Eines Tages begab er sich ohne Begleitung nach dem Landhause. Er wußte es zu machen, daß er mit Anna allein im Garten war, und ergoß sein Herz in einer leidenschaftlichen Erklärung, die mit der Bitte um ihre Liebe und ihre Hand schloß. Anna, die von ihren Mitteln doch eine andere Wirkung erwartet hatte, war hochbetroffen. Der Ausdruck ihres errötheten Gesichts verrieth, daß sich nicht nur die Liebende, sondern auch der Sprößling einer alten Familie beleidigt fühlte, und mit dem Stolz beider erwiederte sie: „Herr von Pranger, Sie wissen, daß ich mit meinem Vetter, dem Herrn von Waldfels, verlobt bin. Sie haben selbst die Ehre gehabt, den Baron zu sehen und kennen zu lernen. Und nun frag’ ich Sie: was hat Ihnen den Muth gegeben, der Braut eines solchen Mannes einen solchen Antrag zu machen?“ Der junge Mensch sah sie bestürzt an. Anna fuhr fort: „Ich kann mir denken, daß ein längeres Verweilen in unserem Hause Ihnen nicht angenehm seyn wird. Nehmen Sie die Ueberzeugung mit sich, daß dieser Vorgang für die ganze Welt ein Geheimniß bleiben wird, nur für meine Mutter nicht, der ich ihn mitzutheilen verpflichtet bin.“ — Nun regte sich der Stolz auch in dem Abgewiesenen; er suchte seinem glühenden Gesicht den Ausdruck der Geringschätzung zu geben, verbeugte und entfernte sich.
Anna ging zu ihrer Mutter und erzählte ihr das Erlebniß. Die Baronin hörte mit Entrüstung zu und sagte zuletzt: „Das war also der Grund dieser plötzlichen Freundlichkeit? Ich hätte mir’s denken sollen, daß irgend etwas Unedles dahinter verborgen war.“ Mit trübem Lächeln setzte sie hinzu: „Wie unersättlich diese Menschen sind! Sie haben dem jungen Mann sein Stammgut abgenommen, und nun wollen sie ihm auch die Verlobte nehmen!“ — Anna bemerkte mit Ernst: „Für diese Absicht, glaub’ ich, sind sie genug, vielleicht zu sehr gestraft.“ — —
Die kleine Episode hatte für die Baronin doch eine nachtheilige Folge: der Aufenthalt im Landhause begann ihr verleidet zu werden. Schon das Gerede, das ihr plötzlicher Bruch mit der Familie Pranger veranlaßte, mußte ihr unangenehm seyn. Dazu kam aber noch, daß diese Familie sich anstrengte, die erlittene Niederlage durch Siege auf einem andern Gebiete wieder gut zu machen, und daß ihr dieß vollkommen gelang. Es gab jetzt zu Waldfels mehr Festlichkeiten, als anfangs im Plane lag, und Speisen und Getränke wurden immer vortrefflicher. Die Wirthe bemühten sich nun auch mehr, die Gäste artig zu behandeln, alle Glieder der Familie nahmen sich möglichst zusammen, und bald ertönte die ganze Gegend von ihrem Lob. Es traten geschworene Anhänger des Hauses Pranger auf, die den Chef desselben viel höher stellten, als den verstorbenen Baron, die Mutter als die ausgezeichnetste Dame und die drei Kinder als die liebenswürdigsten Sterblichen priesen. Der Reichthum hat so viele Hülfsmittel!
Als die Baronin von dem Zulauf und dem Vergnügen in Waldfels hörte, hatte sie eine verdrießliche Empfindung. Sie konnte sich nicht enthalten, mißliebige Bemerkungen über die gebildete Welt der Umgegend zu machen und Einzelne zu nennen, von denen sie das wiederholte Erscheinen im Schlosse nicht erwartet hätte. Anna versetzte lächelnd: „Kannst du dich darüber wundern, daß diesen Herrn der Wein noch eben so gut schmeckt wie früher? Und wenn sie den Wirth dafür loben, so ist das hübsch: es beweist, daß sie dankbar sind.“ — „Allerdings,“ erwiederte die Mutter. „Wer diesen Leuten gut zu essen und zu trinken gibt, der ist ihr Götze, und dem Götzen wird geräuchert. Aber Herrn von A. und Herrn von O. hätt’ ich’s nicht zugetraut.“ — Anna wiegte das Haupt und schwieg.
Bald erfuhr man, daß August von Pranger einer neuen und milderen Schönheit, der Tochter des Herrn von A. seine Huldigung zuwende. Die Baronin sagte lächelnd zu Anna: „Er hat sich getröstet.“ — „Gott sey Dank,“ versetzte diese heiter, „daß ich ihn nicht mehr auf dem Gewissen habe.“ — Eine Woche später wurde bekannt, daß Herr von O. sich mit Fräulein von Pranger verlobt habe und die Hochzeit noch in diesem Jahre gefeiert werden solle. Die Baronin sagte: „Nun begreif’ ich die eifrigen Besuche dieses Herrn bei dem Bankier und finde sie verständig. Er braucht einen solchen Schwiegervater.“ Ein Verziehen der Oberlippe zeigte jedoch an, daß ihr diese Nachricht übel gemundet hatte. Ihre gute Laune verlor sich mehr und mehr. Wenn wir bedenken, daß sie in der zweiten Hälfte des Lebens stand und sich auf bloße Hoffnungen angewiesen sah, während ihre Gegner reeller Güter sich erfreuten, so werden wir ihre Stimmung begreifen. Anna mußte sich Mühe geben, den Geist der Mutter oben zu erhalten; allein glücklicherweise kam ihr das Schicksal zu Hülfe.
An einem Herbstmorgen wurde dem guten Mädchen ein Brief überbracht, bei dessen Anblick ihre Augen strahlten. Er war von Arthur, aus London datirt und die ersten Worte ein freudiger Zuruf. Die Glückliche verschlang ihn und eilte jubelnd damit zur Mutter. Diese las und ihr Gesicht klärte sich einigermaßen auf. „Es ist gut,“ sagte sie zuletzt; „aber nach der Freude, die du gezeigt hast, würde ich schon die Meldung eines glücklichen Resultats erwartet haben.“ — „O,“ rief das Mädchen, „ich bin damit vollkommen zufrieden!“
Die Stellen des Briefes, die für uns von Interesse sind, lauteten: „Ich bin in einer eigenen Lage. Ich möchte dir täglich schreiben, wie ich immer an dich denke; allein ich müßte dann von meinem Thun und Treiben reden, müßte dir Gedanken mittheilen, die sich darauf beziehen — und ich hab’ nun einmal das Gelübde gethan zu schweigen. Laß mich dem gefaßten Entschluß treu bleiben, wie es auch mit den Gründen dazu beschaffen sey. Unser Schicksal ist ungewöhnlich, mag es auch unser Verhältniß und unser Verhalten seyn. Ich habe dein geliebtes Bild stets vor Augen, all mein Dichten und Trachten bezieht sich auf dich, jede Mühe wird mir durch dich versüßt, meine ganze Existenz durch dich verklärt. Wenn du wüßtest, wie oft ich mich glücklich preise und wie ich dir danke!..... Ich kann dir nun melden, daß ich meinen vorläufigen Zweck hier erreicht habe und in den nächsten Tagen unter guten Anzeichen an den Ort meiner Bestimmung abgehe. Es wird eine weite Reise seyn, und lange kann es dauern, bis ein zweites Schreiben von mir in deine Hände kommen wird. Aber ich spreche dir nicht Muth zu; ich weiß ja, daß du mir vertraust, und für diejenigen, die sich lieben und vertrauen, ist die Entfernung nichts, denn sie sind im Geist innigst beisammen. Was hilft es, wenn man sich leiblich nahe ist und in Gedanken getrennt? Wenn ich aber dein Bild im Herzen hege, wenn ich fühle, daß du mich im Herzen trägst, wenn ich mit dir rede, Gedanken tausche, dann empfind’ ich eine unaussprechliche Lust. Und ich weiß dann: was im Geist ist, das wird für die, welche ausharren, zuletzt in Wirklichkeit seyn.“
Ich überlasse den Leserinnen die Entscheidung, ob dieser Brief trotz der Schlichtheit seiner Sprache nicht darnach angethan war, das Mädchen zu beglücken. Für die Mutter, die nur relativ zufrieden gestellt war, hatte das gewogene Schicksal noch eine andere Gabe bereit. Zwei Tage später wurde ihr amtlich gemeldet, daß ihr die verstorbene Frau von B. das Gut Schönbach vermacht habe. Sie empfand große Freude und eine unendliche Beruhigung. Nun war die Tochter gesichert! Und selbst wenn Arthur ohne Erfolg heimkehrte, war die Verbindung der Kinder möglich. Allerdings war Schönbach nur ein kleines Gut, es hatte kein volles Hundert Morgen Landes; aber die Einkünfte reichten doch für den Anfang hin und Arthur hatte einen Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen. Wie schön war es von der hochbetagten Verwandten, daß sie sich vor ihrem Ende noch ihrer erinnert hatte! Um so schöner, als die seltsame Frau vor mehreren Jahren ihr eine Aeußerung übel genommen und den Verkehr mit ihr abgebrochen hatte. Die Baronin wurde durch die Vorstellung dieser Großmuth so gerührt, daß ihr Thränen in die Augen kamen, die freilich bald wieder versiegten. Mit beinahe kindlicher Lebhaftigkeit theilte sie der von einem Spaziergang heimkehrenden Tochter die gute Neuigkeit und ihren Entschluß mit, das Landhaus zu verkaufen und schon diesen Herbst nach dem fünfundzwanzig Meilen südlicher gelegenen Schönbach zu ziehen. Anna war sehr erfreut; sie sah, daß die gute Mutter nun wieder Boden unter sich fühlte, daß ihr heiterer Sinn wiedergekehrt war, um sie hoffentlich nicht wieder zu verlassen. Der neue Beweis eines günstigen Schicksals erhob ihre Seele. Wie gern hätte sie dem Geliebten die Nachricht mitgetheilt, ihn vielleicht zurückgerufen! Aber sie kannte seine Adresse nicht und mußte ihn seinen Gang gehen lassen.
Die erste Person, welche die Baronin mit dem Glücksfall und ihrem Vorhaben bekannt machte, war der Rentier. Dieser fügte dem Ausdruck seiner Freude die Bitte hinzu, das Landhaus ihm zu überlassen, und stellte zugleich ein Angebot, welches die Baronin für so günstig hielt, daß sie den Handel auf der Stelle abschloß. Mit baarem Geld versehen und um so vergnügter bereitete sie sich vor, die Erbschaft anzutreten und die Uebersiedelung zu bewerkstelligen. Sechs Wochen später finden wir sie in Schönbach eingerichtet. Das sogenannte Schlößchen war ein zweistockiges Haus am Ende des gleichnamigen Dorfes. Links und gegenüber lagen die nöthigen Wirthschaftsgebäude, rechts ein ziemlich großer Garten. Mutter und Tochter bewohnten die Zimmer des obern Stocks, die Räume des untern dienten den Bedürfnissen der Haushaltung.
Der Eintritt in andere Verhältnisse hat für ein lebendiges Menschenherz immer etwas Erfreuliches, um so mehr, wenn man einer unangenehmen Situation entgangen ist. Man hat neue Anschauungen, macht neue Bekanntschaften, sieht neue Arbeiten vor sich, und das Neue zeigt in der Regel zuerst die schönere Seite. — Die Baronin fühlte sich als Gutseigenthümerin gar wohl. Sie hatte einen Haushalt von acht Köpfen unter ihrem Befehl: einen Baumeister, zwei Knechte, zwei Mägde, einen Jungen, eine Köchin, die zugleich Kammerjungfer war, und den alten Diener. Die neuen Leute schienen brav und geschickt; der Baumeister namentlich zeigte großen Eifer für seinen Dienst. Scheuer, Böden und Keller waren gut versehen, das Vieh gesund. Der Winter stand vor der Thür, aber man war auf ihn gerüstet.