Dieser, ein jüdischer Handelsmann aus der Nachbarschaft, erwähnte natürlich nichts davon, daß er von dem Bankier zu seiner Anfrage beauftragt sey. Er habe sich gedacht, daß es dem Herrn Baron unter den gegenwärtigen Umständen erwünscht seyn könnte, die schöne Besitzung gut zu verkaufen, und die Verehrung, die er gehegt für den seligen Herrn Vater, mit dem er so manches Geschäft gemacht, und das Interesse für das Wohlergehen des jungen Herrn Baron habe ihn bewogen, sich nach einem Mann umzusehen, wie man ihn brauche. Er habe einen solchen gefunden, einen Mann, reich und reell, der im Stande sey, die Besitzung gut zu bezahlen, und den man dazu bringen könnte, sie zu kaufen — den Herrn von Pranger. Wenn der Herr Baron geneigt seyen, sie zu veräußern, so biete er ihm seine Dienste an, und so wahr er das Leben habe, der Herr Baron solle ein Geschäft machen, das er nicht bereuen werde.
Arthur konnte sich nicht erwehren, mit Heiterkeit auf den Mann zu sehen, der dieß Alles mit einer Lebhaftigkeit und Wärme vortrug, als ob jede Sylbe aus seinem Herzen käme. Er richtete mehrere Fragen an ihn, die sich auf Herrn von Pranger bezogen, und so vorsichtig der Jude antwortete, so gewann Arthur doch die klarste Anschauung von dem wirklichen Stand der Dinge. Sehr angenehm berührt davon, gab er die Erklärung: er sey nicht abgeneigt, das Gut zu verkaufen, sofern es nämlich preiswürdig bezahlt würde; vorher müsse er sich aber mit den Seinen berathen. — „Natürlich,“ erwiederte der Jude, „bei einer Sache von solcher Wichtigkeit! — Aber,“ setzte er fein hinzu, „der Herr Oberst haben vielleicht eine zu militärische Ansicht von der Sache und muthen Ihnen zu, eine Last zu tragen, die zu schwer für Sie werden könnte. Ein junger Herr, wie Sie, kann Anspruch machen auf alle Ehren in der Welt. Warum sollten Sie sich mit einer Besitzung plagen, die sich unter den jetzigen Verhältnissen — verzeihen Sie, daß ich das sage! — für einen Herrn von Stande doch schwerlich mehr rentiren kann. Indessen der Herr Baron sind klug, das ist allgemein bekannt, und wissen selbst, was für Sie am vortheilhaftesten ist.“ — Arthur ließ das gut seyn. Man bestimmte die Zeit der nächsten Zusammenkunft und trennte sich.
IV.
In der Stimmung, welche die Unterredung mit dem jüdischen Unterhändler im jungen Waldfels angeregt, glaubte er seinen Oheim aufsuchen zu müssen. Er fand ihn in seinem Zimmer, bat ihn nach bescheidenem Gruß herzlich, den Auftritt von letzthin vergessen und ihm wegen eines Anerbietens, das ihm gemacht sey, den Rath der Erfahrung ertheilen zu wollen. Der Oberst, durch dieses Entgegenkommen einigermaßen begütigt, brummte etwas von Pflicht und erklärte sich dazu bereit. Als Arthur in seinem Bericht Herrn von Pranger als Käufer nannte, machte der Kriegsmann ein erzürntes Gesicht. „Dieser Sohn eines Käsekrämers,“ rief er aus, „will Waldfels haben? Das ist ja schamlos!“ — Arthur stellte dem Oheim vor, daß er eben bei Herrn von Pranger Aussicht habe, das Gut vortheilhaft zu verkaufen. „Und was den Umstand betrifft,“ fuhr er lächelnd fort, „daß der Sohn eines Krämers in den Besitz von Waldfels kommen würde, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß Sie selber einen Vorschlag gemacht haben, nach dem er der Schwiegervater und nach Umständen der Großvater eines Herrn von Waldfels werden sollte.“ — Der Oberst schnitt eine Grimasse des Verdrusses und versetzte: „Ja, das hab’ ich gesagt! — Hol’s der Henker! Das Geld ist heutzutag Alles!“ — Er ging unmuthig im Zimmer auf und ab und stieß abwechselnd Flüche und Seufzer aus. Endlich stellte er sich vor den Neffen hin und sagte mit einem grimmigen Humor: „Nun, wenn der Kerl durchaus unser Stammgut haben will und du nicht davon zurückzubringen bist, es abzugeben, so laß dir’s wenigstens so gut als möglich bezahlen!“ — Arthur, erfreut über die Willfährigkeit, die sich hierin kund gab, versetzte: „Dafür, lieber Oheim, lassen Sie mich sorgen. Bezahlen soll er es!“
In dem erleichterten Gefühl, das wir immer haben, wenn wir jemanden tractabler finden, als wir zu hoffen gewagt, begab sich Arthur zu Frau von Holdingen. Er sprach hier aus Gründen zuerst von der Absicht des Bankiers. Die Baronin konnte ebenfalls ihre Betrübniß nicht verbergen, daß ein Gut, welches die Familie Waldfels Jahrhunderte hindurch besessen hatte, in die Hände eines solchen Mannes kommen solle. Sie mußte indeß gestehen, daß man es am Ende noch für ein Glück halten müsse, wenn Arthur dadurch in den Besitz einer Summe Geldes gelange, die er zu seinem Fortkommen gar sehr würde brauchen können. „Um so mehr,“ fiel Arthur ein, „als unser edler Verwandter, der Herr Graf, die Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben, vor der Hand nicht erfüllen zu wollen scheint.“ Er überreichte der Baronin das Schreiben, das sie begierig las. Als sie es geendet, zuckte sie die Achseln und sagte: „Ich habe ihn immer für einen Menschen gehalten, der nur an sich denkt.“ Sie schwieg bekümmert und Arthur wandte sich zu Anna, die ihn schon vorher mit einem Blick angesehen hatte, der zu sagen schien: „In Gottes Namen, das macht es nicht aus!“ Nun lenkte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand und zog auch die Mutter in dasselbe, so daß sich nach einiger Zeit alle drei wieder in gefaßter Stimmung befanden. Arthur sagte beim Abschied zur Baronin: „Wir wollen uns jetzt an das Nächste halten und einen vortheilhaften Verkauf zu bewerkstelligen suchen. Ich hoffe Ihnen bald gute Nachrichten geben zu können.“
Die Verhandlungen zwischen dem jungen Waldfels und Herrn von Pranger begannen. Jener, durch seinen Oheim unterstützt, benahm sich dabei so klug, daß die Begierde des Bankiers, die freiherrliche Besitzung in seine Hände zu bekommen, immer mehr gestachelt wurde. Es kam Arthur zu gute, daß die übrigen Gläubiger in seine Redlichkeit volles Vertrauen setzten und in das Geschäft keine Störung brachten. Nützlich wurde es ihm, daß der Oberst auf seine Faust das Gerücht unter die Leute gehen ließ, er sey im Stande einem Gewissen einen schlimmen Streich zu spielen, indem er das Geld zu seiner Bezahlung herbeischaffe. Endlich — und das war die Hauptsache — hatte Arthur noch das Glück, den jüdischen Unterhändler, Herrn Samuel Rosenheimer, auf seine Seite zu bekommen.
Wie wir unsern jungen Freund kennen gelernt, war er von Herzen freundlich gegen jedermann. An Samuel Rosenheimer ergötzte ihn das mit der Sicherheit eines Künstlers durchgeführte Spiel, welches er durchschaute; er verkehrte gern mit ihm und erwies ihm dabei mit Vergnügen die Höflichkeiten, auf die ein so geschickter Mann Anspruch machen konnte. Herr von Pranger dagegen kehrte gegen seinen Unterhändler bald die unangenehme Seite des Auftraggebers hervor. Er ward ärgerlich, daß die Sache nicht von der Stelle rücken wollte; einmal in übler Laune, setzte er sich hin und schrieb einen Brief, in welchem er Herrn Rosenheimer kränkende Vorwürfe machte und ihm erklärte, daß er sich in die Nothwendigkeit versetzt sehen könnte, einen andern Unterhändler zu wählen. Nun kann der Israelit in der Regel gar vieles vertragen, wenn es seyn muß; gewisse Beleidigungen verletzen ihn aber um so tiefer und eine stille Wuth bleibt um so länger in seinem Gemüthe. Als Samuel Rosenheimer diesen Brief gelesen hatte, verzog er seinen Mund verächtlich und sagte für sich: „Der Herr Baron von Waldfels, der Abkömmling einer so alten und so angesehenen Familie, ist höflich gegen mich, und dieser Mensch, dessen Großvater im Spittel gestorben ist, belohnt meine Mühe mit Undank und Geringschätzung! — Nu, wir wollen sehen!“
Am andern Tag kam er zu Arthur und konnte oder wollte eine gewisse Aufregung nicht verbergen. Er faßte den jungen Mann bei der Hand und sagte: „Herr Baron, erlauben Sie, daß ich heute ernsthaft mit Ihnen rede. Ich mein’s gut mit Ihnen — glauben Sie mir! Sie sind ein braver und liebenswürdiger Herr und unverdient — das weiß der liebe Gott! — in eine schlimme Lage gekommen. Der Herr Vater — Gott hab’ ihn selig! — er war auch ein braver Herr; aber er trieb’s ein bischen zu hoch, er war auch zu gut — und wie’s so geht wenn man einmal anfängt Schulden zu machen, ist’s oft nicht mehr möglich aufzuhören. Und nun steht’s so — unter uns, Herr Baron, können wir das schon sagen — daß Sie möglicherweise um Ihr ganzes Vermögen kommen können. Das thut mir weh, ich versichere Sie, weh thut’s mir! Ich weiß ja auch, warum Sie jetzt wünschen müßten, das ganze große Vermögen zu haben, das an Ihren Herrn Vater gekommen ist. So wahr ich hier stehe, ’s freut mich allemal, wenn ich Sie sehe mit Fräulein von Holdingen — zwanzig Meilen in der Runde gibt es kein so liebes und so schönes Paar! — Herr Baron — nichts für ungut! — ich hab’ auch ein Herz!“
Dem Juden waren bei diesen Worten die Augen feucht geworden und Arthur wußte nicht, was er von ihm halten sollte. Seine Gedanken errathend fuhr jener fort: „Sie wünschen zu erfahren, was ich eigentlich will, das will ich Ihnen sagen. — Ihnen, Herr Baron, muß geholfen werden! — und ich, Samuel Rosenheimer, der ich hier vor Ihnen stehe — ich will Ihnen helfen!“ — Arthur sah ihn verwundert an. Es kam ihm vor, als ob er dießmal kein Spiel vor sich sähe, und er sagte freundlich: „Wie wollen Sie das machen, lieber Herr Rosenheimer?“ — „Fragen Sie mich nicht,“ erwiederte jener, „ich werd’s machen! — Wissen Sie was? Ich kehre auf eine Stunde in’s Wirthshaus zurück. Gehen Sie unterdeß zum Herrn Onkel, berathen Sie sich mit ihm und schreiben Sie die Bedingungen, unter denen Sie das Gut ablassen wollen, auf einen Bogen Papier; weiter nichts. — Herr Baron, ich empfehle mich Ihnen.“
Nach einer Stunde kam der Jude wieder. Arthur übergab ihm lächelnd das gewünschte Papier. Rosenheimer las es und sagte bedenklich: „Sie fordern viel, Herr Baron.“ — „Nicht mehr,“ erwiederte Arthur, „als die Besitzung für einen Liebhaber werth ist. Ich selbst würde sie um diesen Preis nicht abgeben, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre.“ — Der Jude versetzte: „Nu, wir wollen sehen! — Für jetzt muß ich Sie aber bitten, in dieser Sache nichts weiter zu thun und mit niemand darüber zu reden. Vertrauen Sie dem Samuel Rosenheimer und warten Sie, bis er wieder kommt.“