Mehrere Tage gingen hin. Das Benehmen des Obersten entsprach seiner Erklärung. Er genügte seinen Pflichten als Vormund, ohne seines Projektes noch einmal Erwähnung zu thun, und beobachtete gegen seinen Neffen die Formen kalter Höflichkeit; aber er suchte die Momente des Zusammenseyns möglichst abzukürzen und zog sich theils auf sein Zimmer zurück, theils machte er Besuche in der Nachbarschaft. Arthur entschädigte sich im Hause der Verlobten. Er verschwieg hier die Scene mit dem Oheim, und da auch dieser für gut fand, nichts zu sagen, so blieb der junge Mann glücklicherweise mit einer neuen Erörterung verschont. Mutter und Tochter hatten mit ihm angenommen, daß er auf Waldfels verzichten und sein Glück anderweitig suchen müsse. Darum bildete nun das Schreiben, das Arthur an den Grafen abgesandt hatte, und die zu erwartende Proposition den Hauptgegenstand der Unterhaltung und mancher Vermuthung.
Die sehnlich erharrte Antwort erschien endlich. Der junge Waldfels betrachtete Adresse und Siegel mit begreiflichem Herzklopfen, eilte auf sein Zimmer und las in größter Spannung.
In verhältnißmäßig ausführlichem Schreiben drückte der hochgestellte Herr zunächst sein Leidwesen über den frühzeitigen Hintritt des Vaters aus, eines der vortrefflichsten Männer, die er gekannt, und dessen Andenken seinen Freunden stets theuer bleiben werde. Dann ging er auf Arthurs Verlobung über, an der er um so herzlicheren Antheil nehme, als er vielleicht zuerst an dem edeln jungen Paar die Anzeichen einer tieferen Neigung wahrgenommen und sich darüber gefreut habe. Er wünsche demselben alles Glück, das die Erde bieten könne, und bedaure auf’s innigste, daß die Hinterlassenschaft des Vaters nicht von der Art sey, um ihnen sogleich die hiezu nöthige Unterlage zu gewähren. Was die Anfrage des jungen Freundes betreffe, so wolle er hierauf eine gewissenhafte Antwort ertheilen. Er für seine Person würde es am liebsten gesehen haben, wenn er sich der diplomatischen Carrière hätte widmen können, denn dazu scheine er ihm ganz besonderes Talent zu besitzen. Allein zu dieser Laufbahn sey ein nicht unbedeutendes Vermögen die nothwendige Voraussetzung, und so könne in Ermanglung eines solchen leider auch dießmal wieder eine glänzende Begabung nicht die ihr zukommende Bethätigung finden. Aehnliches gelte von der militärischen Laufbahn. Könnte er dem Baron die baldige Erlangung einer Lieutenantsstelle allenfalls auch garantiren, so verböte sich für ihn die Wahl dieses Standes doch wegen der Bedingungen, an welche die Landesgesetze die Verheirathung eines Offiziers knüpften. Alles wohl erwogen, müsse er seinem trefflichen Verwandten rathen, auf der Universität die Jurisprudenz zu absolviren und sich dem Staatsdienst zu widmen. Zwar sey es seine Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß der Concurrenten jetzt gar viele seyen und daß er eine Reihe von Jahren werde Geduld haben müssen, bis er eine seinen Wünschen entsprechende Stellung werde erlangen können. Allein als begabter junger Mann werde er sich auch hier mit der Zeit hervorthun und ihm Veranlassung geben, seine Schritte zu fördern. Er auf seinem Posten habe sich freilich die strengste Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zum Gesetz gemacht; allein es freue ihn außerordentlich, wenn er einem edelgesinnten jungen Mann mit gutem Recht freundschaftlich unter die Arme greifen könne. Im Uebrigen rathe er, nur guten Muthes zu seyn. In der Welt sey manches möglich und es könne von irgend einer Seite her eine unerwartet günstige Wendung seines Geschicks eintreten. Sollte aber die Erfüllung seiner höchsten Lebenswünsche dennoch erst spät eintreten, so werde sie ihn nur um so inniger beglücken, und er werde das erhebende Gefühl eines mit Ausdauer errungenen und in jeder Hinsicht verdienten Looses haben. Indem er daher u. s. w. u. s. w.
Als Arthur diesen Brief gelesen hatte, senkte er das Haupt in tiefer Niedergeschlagenheit. Er hatte von dem Mann, der ihm so viel Theilnahme bewiesen und dessen Macht anerkannt war, irgend einen Vorschlag erwartet, der ihn auf ungewöhnlichem Weg rasch zum ersehnten Ziel führen könnte. Nun sah er sich den gewöhnlichsten Rath gegeben! Er sah sich mit Redensarten beschenkt, die ihm von purer Gleichgültigkeit dictirt und nur den Wunsch auszudrücken schienen: belästige mich nicht weiter!
Hätte er den Grafen näher gekannt, so würde er weniger gehofft haben, durch das Ergebniß seiner Anfrage aber auch weniger erschüttert worden seyn. Der vielvermögende Herr besaß eine ausgebreitete Verwandtschaft und hatte eben gegenwärtig mehrere Vettern zu versorgen, die ihn näher angingen als Arthur. Auch Andere hatten ihm Gefälligkeiten und Ehren erwiesen und konnten nun mit Ansprüchen hervortreten. Darunter waren Männer, die nützlich oder schädlich werden konnten, und diese mußte er vor allen berücksichtigen. Als kluger Mann hatte er von jeher die Nothwendigkeit begriffen, für brauchbare Persönlichkeiten über Belohnungs- und Anfeuerungsmittel verfügen zu können, und es sich daher zur Regel gemacht, sich niemals ohne Noth durch eine schriftliche Zusage zu binden. Da er sich nun auf seinem hohen Standpunkt ohnehin von Supplicirenden umdrängt sah, denen er allen helfen sollte — konnte er dem jungen Waldfels unter den gegenwärtigen Verhältnissen mehr zuwenden, als ein mäßiges Theilchen von Sympathie? Durch sein ausführliches theilnehmendes Schreiben glaubte er sogar ein Uebriges gethan und durch das ernstlich gemeinte Versprechen einer späteren gelegentlichen Unterstützung seine wohlwollende Gesinnung vollkommen bewiesen zu haben.
Arthur konnte sich in die Seele des Staatsmanns nicht hineindenken; er beschuldigte ihn daher unfreundlicher Kälte und sah in ihm nur einen herzlosen Weltmenschen, von welchem für ihn gar nichts mehr zu erwarten sey. Es ist so schwer, gerecht zu seyn, wenn man eine unerwünschte Antwort erhalten hat! Die vorgeschlagene Laufbahn, die für den Jüngling an sich nichts Reizendes hatte, erschien ihm jetzt geradezu widerwärtig; sein Herz wandte sich gänzlich davon ab. Allein welche andere bot sich ihm dafür? Was sollte er dem Oberst sagen, den er durch eine gute Nachricht zu gewinnen und zu beschämen gehofft? Die Reihe sich zu schämen war nun an ihm. Und was sollte er Frau von Holdingen sagen, die von dem einflußreichen Mann eben so wie er eine trostreiche Auskunft erwartet hatte? — Bei diesem Gedanken ergriff ihn eine marternde Empfindung, und schmerzlicher als je fühlte er die Stiche der Verzweiflung im Herzen.
In der Gedankenbewegung, der er sich willenlos hingab, erschien Arthur endlich jenes Traumbild, das in der letzten Zeit vor den Geschäften des Tags zurückgewichen war, auf’s neue. Sein nach Rettung verlangendes Herz fühlte sich zu ihm hingedrängt; das, was ihm zuerst nur spielender Gedanke gewesen, erschien ihm nun als eine Eingebung, und siegreich trat in ihm der Glaube hervor, daß er zu der Thätigkeit, wie sie ihm hiemit sich öffnen würde, berufen sey, daß er in ihr sein Glück finden und sein Geschick wieder herstellen werde. Die Stunde der Entscheidung war für ihn gekommen. Nachdem er die Vorstellung noch eine zeitlang betrachtet hatte, erhob er sich entschlossen und rief aus: „Ja, diesem Zuge will ich folgen! Verlassen von Andern will ich mir selbst vertrauen und kühn der Göttin mich weihen, die heutzutage allein noch Wunder zu thun vermag. Ich fühle mich dazu begabt, die Aussicht reizt und lockt mich, und dießmal, das weiß ich, wird mein Vertrauen mich nicht täuschen. — Aergert euch dann, ihr Herrn,“ setzte er mit stolzer Geringschätzung hinzu, „mit euch bin ich fertig!“ —
Der Entschluß, den Arthur in aufgeregtem Zustande gefaßt, hielt die Probe nüchterner Untersuchung aus. Den andern Tag, nachdem er alle Verhältnisse wohl erwogen hatte, erneuerte er ihn und gelobte sich, nicht wieder von ihm abzugehen. Sein Vorhaben war aber von der Art, daß es ihm geboten schien, niemand, auch nicht der Geliebten, ein Geständniß davon zu machen. Er nahm sich vor, es für Alle ein undurchdringliches Geheimniß seyn zu lassen und bei Anna und Frau von Holdingen an das Vertrauen zu appelliren, das redliche Herzen einem Ehrenmann schenken müssen. Eine tiefe Ruhe nahm in seiner Seele Platz. Es war die Ruhe des Bewußtseyns, einem höheren Rufe zu naturgemäßer Bestimmung zu folgen.
Die Frage war jetzt nur, wie er den Frauen die Antwort des Grafen mittheilen sollte, ohne ihre Herzen zu erschrecken und zu betrüben. Aus dieser Verlegenheit riß ihn ein Mann, der seinen Wünschen überhaupt wie ein Bote des Schicksals entgegenkam — ein Unterhändler seines Hauptgläubigers. Arthur erkannte aus den Reden desselben gar bald, daß es den reichen Landsmann über die Maßen gelüstete, Eigenthümer von Waldfels zu werden. Er fand nach dem, was er von ihm gehört, diese Neigung begreiflich und knüpfte an sie seine Hoffnungen an.
Daniel Pranger, oder wie er seit vier Jahren hieß, Daniel von Pranger war der Sohn eines kleinen Materialwaarenhändlers in dem zwei Stunden von Waldfels entfernten Städtchen. Schon der Vater, der seine Kunden mit Eifer bedient, hatte sich nach und nach ein nicht ganz unbedeutendes Vermögen gesammelt. Daniel, der die Kaufmannschaft in der altberühmten Handelsstadt erlernt, aus der die Baronin von Waldfels stammte, übertraf ihn als selbstständiger Mann an Glück und Unternehmungsgeist. Er wagte viel, und wo er wagte, gewann er. Endlich setzte er seinen Spekulationen die Krone auf, indem er die Wittwe eines Bankiers heirathete und damit eine gar viel bessere Partie machte, als der verstorbene Baron, der kurz zuvor Arthurs Mutter heimgeführt hatte. Wenn den Glücklichen sein gesicherter Reichthum mit Stolz erfüllte, so war es ihm doch das süßeste Gefühl, von dem Glanz desselben umstrahlt in der Vaterstadt aufzutreten und die Ausrufungen des Staunens und die respektvollen Schmeicheleien zu vernehmen, womit ihn seine Jugendfreunde beehrten. Er wiederholte diese Besuche mit Familie in gemessenen Zeiträumen und unterließ nicht, vor seinem Abgang Verwandten und Bekannten jedesmal ein Diner zu geben, das wochenlang den Hauptgegenstand der Unterhaltung im Städtchen bildete. Bei einem dieser Besuche mußte er hören, daß die Festlichkeiten, die in Waldfels veranstaltet wurden, in Aller Munde waren. Die Honoratioren rühmten die Pracht derselben und noch mehr die noble Feinheit, mit welcher der Baron seine Gäste zu unterhalten wisse; die Frauen ließen für den damals noch in den besten Jahren stehenden Herrn eine große Eingenommenheit blicken. Alles das erfüllte den reichen Mann mit einem Gefühl, das wir nicht mit Unrecht als Neid bezeichnen können. Der Baron ehrte ihn gelegentlich durch eine Einladung, was ihn freute; aber er behandelte ihn dabei mit einer Höflichkeit, die ihm nicht eifrig genug vorkam, und zeichnete ihn nicht vor andern aus, wie er es erwartet hatte; er fühlte sich gedrückt und kam unbefriedigt und verdrießlich nach Hause. — Ein glücklicher und stolzer Moment war es daher für ihn, als Herr von Waldfels ein Jahr später in seinem Hause erschien, um ein bedeutendes Anlehen bei ihm zu machen. Er bot ihm mehr, als der Baron verlangt hatte, bedang sich hinreichende Sicherheit und fühlte sich groß in dem Bewußtseyn, der finanzielle Protector eines Mannes zu seyn, den er in seiner Jugend so hoch über sich erblickt hatte und dem er auch in der Fülle seines Reichthums den Rang nicht abzulaufen vermochte. Schon zu dieser Zeit dachte er daran, daß ihm bei der Lebensweise des Barons wohl einmal seine Besitzung in die Hände fallen könnte. Er hatte seitdem ein lauerndes Auge auf den Gang seiner Angelegenheiten und es war ihm angenehm, sich wegen nicht bezahlter Zinsen in einer Weise mit ihm zu vergleichen, daß die bisherige Schuld um ein Ziemliches größer wurde. Als er das Ableben des Barons erfuhr, trat der Wunsch, das Edelmannsgut zu besitzen, auf’s lebhafteste in ihm hervor. Er faßte den Entschluß, alle Segel aufzuspannen, um sich einen so glänzenden Ruhesitz zu verschaffen und zu dem Ruhm eines reichen Mannes noch den eines Herrn von Waldfels zu fügen. Den Erben durch Kündigung des Capitals in die Enge zu treiben, schien ihm aus Gründen der Ehre und Klugheit nicht räthlich; er drängte ihn daher in keiner Weise und wartete mit Ruhe seine Zeit ab. Als die Epoche der Mündigkeit Arthurs herannahte, hielt er es für das Zweckmäßigste, bei dem unerfahrenen, in Verlegenheit befindlichen Jüngling durch einen geschickten Unterhändler das Geschäft beginnen zu lassen.