sich nur in der Noth von Herzen an ihn wenden können, bis zu der Innigkeit des Frommen und Weisen, der erkennend und liebend in Gott lebt! Wie viele Abstufungen sind in jeder Hauptrichtung möglich, und wie erscheint jede derselben in der Wirklichkeit motivirt und charakteristisch! — Die Religiosität, die ihrer selbst mächtig, die der Gerechtigkeit und Milde gegen die Welt fähig ist, ohne an Kraft und Wärme zu verlieren, wird immer als das Ziel des Menschen erkannt werden. Die Gesinnung, die sich in und mit dieser Religiosität erzeugt, bewährt sich als ein Segen für jede, auch für die beste Natur; denn auch in der besten Natur sind Gefühle und Neigungen, denen man sich arglos hingeben kann, die aber erst eine Prüfung auszuhalten und eine Richtung zu empfangen haben. Durch die Richtung auf das religiöse Ziel werden die selbstsüchtigen Triebe zurückgedrängt, die guten geklärt und erhöht und der Geist tüchtig gemacht für alle Beziehungen des Lebens.
Als der Winter seinem Ende nahte, konnte Anna bei einem Einblick in ihr Inneres erkennen, daß mit ihr eine Verwandlung vorgegangen war. Ihr Vertrauen auf Gott war befestigt und klar geworden. In der Prüfung, der sie sich früher nur unterworfen hatte, erkannte sie den heilvollen Zweck und pries den Willen, der sie dazu berufen. Der Glaube an den entfernten Verlobten, an seine Liebe und Treue, an sein Glück, an die Krönung ihrer gemeinsamen Wünsche, hatte einen wesentlich heitern Charakter erhalten, und nicht selten war es ihr, als ob alles, was sie hoffte, schon erfüllt wäre.
Der Frühling kam und entfaltete sich bald in aller Schönheit. Der Mai verdiente dießmal seinen Namen des Wonnemonats, was bekanntlich nicht in jedem Jahr der Fall ist. Es begann die arbeit- und freudenreiche Zeit des Dorflebens. Mutter und Tochter theilten sich in die Pflichten der Herrschaft. Jene behielt sich das oberste Regiment vor und notirte Ausgaben und Einnahmen; die Tochter leitete die Arbeiten im Garten. Mit Hülfe des alten Dieners und einer Magd war sie hier so thätig, daß nach einiger Zeit Küchen- und Ziergewächse, Bäume, Sträucher und Spaliere gleich gut im Stande waren. Ihre Spaziergänge liebte sie nach ihren eigenen Feldstücken zu richten, und wenn ihr eines üppig entgegen glänzte, so wurde das Wohlgefallen an seiner Schönheit noch gar sehr durch den Gedanken erhöht, daß Boden und Frucht ihr gehörten. Es war ein neues, angenehmes und heimliches Gefühl für sie. Die Heuernte, eine der fröhlichsten Arbeiten, wenn sie vom Wetter begünstigt wird, begleitete sie von Anfang bis zu Ende.
Bei diesen Beschäftigungen war es natürlich, daß sie mit verschiedenen Dorfleuten näher bekannt wurde. Sie fand unter Weibern und Mädchen solche, mit denen gut verkehren war, die sie zu sich einlud und selber besuchte. Man unterhielt sich über Haus- und Feldwirthschaft, über gewöhnliche und ungewöhnliche dörfliche Vorgänge. Anna freute sich, von dem Leben und Treiben ihrer Bekanntschaften, von Leid und Freud dieser Existenzen eine Anschauung zu erhalten. Sie mußte über sich selber lächeln, wenn sie bedachte, daß sie eines solchen Umgangs noch vor einem Jahr nicht fähig gewesen wäre und in der Mitte der Bäuerinnen schwerlich ein anderes Gefühl gehabt hätte, als das des Höherstehens und der Herablassung. Jetzt bewirkte die Gemeinsamkeit der ökonomischen Interessen eine gewisse Sympathie und Vertrautheit, und sie fühlte, daß ein solches Verhältniß nicht nur besser, sondern auch nützlicher sey. Ganz mit Recht; das bloße Herabsehen läßt geistig arm, das Herabsteigen zu wohlwollender Theilnahme befreit und bereichert. — Nach und nach hatten sich auch verschiedene andere Bekanntschaften mit gebildeten Familien der Umgegend geknüpft. Es fanden sich ältere und junge Männer in Schönbach ein, die der Baronin ihren Respekt, der schönen Tochter galante Aufmerksamkeit bezeigten. Die beiden Damen konnten nicht umhin, zuweilen an geselligen Partien Theil zu nehmen, und sahen, daß es ihnen eben so wenig an Unterhaltung wie an Arbeit fehlte.
In der letzten Zeit wurde das frohe Leben in Schönbach nur dadurch gestört, daß von Arthur keine Nachricht einging. Obwohl Anna nach dem ersten Brief sich darein ergeben hatte, lange ohne Kunde zu bleiben, obwohl sie mit Vertrauen und Muth gerüstet war, so fing sie doch endlich an besorgt zu werden. Das Ziel seiner Reise mochte seyn, welches es wollte, für den Fall glücklicher Erreichung desselben sollte eine Meldung schon eingetroffen seyn. War das Schreiben verloren gegangen? Oder hielt sich Arthur gar nicht verpflichtet, seine Ankunft zu melden? Wollte er erst ein glückliches Ergebniß seiner Unternehmung abwarten? — Die Beruhigung der Verlobten erfolgte jedoch bald, indem der ersehnte Brief ankam. Er war aus Calcutta, bezog sich auf ein früheres, von dort abgesandtes Schreiben und bestätigte somit die erste Vermuthung Annas. Die Hauptstellen darin lauteten:
„Ich lebe ganz der Thätigkeit, die ich mir erwählt. Mit jedem Tag wird sie mir interessanter und lieber. Wenn man die Gabe besitzt, sich von einer Unternehmung eine schöne Vorstellung zu machen, so hat man freilich bei der Ausführung noch gar manche Probe zu bestehen. Denn hier gibt es Arbeit und Mühe und unangenehme Erfahrungen. Die Begeisterung entflieht zuweilen gänzlich und man hat Augenblicke, wo man von dem Gefühl gepeinigt wird, als habe man sich in der Wahl seines Berufs vergriffen. Doch das dauert nicht; es ist nur der Rauch, der aufsteigt, so lange die Flamme das Holz noch nicht ganz ergriffen hat. Die Arbeit wird geläufiger, man fühlt sich den Schwierigkeiten gewachsen, und nun stellt sich auch die Freude wieder ein; man findet, daß die erwählte Thätigkeit in der Wirklichkeit so schön ist, wie sie in der Vorstellung war, ja schöner noch. — Ich stehe im Anfang, und doch habe ich schon eine so fröhliche Ansicht gewonnen. Das ist mir Bürge, daß ich sie nicht mehr verliere, daß mein Beruf mir halten werde, was ich mir davon versprochen..... Wie entzückend ist es, die ersten Schritte gelingen zu sehen zu einem muthig gesteckten Ziel und bei jedem Schritt die Empfindung zu haben, daß er näher dem Momente bringt, wo die Träume eines liebevollen Herzens sich erfüllen werden! O theure Braut! mein Metier kann sich freilich nicht schmeicheln, daß ich es um seiner selbst willen liebe. Hinter all meinem Thun und Treiben glänzt mir die Sonne eines glücklichen Wiedersehens und vergoldet seine Umrisse. Aber in diesem Schein liebe ich es doch und die Wirkung ist dieselbe.“
Als das glückliche Mädchen ihren Brief der Mutter zeigte, rief diese beim ersten Blick in ihn: „Ah, Calcutta!“ Sie las ihn mit Aufmerksamkeit und gab ihn mit ernster, aber zufriedener Miene wieder zurück. Nicht länger stand sie an, gegen die Tochter ihre Meinung über den erwählten Beruf Arthurs auszusprechen. Er sey offenbar in die indisch brittische Armee getreten und habe eine Carrière eingeschlagen, die zwar der Gefahren mancherlei, aber dafür auch die Hoffnung ungewöhnlicher Erfolge biete. Das Blut der Waldfels habe sein Recht verlangt und sie wolle es nicht tadeln. Eben darum hätte er aber keine Ursache gehabt, die Wahl dieses Berufs ihnen zu verschweigen. Wenn die Gefahr auf dem Pfade der Ehre liege, so sey sie kein Schreckbild für ein edelgeborenes Weib. — Anna schwieg; sie konnte die Sicherheit der Mutter nicht theilen, wußte aber auch keine andere bestimmte Ansicht entgegenzustellen. Sie fühlte nur, was der Geliebte auch erwählt hatte, es war das Rechte.
In ihrer Antwort schilderte sie ihm auf seinen Wunsch genau, was sie bisher erlebt und gethan; sie war mit Liebe ausführlich. Nach einem reizenden Gemälde des Lebens in Schönbach erklärte sie ihm, daß er nun die Wahl habe zwischen großen Hoffnungen und einem bescheidenen Besitz. Sie sage ihm dieß nur für den Fall, daß die Aussichten in der Fremde sich trübten, und habe keineswegs die Absicht, ihn von dem einmal gefaßten Entschluß abzubringen.
Zur Erhaltung der Heiterkeit, die mit dem Briefe Arthurs im Hause der Baronin eingekehrt war, trug nicht wenig bei, daß die Getreideernte eben so glücklich von statten ging, wie die Heuernte, zuletzt auch die Einsammlung der Herbstfrüchte. Frau von Holdingen war sehr zufrieden gestellt und lernte eine neue Schönheit der Landwirthschaft in guten Einnahmen kennen, die nach und nach in ihre Kasse flossen. Anna, die es sich nicht versagen konnte, den Arbeiten zu folgen, hatte trotz der Schutzmittel gegen die Sonne einen etwas gebräunten Teint erhalten. Die Mutter schüttelte lächelnd den Kopf und meinte, sie sey eine ganze Bäuerin geworden. Die eleganten Herrn der Umgegend schienen sie aber nicht weniger reizend zu finden, als vorher, und ein malender Dilettant, der sie einmal im Obstgarten sah, rief enthusiastisch: Pomona! —