Zwei Tage nachher gelangte an Herrn von Pranger durch einen Geschäftsfreund die Nachricht, der Fürst von N. habe geäußert, er wolle das Gut Waldfels kaufen. Einige Stunden nachher trat Rosenheimer mit geheimnißvoller Miene in’s Comptoir. Der Bankier nahm ihn sogleich mit in sein Zimmer und fragte ihn hastig: „Ist’s wahr, daß der Fürst von N. die Absicht hat, Waldfels an sich zu bringen?“ — „Haben Sie auch schon davon gehört?“ versetzte der Jude ruhig. „Ich kann Ihnen nur sagen, was mir mein Schwager aus der Residenz des Fürsten geschrieben hat: daß dieser Herr beabsichtigt, schon in den nächsten Tagen einen seiner Beamten nach Waldfels zu schicken.“ — Dem Bankier stieg das Blut in’s Gesicht und er rief unwillig aus: „Das wäre ja schändlich, wenn mir ein Gut, auf das ich schon Jahre lang spekulire, vor der Nase weggeschnappt würde?“ — „Können Sie sich wundern,“ versetzte Rosenheimer, „daß eine so schöne Besitzung noch mehr Liebhaber findet? Uebrigens dürfen Sie sich gratuliren: noch weiß der junge Herr nichts von dieser Absicht des reichen Fürsten, noch steht Ihnen Waldfels zu Gebot. Aber wie? Bezahlen müssen Sie’s! Der junge Baron ist zäh, grausam zäh; er kennt den Werth seines Gutes genau — nu, was red’ ich viel? Hier sind die Bedingungen!“

Er hatte unterdessen die Brieftasche gezogen und übergab ihm das Papier. Der Bankier las rasch und rief unmuthig aus: „Wie, das ist —“ — „Das Ultimatum von dem Herrn Baron,“ fiel Rosenheimer ein. — „Ist der junge Mann klug?“ versetzte Herr von Pranger; „diese Summe!“ — „Die Summe ist schön,“ bemerkte Rosenheimer, „aber Waldfels ist noch schöner.“ — „Und die Bedingungen?“ fuhr der Bankier fort. „Sechs Jahre das Gut nicht verkaufen, an den Gebäuden keine wesentlichen Aenderungen vornehmen zu dürfen! Was soll das?“ — „Herr von Pranger,“ erwiederte Rosenheimer, „Sie wissen, solche Herren hängen mit einer ganz sonderbaren Zärtlichkeit an dem Stammsitz ihrer Familie. Es thut dem armen jungen Mann weh, daß er Waldfels nicht behaupten kann. Da es aber nicht möglich ist, so will er wenigstens dafür sorgen, daß es noch einige Jahre so besteht, wie er es gefunden hat. Eine Grille, wenn Sie wollen! Aber was kümmert das Sie? Wenn Sie Waldfels einmal haben, geben Sie’s doch nicht wieder her, und Veränderungen an den Gebäulichkeiten wären nicht nöthig, wenn ein Fürst — was sag’ ich? — wenn ein König es beziehen wollte.“

Der Bankier zuckte die Achseln und ging im Zimmer auf und ab. Der Jude las in seinem Gesicht, daß ihm der Gedanke, Waldfels an einen Andern kommen zu lassen, unerträglich fiel; er näherte sich ihm und sagte: „Herr von Pranger, Sie sind ein reicher Mann, — keine Widerrede! — Sie sind ein reicher Mann! Was macht es Ihnen, wenn Sie ein paar tausend Gulden weniger haben? Wenn Sie’s nicht wissen, spüren Sie’s nicht, aber dem jungen Mann thun sie gut. Und wenn es wird bekannt werden, was Sie gegeben haben, so wird man sagen: der Bankier von Pranger ist ein großmüthiger Charakter; — er hat dem jungen Mann in seiner Verlegenheit das Gut nicht abgedrückt — er hat gehandelt als ein wahrer Edelmann — er verdient den Edelmannssitz zu haben.“ — Das hieß seinen Mann bei der schwächsten Seite fassen. Herr von Pranger wurde um vieles freundlicher und vermochte seinen Worten kaum den Schein eines Vorwurfs zu geben, als er sagte: „Was sind Sie für ein Unterhändler! Sie nehmen die Partie des Barons!“ — „Ich nehme nicht die Partie des Barons,“ entgegnete Rosenheimer. „Ich habe gethan, was ich konnte. Kann ich dafür, daß der junge Baron so hartnäckig, und daß der Fürst auf den Einfall gekommen ist, das Gut zu kaufen?“ Die letzten Worte gaben dem Bankier wieder einen Stich in’s Herz. „Nun, wollen Sie?“ fragte Rosenheimer und sah ihn scharf an. Der Andere schwieg, aber der Jude sah, woran er war. „Herr von Pranger,“ sagte er, seinen Hut ergreifend, „ich habe meine Schuldigkeit gethan und will Sie nicht weiter belästigen. Aber um eins bitt’ ich Sie: wenn das Gut in drei oder vier Tagen gekauft ist, machen Sie mir keine Vorwürfe.“

Er ging gegen die Thüre. „Warten Sie,“ rief Herr von Pranger. — „Haben Sie sich entschlossen?“ entgegnete der Jude. — „Ja,“ versetzte der Bankier mit heroischer Anstrengung, „in’s Teufels Namen! Melden Sie dem jungen Mann, daß ich morgen nach * * kommen werde, um den Kauf mit ihm abzuschließen.“ — „Wollen Sie mir nicht eine schriftliche Einladung an den Baron mitgeben? Es macht einen besseren Effekt.“ Herr von Pranger schrieb ein Billet, siegelte und gab es Rosenheimer, indem er sagte: „So eilen Sie!“ — „Ich werde eilen,“ sagte der Jude und empfahl sich.

Als er das Haus verlassen hatte, zuckte er die Achseln und sagte mit der Miene tiefer Geringschätzung: „Wie dieser Mensch zu seinem Reichthum gekommen ist, möcht’ ich wissen! Ist das ein Geschäftsmann? Gott soll helfen!“ — Samuel Rosenheimer bedachte in diesem Augenblick nicht, daß eine übermäßige Begierde nach einem zu erlangenden Gegenstand auch verständige Männer zuweilen toll und blind machen kann.

Den andern Tag feierte man zu Waldfels ein bescheidenes Fest. Es war der 31. März, der Tag, an welchem Arthur vor einundzwanzig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte und der ihn heute mündig machte. Er, der Oberst, Frau von Holdingen und Anna hatten gemeinschaftlich gespeist und saßen eben beim Kaffee, als der alte Diener hereintrat und zu Arthur sagte: „Herr Samuel Rosenheimer bittet um einige Augenblicke, er habe Ihnen etwas Interessantes und Angenehmes zu melden.“ — „Ah,“ rief Arthur, „er soll hier hereinkommen.“ — Herr Rosenheimer trat ein, begrüßte die Gesellschaft und stellte sich mit glänzenden Augen vor Arthur. „Herr Baron,“ sagte er, das Billet des Bankiers emporhaltend, „was hab’ ich hier? was meinen Sie?“ — Arthur erwiederte lächelnd: „Wie kann ich das wissen?“ — „Haben Sie die Güte zu lesen,“ sagte Rosenheimer, übergab ihm das Schreiben und erklärte den andern: „Es ist eine Einladung vom Bankier Pranger nach * *, wo morgen auf die von dem Herrn Baron gestellten Bedingungen hin das Geschäft wegen Waldfels vor sich gehen soll.“ — „Ist es wahr?“ fragte der Oberst den Neffen, der das Billet gelesen hatte. Arthur übergab es ihm, der Oberst las und rief in der ersten Ueberraschung: „Was doch so ein“ — er wollte sagen: „verdammter Jude nicht alles durchsetzen kann!“ Aber er besann sich, nahm einen Armstuhl, rückte ihn zurecht und sagte freundlich: „Herr Rosenheimer, setzen Sie sich!“ Dieser hatte indeß noch keine Ohren für ihn und dankte nur leichthin. Er sah den jungen Waldfels an und sagte: „Nun, Herr Baron, verdien’ ich Lob? Hab’ ich mein Wort gehalten? Wie?“ Arthur reichte ihm die Hand und erwiederte mit Herzlichkeit: „Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Sie haben sich um mich und uns alle verdient gemacht. Nehmen Sie meinen besten Dank und rechnen Sie auf meine ganze Erkenntlichkeit.“ — „O ich bitte!“ rief Rosenheimer und setzte sich. — Nachdem Arthur den Damen die Kaufbedingungen mitgetheilt, welche der Jude dem Bankier annehmlich zu machen gewußt hatte, bemerkte Frau von Holdingen mit graziöser Kopfbewegung: „Dieser Erfolg macht Ihnen in der That alle Ehre, Herr Rosenheimer. Trinken Sie mit uns eine Tasse Kaffee?“ — Das Gesicht des Unterhändlers zerschmolz in das süßeste Lächeln. „Gnädige Frau Baronin,“ rief er, „diese Ehre! Sie beschämen mich wahrhaftig!“ Unterdessen hatte die Dame eine Tasse eingeschenkt und präsentirte sie ihm; Herr Rosenheimer nahm sie mit Würde und trank.

Das menschliche Herz ist seltsamer Regungen fähig. Obwohl der Gedanke, das alte Familiengut einem Andern überlassen zu müssen, für Arthur und die Seinen schmerzlich war, so freuten sich jetzt doch alle sehr, es so vortheilhaft angebracht zu sehen. Arthur erblickte in diesem Ausgang der Unterhandlungen ein günstiges Vorzeichen, einen Anfang des Glücks, das sich jetzt auch wieder einfinden müsse. Als er dieß gegen Anna bemerkte, sah ihm das schöne Mädchen mit dem liebevollsten Vertrauen in’s Gesicht. Rosenheimer weidete sich an dem Anblick des Paares und seine Augen füllten sich mit Wasser bei dem Gedanken, daß er es sey, der dieses schöne Vergnügen gestiftet.

Während die andern einen Spaziergang in den Park machten, fragte Arthur den Juden, wie er zu dem glücklichen Resultat gekommen sey. Rosenheimer hatte den Takt, die kleine Kriegslist, die angebliche Absicht des Fürsten von N. betreffend, zu verschweigen und nur im Allgemeinen zu bekennen, daß er Herrn von Pranger bei zwei schwachen Seiten, bei der Furcht, das Gut durch einen Andern gekauft zu sehen, und bei der Ehre angefaßt habe. Nachdem er dem jungen Waldfels nochmal eingeschärft, zur bestimmten Stunde sich an dem bezeichneten Ort einzufinden, empfahl er sich. — Auf dem Heimwege empfand dieser Mann eine so vollkommene Genugthuung, wie nie vorher. Er hatte sich gerächt; er hatte Gutes gethan und Lob und Ehre dafür empfangen; er hatte die Aussicht, den Lohn, den ihm Herr von Pranger für seine Mühe entrichten mußte, durch einen sicherlich glänzenden Beweis der Erkenntlichkeit des Herrn Barons gemehrt zu sehen. Bei dieser Erwägung sagte er zu sich selber: „Der junge Herr hat Ursache, mich gut zu bezahlen. Er ist zum Glück gekommen, er weiß nicht wie. Lieber Gott, wenn so ein Mann auch Verstand hat, was hilft das? Man muß die Mittel und Wege kennen — ein Geschäft ist ein Geschäft! — Aber ’s freut mich von ganzer Seele, daß ich diesen braven Leuten geholfen habe. Um viel Geld ließ’ ich mir das nicht abkaufen!“

Der Abschluß des Geschäfts ging den andern Tag rasch vor sich. Herr von Pranger machte keine Schwierigkeiten; er dachte jetzt nicht mehr an die Summe, die er zahlen mußte, sondern nur an das Glück, Eigenthümer des Edelmannsgutes in der Nähe seiner Vaterstadt zu werden, und trieb selber zur Erledigung. Als Arthur und der Oberst ihm gratulirten, fühlte er sich so groß, daß er den Wunsch des erstern, er möchte einige seiner Diener behalten, ohne weiteres zu erfüllen gelobte. Nach einem kleinen Gelag fuhren beide Theile vergnügt nach Hause.

Als Rosenheimer einige Tage später zum Bankier kam, sagte er: „Wissen Sie was Neues, Herr von Pranger? Der Fürst von N. ärgert sich schwer, daß Sie ihm das schöne Gut weggekauft haben. Er schämt sich, und denken Sie, jetzt soll niemand sagen, daß er die Absicht gehabt hat, es zu acquiriren!“ — „Mag er sich ärgern,“ versetzte Herr von Pranger; „ich hab’ es jetzt und werd’s behalten.“