Die Geldsummen, die nach und nach flüssig wurden, setzten Arthur in den Stand, alle Forderungen an ihn ohne Ausnahme zu tilgen, Herrn Rosenheimer, nach dessen eigenem Ausdruck „wahrhaft edelmännisch“ zu bedenken und noch etliche Tausend Gulden in der Hand zu behalten. Die unversicherten Gläubiger priesen ihn laut und meinten, eine so rechtschaffene Handlungsweise könne nicht ohne Lohn bleiben; aber auch Herr von Pranger, wie Rosenheimer vorausgesagt, wurde allgemein gerühmt, daß er die mißlichen Umstände des jungen Waldfels nicht mißbraucht, sondern die Besitzung als reicher Mann großherzig bezahlt habe.
Die letzte Zeit im Hause seiner Väter war für Arthur, trotz des glücklichen Verkaufs, eine trübe und melancholische. Der Oberst, den keine Pflicht mehr in Waldfels hielt und der den Einzug des Herrn von Pranger nicht mit ansehen mochte, war in seinen Wohnort, zu seiner gewöhnlichen Lebensweise zurückgekehrt. Einige Tage vor seiner Abreise, wo der Gedanke des guten Verkaufs nicht mehr den Reiz der Neuheit besaß, hatte er wieder angefangen, den Neffen mit der Bemerkung zu quälen, daß er doch am Ende besser gethan hätte, seinem ersten Rath zu folgen und das Gut für sich zu erhalten. Er hatte ihm das Prekäre seiner Lage vorgestellt, ihn ermahnt, jetzt nur rasch und mit allen Kräften nach einem sichern Unterkommen zu trachten, und was dergleichen lästige Bemerkungen mehr waren, so daß Arthur eine wahre Erleichterung fühlte, als er sich verabschiedete. In der nun folgenden Einsamkeit wurde der junge Mann aber für die Wehmuth des Scheidens und Meidens um so empfänglicher, als der launische April sich eben in einer lenzlich milden Heiterkeit gefiel, die in zarten Gemüthern eine stille Trauer so sehr begünstigt. Arthur machte die letzten Besuche im Dorfe und kehrte weich gestimmt zurück. Er wandelte allein in all den geliebten Räumen der Besitzung umher und konnte nicht verhindern, daß heiße Thränen seine Wangen herabliefen. Am Ende fand er Trost in dem Gedanken, daß er sein Stammgut wenigstens für die nächsten sechs Jahre vor Zertrümmerung gesichert habe. Was dachte er sich wohl dabei? Schmeichelte er sich mit der Hoffnung, die Besitzung jemals wieder zu erwerben? Konnte er es irgend für möglich halten, daß der neue Eigenthümer sie wieder abgeben, daß er selber in den Stand kommen werde, sie zu bezahlen? — Sollen wir die Wahrheit sagen, so folgte er einer instinktmäßigen Regung, über deren Vernünftigkeit er sich keine Rechenschaft gab. Genug, daß dieser Gedanke ihm wirklich wohl that und den Schmerz der Trennung linderte.
An demselben Tag, wo Herr von Pranger mit seinen beiden Söhnen sich zu einem glanzvollen Einzug in Waldfels rüstete, siedelte Arthur mit den wenigen Effekten, die er für sich behielt, nach dem Städtchen über. Im alten gothischen Hause eines wohlhabenden und ihm befreundeten Mannes, der in fremden Landen Geld erworben hatte, um es in seinem Geburtsort zu verzehren, standen zwei Zimmer für ihn bereit. Er hing im größern seine Familienbilder auf und brachte Kisten und Koffer unter, das kleinere richtete er sich zur Wohnung ein. Als er in dem fertigen Nest allein da saß, hatte er ein angenehmes Gefühl. Der Abschied von Waldfels, von seinen Dienern und den Dorfbewohnern, die ihm mit nassen Augen ein herzliches Lebewohl nachriefen, hatte ihn gerührt und erschüttert. Wie wohl ihm die Liebe that, die man ihm bewies, so war er doch froh, die Aufregung überstanden zu haben und sich ungestört den Gedanken widmen zu können, die seine Seele erfüllten.
Sein Leben war sehr einfach. Den größten Theil des Tages verwendete er auf Studien, die Abende brachte er fast ohne Ausnahme bei Frau von Holdingen zu. In der Regel guten Muthes und unterhaltend, saß er hier zuweilen doch auch in tiefen Gedanken und die Schatten der Sorge flogen über seine jugendlichen Züge. Dann setzte sich Anna zum Clavier und spielte eines von ihren Lieblingsstücken, die auch die seinigen waren. Die Regungen des Zweifels und der Bangigkeit gingen unter im süßen Gefühl, das die edeln Töne in ihm hervorriefen, in einem wunderbaren innern Leben, wo die Empfindungen der Ergebung und der Hoffnung sich durchdrangen, wo düstere Bilder an der Seele vorüberzogen, ohne zu erschrecken, glänzende, ohne zu erheitern, und beide nur sanfte Schauer im Herzen erweckten. Wenn Anna die Saiten ausklingen ließ und zu dem Geliebten trat, dann entspann sich wohl ein Gespräch, welches Arthur Gelegenheit gab, Beispiele zu erzählen, wie muthige Herzen kühne Dinge gewagt unter dem Spott der Welt, aber endlich durchgeführt zur Beschämung der Welt. Und die jungen Seelen fühlten sich mit einander gestärkt und erhoben.
Der Baronin fiel es auf, daß Arthur sich niemals über einen Lebensplan aussprach. Sie versuchte es ein paarmal, ihn durch Anspielungen zum Reden zu bringen, aber er lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. In ihrer Besorgniß nahm sie sich vor, ihn geradezu um eine Erklärung anzugehen, warum er nicht auf die Universität zurückkehre und was er denn überhaupt vorzunehmen gedenke. Da sie aber sah, daß er nicht gerne sprach, so wurde sie bedenklich und verschob die Ausführung ihres Entschlusses von einem Tag zum andern.
Eines Tages wurde Arthur ein Brief übergeben, auf den er mit Verlangen gewartet haben mußte, denn er wechselte die Farbe, als er das Postzeichen erblickte, schloß sich in sein Zimmer ein und wurde den ganzen Abend nicht wieder sichtbar. Den folgenden Morgen brachte er mit Schreiben zu, hatte dann eine längere Unterredung mit seinem Wirth, machte mehrere Gänge und packte Abends einen Koffer.
Am zweiten Morgen, in den Strahlen der Maiensonne, wanderte er nach dem Landhaus. Er traf Anna allein im Zimmer und gab ihr die Hand. Sie sah ihn an und sagte: „Wie siehst du heute aus? So feierlich!“ — Arthur erwiederte: „Ich komme auch in einer feierlichen Absicht: ich muß dir eine Prüfung zumuthen.“ — Anna lächelte und sagte: „Eine Prüfung?“ Der Jüngling aber blieb ernst und setzte hinzu: „Ich muß dich verlassen.“ Das Lächeln verlor sich aus dem Gesicht des Mädchens; sie erwiederte mit Ergebung: „Darauf bin ich gefaßt.“ — Arthur schüttelte den Kopf und sagte: „Ich verlasse dich nicht, wie du meinst, ich muß weit hinweg, ich muß außer Landes gehen — und ich kann nicht sagen, wann ich wiederkehre.“ — Anna sah ihn bestürzt an, der nun entschlossen fortfuhr: „Und das ist noch nicht das Schlimmste. Ich kann dir auch nicht sagen, wohin ich gehe, und eben so wenig, was ich unternehmen werde.“ — Das gute Kind wußte nicht was sie denken sollte; sie richtete einen traurigen und vorwurfsvollen Blick auf ihn. Arthur umfaßte sie zärtlich und sagte: „Glaubst du, ich würde vor dir ein Geheimniß haben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es so besser sey für dich wie für mich? Es gibt Dinge in der Welt, die man zuerst thun muß, ehe man davon reden kann, Vorsätze, die den Gleichgültigen lächerlich erscheinen und theilnehmenden Herzen Sorge einflößen, die aber glücklich durchgeführt den Beifall Aller haben. In meinem Innern lebt ein Trieb, der mich unwiderstehlich zu einem Unternehmen hindrängt, aber zugleich ein siegesmuthiger Glaube, daß ich hier finden werde, was ich suche. Es ist mir, als ob ich nur ausgehen dürfte, um zu nehmen, was für mich bereit liegt. Willst du diesen Glauben mit mir theilen, ohne zu sehen? Willst du mir gestatten, das Geheimniß, das du mitzubesitzen ein Recht hättest, für mich allein zu behalten?“ — Anna konnte diesen aus tiefstem Herzen kommenden Worten nicht widerstehen; sie erhob sich mit einem Aufschwung des Geistes auf die Höhe des Geliebten und erwiederte mit inniger Zuversicht: „Ja, Arthur!“ — „Wirst du mir“, fragte dieser weiter, „vollkommen vertrauen?“ — „Vollkommen,“ erwiederte das Mädchen. — „Und wenn Monate vergehen, ehe ein Brief von mir an dich gelangt, Jahre vergehen, bevor ich wiederkehre, wirst du nie an mir irre werden, nie in deinem Glauben wanken?“ — „Niemals,“ versetzte sie. — „Ich hab’ es ja gewußt,“ rief Arthur freudig, „daß du mir vertrauen würdest, wie ich dir vertraue! — O,“ fuhr er fort, „der Glaube ist etwas so Schönes! Ich begreife jetzt, warum diejenigen, die fähig sind zu glauben, zum Dulden und Harren berufen werden. Glaube mir nur unbedingt. Wir werden uns wiedersehen! Wir werden uns glücklich wiedersehen!“
In diesem Moment trat Frau von Holdingen herein. Arthur hatte den Muth, ihr sogleich seinen Entschluß und seine Forderung mitzutheilen. Die Wangen der guten Frau rötheten sich und unwillig rief sie aus: „Wie, das können Sie von mir verlangen? Sie wollen in die weite Welt gehen, Sie wollen sich Jahre lang entfernt halten, und ich, die Mutter Ihrer Verlobten, soll nicht erfahren, was Sie thun und treiben?“ — „Verehrte Frau,“ entgegnete Arthur mit Ernst, „ich muthe Ihnen nichts zu, als was eine edle Seele gewähren kann. Hier zu Land müßte ich mit geringer Neigung einen Weg einschlagen, der mich nach mehrjähriger Anstrengung und im glücklichen Falle doch nur zu einem sehr bescheidenen Loose führen würde. In der Ferne dagegen winkt mir ein Glück, nach dem ich mit Freuden ausziehe und das ein fröhliches Streben auch viel reicher lohnen wird. Mein Entschluß ist das Ergebniß der gewissenhaftesten Prüfung. Aber an die Ausführung kann ich nur dann mit Muth und Freude gehen, wenn Sie mir ein besonderes Geständniß erlassen, wie es mir Anna erlassen hat.“ — „Das ist ja unerhört!“ rief die Baronin. „Nein, lieber Freund,“ setzte sie hinzu, „ich kann, ich darf es nicht dulden!“ — Nun trat Anna zu ihr, nahm sie beim Arm und sagte: „Schau ihm doch nur in’s Gesicht, Mutter! Sieht so ein Mann aus, dem man nicht vertrauen kann? Wenn er uns nicht sagt, was er beginnen will, so ist das Geheimniß nothwendig, und wir sollten ihn vielmehr bitten, zu schweigen.“ — Die Baronin schüttelte das Haupt und rief: „O Kind, Kind!“ — Anna fuhr fort, indem ein ernstes Lächeln ihren Mund umspielte: „Als ich ein Kind war, da erzähltest du mir Geschichten aus einer Zeit, die du vor allen liebst, aus einer Zeit, wo man sich Treue gelobte und hielt, wo der Liebende auszog auf Abenteuer oder zu heiligen Kämpfen und die Geliebte ihn vertrauensvoll ziehen ließ. Du hast mir damals die Tugenden dieser Zeit zur Nachahmung empfohlen und solltest mir jetzt nicht den Beweis gestatten wollen, daß ich etwas von dir gelernt habe?“ — Das Gesicht der Baronin hellte sich bei dieser Rede ein wenig auf. Sie wendete sich gegen Arthur und rief: „Sollten Sie vielleicht —“ — „Ich bitte Sie, liebe Mutter“ fiel Arthur ein, indem er sie bei der Hand nahm, „fragen Sie mich nicht!“ — Die Baronin, durch einen eigenthümlichen Gedanken getröstet, war schon überwunden. „Ihr macht mich selber thöricht,“ rief sie. „Wahrlich, wir leben in einer neuen und seltsamen Zeit, wo die Kinder die Eltern regieren!“ Nach einem Moment des Schweigens fand sie das ganze Ansehen der Mutter und sagte mit Ernst und Würde: „Ein Trost ist es mir, daß Sie, lieber Sohn, ein Mann von Kopf und Verstand und ein Mann von Ehre sind. Ihrem Verstand und Ihrer Ehre will ich vertrauen. Unternehmen Sie, was Ihr Herz Sie heißt, und möge Gott seinen Segen dazu geben!“ — „Amen,“ riefen die beiden Kinder und hingen an der Mutter in liebender Umarmung.
Das Leben sorgt bei gewissen Ereignissen in der Regel für ein Gegenbild, und für Arthur war es kein Verlust, daß er das zu der eben geschilderten Scene nicht zu Gesichte bekam. Arthur hielt es nämlich für seine Pflicht, auch dem Oheim sein Vorhaben zu melden, natürlich in der von ihm beschlossenen Allgemeinheit. Als der Oberst den Brief gelesen, sagte er zu sich selber: „Da haben wir’s! Der Mensch ist verrückt und wird ein Abenteurer! Wenn sein Projekt etwas taugte, hätte er Ursache, es mir zu verschweigen? Es taugt also nichts! Er nimmt das Bischen, was ihm bleibt, in die Tasche und geht auf und davon. So machen’s die Leute, die tugendhafter seyn wollen, als andere!“ — Nachdem er hierauf mit Selbstgefühl seine Tabakspfeife ausgeklopft, setzte er hinzu: „Wär’ es nicht meine Pflicht, die Post zu nehmen und ihm den Kopf zurechtzusetzen?“ Er sah in den Brief und sagte: „Es ist zu spät! — Nun, mag er gehen! Ich sehe nicht ein, warum ich mich wegen eines Menschen kümmern soll, der meinen Rath verschmäht und es für nobel hält, sich zu ruiniren!“
Es war am letzten des schönen Monats, als Arthur mit den Seinigen und einem alten Diener im Posthofe stand. Dieser hatte seine Stelle bei Herrn von Pranger aufgegeben, weil ihm einer der Söhne in einer Weise begegnet war, die er sich, wie er sagte, auch von einem geborenen Baron nicht hätte gefallen lassen. Da er sich ein kleines Vermögen erspart hatte, so fragte er Arthur, ob er ihm nicht unentgeltlich dienen könne, und als dieser es für unmöglich erklärte, machte er seinen Antrag Frau von Holdingen. Auf Arthurs Bitte, dem es tröstlich war, eine vertraute Seele bei den Seinen zu wissen, hatte ihn die Baronin in ihr Haus aufgenommen. Der gute Alte erzählte jetzt, daß im Schlosse große Vorbereitungen zu einem Feste getroffen würden, das alles überbieten solle, was früher dort gesehen worden sey. Aber,“ setzte der treue Diener hinzu, „sie mögen Geld aufwenden so viel sie wollen, so schön wird’s doch nicht werden, wie unser Fest am vorjährigen Pfingstmontag. Wer hätte damals gedacht, daß dieses Schloß und dieser Park in andere Hände kommen und der junge Herr außer Landes gehen würden!“ — Arthur klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Halte dich nur gut, alter Freund, und wir feiern vielleicht noch schönere Feste mit einander, wenn auch nicht in Waldfels.“ — „Gott geb’ es!“ erwiederte der Alte, halb gläubig und halb resignirt.