Ueber die Lippen der Frau von Holdingen war kein Wort gegangen, als hie und da eine Ermahnung, die sich auf die Pflege der Gesundheit und auf die Bequemlichkeit des Abreisenden bezog. Anna war still; an der Bewegung ihrer jugendlichen Brust konnte man sehen, daß sie zu ergriffen war, um reden zu können. Die Postpferde waren endlich an den Wagen gespannt. Arthur trat zu Mutter und Tochter, um den letzten Abschied zu nehmen. Als er die Geliebte sah in der holdesten Vollendung der Jungfrau, so schön in Liebe und Leid, so unendlich Werth, Glück zu genießen, so unendlich fähig, Glück zu bereiten — da verließ ihn die bis dahin behauptete Kraft. Sich trennen zu müssen auf Jahre, vielleicht auf immer, von der Wonne seines Lebens! Zwischen sich und das höchste Ziel seiner Wünsche die Zeit und das Schicksal treten zu lassen! Der Gegenwart zu entsagen für eine ungewisse Zukunft, der liebsten Wirklichkeit für ein Mährchen vielleicht! — Gegen diese Gedanken hielt auch der Glaube und das Vertrauen, die ihn bis dahin erfüllten, nicht mehr Stand; ein unendliches Weh ergriff sein Herz. Er preßte die Verlobte an seine Brust; die Thränen der Unglücklichen vermischten sich und flossen vereint zu Boden. Mit Gewalt riß er sich endlich los und stieg in den Wagen, der nach Norden rollte. Die Zurückgebliebenen sahen ihm weinend nach und das liebende Mädchen wollte in Leid und Wehmuth vergehen, als sie die Töne des Posthorns erschallen und schwächer und schwächer werden hörte.
V.
Nach der Abreise des Verlobten trat in dem Landhause eine Zeit stillen Lebens ein, wie es entsagende Gemüther zu führen pflegen. Mutter und Tochter füllten die Stunden mit ihren gewohnten Beschäftigungen aus; sie begnügten sich aber, nur das Nöthigste mit einander zu reden, und überließen sich meist ihren Gedanken. Es war eine Zeit, wo man das Ticken der Stubenuhr am Tage öfter hörte als sonst, aber für die Liebende zugleich eine Zeit wundersamer Empfindungen. Eine solche Existenz hat ihre eigenen Reize. Ergebung und Hoffnung können das Leid der Entbehrung versüßen und den Geist oft zu unerwartet lichten Anschauungen führen. Die Werke der Kunst, die Schönheit der Natur wirken eindringlicher auf das weiche Gemüth und erheben es über bedrückende Gefühle, die tröstenden Einflüsse der Religion finden ein bereiteres Herz.
Hie und da wurde der sanfte Fluß dieses Lebens freilich durch einen Mißton unterbrochen und getrübt, indem die Mutter sich nicht enthalten konnte, in eine sorgliche Stimmung zurückzufallen und über den Abwesenden Bemerkungen hören zu lassen, in denen sie das schon Zugestandene zum Theil wieder zurücknahm. Anna schwieg dazu; sie wußte, daß dergleichen Anwandlungen am schnellsten vergehen, wenn sie keinen Widerspruch erfahren. Fühlte sie sich betrübt, so suchte sie die Gesellschaft des alten Dieners auf, der an Arthur mit rührender Zärtlichkeit hing und ihn im Gespräch mit ihr um so mehr erhob, als er sah, wie sehr es die junge Herrin beglückte.
Die Zeit bewährte zuletzt auch hier ihre beruhigende Macht und erleichterte die Gefühle Aller. Die Sorge um jemand setzt ohnehin eine Kenntniß von seiner Lage voraus. Wir sorgen nur um Personen in unserer Nähe und um entfernte nur in so weit, als wir sie geistig bei ihren Unternehmungen begleiten können. Die Abwesenden, bei denen dieß nicht der Fall ist, übergeben wir der Obhut Gottes und vertrauen schon darum, weil uns nichts anderes übrig bleibt. Vielleicht war dieß einer der Gründe, warum Arthur über sein Vorhaben nichts Bestimmtes aussagen wollte.
Der Umgang der Baronin bestand jetzt nur aus wenig Personen. Hauptsächlich verkehrte sie mit dem Rentier, der die Familienbilder und sonstige werthvolle Mobilien Arthurs bewahrte und sich in allen Stücken als sein väterlicher Freund bewiesen hatte. Umgeben von den Vorfahren desselben, gedachte man des Abwesenden und die Baronin erging sich gelegentlich in Vermuthungen. Arthur hatte auch seinem Wirthe nichts Näheres über sein Vorhaben mitgetheilt, aber dieser war durch einen zufällig entschlüpften Ausdruck auf eine Spur gekommen, die er für die richtige hielt. Eben darum ließ er vor den Damen nichts davon merken und verschwieg auch was er wußte: daß Arthur für den Fall seines Todes über die Hälfte seines Vermögens, die bei ihm angelegt war, zu Gunsten Annas verfügt hatte.
Von Zeit zu Zeit sah die Baronin den Pfarrer von Waldfels, einen milden und verständigen Seelenhirten, der ebenfalls mit Liebe an dem freiherrlichen Hause, besonders an Arthur hing. Ihr Verkehr mit der Familie Pranger beschränkte sich auf höfliches Grüßen, wenn sie sich zufällig an einem dritten Ort sahen. Die Baronin hörte nur von andern, wie es im Schlosse immer hoch hergehe, wie Herr von Pranger sich Weihrauch streuen lasse, die jungen Herrn übermüthige Streiche machten, und nur die Mutter eine gutmüthige Frau sey, der man nichts vorwerfen könne, als eine allzugroße Verliebtheit in ihre Kinder.
Es war mitten im Sommer. Die Baronin und Anna saßen im Zimmer beisammen und hatten eben von der Einsamkeit gesprochen, in der sie gelassen würden, als zu ihrer großen Ueberraschung Frau von Pranger mit ihrer Tochter bei ihnen vorgefahren kam. Sie erkundigte sich mit Wärme nach dem Befinden der Damen, verweilte über eine Stunde und bat sie zuletzt mit aller Herzlichkeit um einen Besuch in Waldfels. Die Baronin sagte höflich zu und rieth nach ihrer Entfernung hin und her, was wohl der Zweck dieses plötzlichen Entgegenkommens seyn möchte. Auch während des Gegenbesuchs im Schlosse, wo man sie mit Freundschaft überhäufte, sah sie nicht klarer, wohl aber hatte Anna, mit welcher August, der ältere Sohn des Hauses, sich unterhielt, eine Vermuthung, die der Wahrheit nahe kam.
Um das Folgende begreiflicher zu machen, müssen wir erwähnen, daß in der letzten Zeit das Gerücht aufgetaucht war, die Verlobung zwischen dem jungen Waldfels und Anna von Holdingen sey wieder rückgängig geworden, indem beide Theile eingesehen hätten, daß sie gegenseitig ihrem Glück im Wege ständen; der Abschied, den sie im Posthofe von einander genommen, sey der letzte überhaupt gewesen. Diese Fabel war auch nach Waldfels gedrungen und dort wahrscheinlich gefunden worden. August von Pranger, auf den Anna schon beim ersten Anblick einen ungewöhnlichen Eindruck gemacht hatte, sah sie nun mit andern Augen an, als er sonst wohl gethan hätte, und die Folge war, daß er bei der nächsten zufälligen Begegnung sein Herz gänzlich an sie verlor. Ein Bekannter, dem er das erwähnte Gerücht mittheilte, bestritt die Wahrheit desselben mit gewichtigen Gründen, aber das konnte ihn jetzt auf seinem Weg nicht mehr aufhalten. Im Gefühl seiner selbst faßte er den Beschluß, den Kampf, wenn davon noch die Rede seyn könne, mit dem Abwesenden zu wagen und sich um die Gunst des schönen Fräuleins zu bewerben. Er öffnete sein Herz vor allem der Mutter, deren Liebling er war, und machte von seiner Flamme und der Pein, die er leide, eine so ergreifende Schilderung, daß die gute Dame bald den Versuch aufgab, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie bedachte, daß eine Verbindung mit der alten Familie Holdingen für sie ehrenvoll und dem Fräulein ein gesichertes Loos mit ihrem Sohn zu wünschen sey. Nachdem sie ihre Hülfe zugesagt, rückte man hinter den Vater und brachte ihn endlich zu der Erklärung, daß sie in dieser Sache freie Hand haben sollten. Mutter und Sohn beriethen sich, und der unerwartete Besuch bei Frau von Holdingen war die Eröffnung des Feldzugs.
Anna sagte ihrer Mutter natürlich nichts von ihrer Muthmaßung, die ja auch eine trügerische seyn konnte, und so knüpfte sich zwischen den beiden Familien eine Beziehung, die verschiedene wechselseitige Besuche zur Folge hatte. Bei diesen warf aber August von Pranger seiner Ausersehenen zuletzt so glühend zärtliche Blicke zu, daß ein Zweifel über seine Gefühle nicht mehr möglich war. Anna mußte fürchten, daß es von Blicken zu Worten kommen würde, und sie faßte den Entschluß, seine Krankheit vor dem eigentlichen Ausbruch durch abkühlende Mittel zu heilen. Als er das nächstemal sich zu entschieden huldigenden Reden verstieg, behandelte sie dieß als eine galante Sprechübung, rühmte ihn wegen seiner Einfälle, rieth ihm aber, im Ausdruck nicht zu weit zu gehen, da die Uebertreibung der Zierlichkeit schaden müßte. Erneuten Versicherungen setzte sie erneuten Spott entgegen. Ein Unbefangener hätte dabei in ihren Zügen nicht nur die vollkommenste Gleichgültigkeit, sondern zugleich eine Andeutung von Geringschätzung erblicken müssen; aber Verliebte sind dafür bekannt, daß sie alles, was überhaupt noch einer Auslegung fähig ist, zur ihren Gunsten auslegen. Der junge Herr sah in der scherzenden Abweisung nichts als eine Art von Koketterie, die ihn locken wolle, und er beschloß, dem vorausgesetzten Wunsche zu entsprechen.