Bei der Mittheilung Arthurs war dieser Mann nicht nur darum so ruhig, weil er sich das Verhältniß ähnlich vorgestellt, sondern weil er auch schon ein Mittel zur Abhülfe gefunden hatte, das er für durchaus praktikabel hielt. Der Neffe, der davon nichts wissen konnte, rief mit Verwunderung über die scheinbare Theilnahmlosigkeit: „Mein Unglück scheint Sie nicht sehr zu betrüben! Wissen Sie mir Rath? Können Sie mir aus dieser Noth heraushelfen?“ — Der Oberst erwiederte: „Nach meiner Ansicht ist die Sache leicht. Wenn die Gesammtsumme, die dein Vater schuldig wurde, so groß ist, wie du sagst, so ist zu fürchten, daß bei gerichtlichem Verkauf der Hinterlassenschaft der Erlös sie nicht einmal decken wird. Dieß müssen wir den Gläubigern begreiflich machen und es dahin zu bringen suchen, einen Vergleich mit ihnen abzuschließen. Die Bursche sollen sich mit fünfzig oder sechzig Procent begnügen. Dann übernimmst du das Gut und stellst deine Angelegenheiten wieder her.“
An diese Möglichkeit hatte Arthur auch schon gedacht, aber durch nähere Prüfung der verschiedenen Forderungen war er davon ab- und zu dem Entschluß gekommen, eine solche Procedur nicht vornehmen zu lassen. Die einen der Gläubiger waren nämlich versichert, die andern hatten bloß Handschriften des Barons aufzuweisen. Jene waren reich, diese fast ohne Ausnahme nur mittelmäßig begütert. Nun war anzunehmen, daß eben die reichen sich an ihre Unterpfänder halten und allein die unversicherten „kleinen Leute“ zu einem Nachlaß zu bestimmen seyn würden. Dieß zu versuchen widerstrebte der Denkart des jungen Mannes, während er zugleich erkannte, daß die Auskunft im besten Fall doch nur eine kümmerliche seyn würde. Sein Geist hatte sich ohnehin nach einer andern Seite gewendet und sich mit dem Gedanken, das Stammgut aufgeben zu müssen, schon vertraut gemacht. Darum erwiederte er jetzt ruhig: „Das geht nicht, lieber Onkel!“
„Warum nicht,“ fragte der Oberst, der sich von der Sicherheit des Neffen unangenehm berührt fühlte. — Arthur bemerkte zunächst: „Weil dabei Leute ihr Geld verlieren würden, denen eine solche Einbuße sehr empfindlich fallen müßte“ — „Das sind Skrupel eines jungen Menschen,“ versetzte der Oberst ungeduldig. „Es handelt sich darum, ob eine alte Familie im Besitz ihres Erbgutes bleiben oder ob sie es Andern preisgeben soll, die es zertrümmern, vernichten werden; es handelt sich darum, ob diese Familie selbst mit Ehren fortbestehen oder untergehen soll. Dieß ist nicht möglich, ohne daß einige Philister verlieren, — darum sollen sie verlieren!“ — Arthur, durch diesen Ton seinerseits verletzt und gereizt, entgegnete: „Wenn eine Familie nur auf Kosten Anderer bestehen kann, so thut sie besser unterzugehen.“
Der Oberst sah ihn groß an. „Ist das Ernst?“ sagte er endlich. „Bis jetzt hielt ich dich für einen verständigen Menschen — hätt’ ich mich getäuscht? wärst du ein phantastischer Thor?“ — Arthur versetzte: „Den Verstand, den Sie mir zutrauen, hab’ ich vielleicht; aber er geht allerdings nur Hand in Hand mit der Ehrlichkeit. Ich will nicht verständig seyn, wenn ich unehrlich seyn müßte! Und in diesem Fall halt’ ich’s noch dazu für nicht verständig, unehrlich zu seyn.“
Das war dem Oberst zu viel. Eine dunkle Röthe überzog sein Gesicht und er schien eine heftige Entgegnung auf der Zunge zu haben. Allein er bezwang sich, um den jungen Menschen durch Gründe zu besiegen. Er sagte: „Unsere Voreltern, wie dir ohne Zweifel bekannt ist, waren reich und hochangesehen. Sie haben in dieser Gegend seit Jahrhunderten Gutes gethan, sie haben zu verschiedenen Zeiten wahre Opfer gebracht für das Volk. Nun wohl, diese Leute sollen auch einmal für uns ein Opfer bringen!“ — Arthur schüttelte den Kopf und entgegnete: „Wenn unsere Voreltern dem Volke Gutes gethan haben, so würden wir uns nur ausgeartet zeigen, wenn wir es beraubten.“ — „Das ist die Folgerung eines hochmüthigen Narren!“ platzte der Oberst heraus. — „Es ist die Logik eines rechtschaffenen Mannes,“ erwiederte Arthur mit Festigkeit. — Der Oberst stampfte mit dem Fuß und wendete sich in tiefem Unmuth von dem Jüngling ab. In einer Pause der Ueberlegung fühlte er jedoch die Nothwendigkeit, seine Leidenschaft zu unterdrücken, und begann mit erneuerter Geduld: „Wenn du eine solche Art von Ehrlichkeit hast — gut! folg’ ihr! Aber folg’ ihr zu einer Zeit, wo sie dich nicht zu Grunde richtet. Deine erste Pflicht ist, durch einen Vergleich mit den Gläubigern dich zu retten. Ist dieß geschehen, dann arbeite dich wieder empor, und wenn du wohlhabend bist, dann ersetze ihnen ihre Verluste.“ — Arthur wiederholte sein Kopfschütteln und bemerkte: „Ich wäre nicht im Stande, auf die bloße Möglichkeit hin, daß ich begangenes Unrecht wieder gut machen könnte, gegen meine Grundsätze zu handeln. Aber solchen Ersatz zu leisten, hab’ ich nicht einmal Aussicht.“
Er machte den Oheim nun auf den Umstand aufmerksam, daß die versicherten Gläubiger ihrer Lebensstellung und ihrem Charakter nach zu einer Einbuße sich nicht verstehen würden, daß aber die Forderungen der Handschriftenbesitzer wenig mehr als ein Drittel der Schuldenmasse betrügen, er mithin auch im Fall eines Accords nur eine geringe Erleichterung zu erwarten hätte. — Der Oberst war betroffen. Wie es Menschen von despotischem Hange begegnen kann, so hatte er, was er wünschte, sich auch als leicht ausführbar gedacht und angenommen, daß man die Gläubiger überhaupt zu einem Nachlaß würde bestimmen können. Nun schämte er sich, daß der junge Mensch die Verhältnisse richtiger angesehen haben sollte, und empfand nur um so mehr Unmuth gegen ihn. Er fühlte einen Drang, ihn seinerseits wieder zu treffen, und sagte endlich: „Vielleicht! — vielleicht ist es so! — Aber so geht’s, wenn man sich den Rettungsweg, der einem noch geboten war, selber verbaut! Der Bankier Pranger, dem du das meiste schuldig bist, hat eine Tochter, die jetzt achtzehn Jahre seyn muß. Es ist wahr, daß sein Vater noch Krämer dort im Städtchen war und sich glücklich pries, aus seinem Laden etwas in’s Schloß liefern zu dürfen. Aber der Sohn hat Glück gehabt, er ist ein reicher Mann und geadelt. Dergleichen Leute wünschen nichts mehr, als sich mit alten Familien zu verbinden, und es wäre nicht das erstemal, daß der Abkömmling eines guten Hauses durch eine solche Heirath seine zerrütteten Verhältnisse wieder herstellte.“
Arthur hatte dieser Rede mit Verwunderung gehorcht und erwiederte nun mit Ernst und Strenge: „Wozu sagen Sie mir das? Wollen Sie doch bedenken, daß dergleichen Reden jetzt gar keinen Zweck mehr haben.“ — „Nun,“ fuhr der Oberst heraus, „wenn ich dein Vater gewesen wäre, so hätte ich meine Einwilligung zu dem thörichten Verhältniß, das du angeknüpft hast, nicht gegeben und du wärest frei — —“ Weiter konnte er nicht reden. Arthur, mit gerötheten Wangen und funkelnden Augen, hatte sich vor ihn gestellt und rief: „Kein Wort mehr davon, Onkel! Ich bitte Sie!“ — Die Betonung dieses „bitte“ verrieth eine Leidenschaft, die den Oberst verstummen machte. Er wandte sich von ihm und ging düster im Zimmer auf und ab.
In der Stille, die nun eintrat, fand er Zeit zum Nachdenken. Er fühlte, daß er den Neffen doch ungebührlich verletzt habe, und ein gewisses Bedauern, das er darüber empfand, gab ihm die Kraft, nochmals den Ton der „Güte“ anzustimmen. Er sagte: „Wenn man sieht, daß ein junger Mensch im Begriff ist sich unglücklich zu machen, so dürfen seine Verwandten nicht ablassen, ihn darüber aufzuklären, und wenn sie dabei Dinge hören sollten, die sie zu hören nicht gewohnt sind. Ich folge dieser Pflicht und frage dich: Was willst du für die Zukunft beginnen? Hast du schon einen Entschluß gefaßt?“ — Arthur erwiederte der Wahrheit gemäß: „Noch nicht.“ — Dieser Ungewißheit gegenüber erschien dem Oberst sein Vorschlag wieder als der verhältnißmäßig beste, und mit erneuter Sicherheit begann er: „Du willst also dein Haus einreißen, bevor du wenigstens eine neue Hütte gebaut? Du verwirfst die Ansicht eines erfahrenen Mannes und weißt nicht nur keine bessere, sondern gar keine entgegenzusetzen? Du gehst also blind in dein Verderben?“ — Der junge Mann stand nachdenklich da und der Oberst, der ihn erschüttert zu haben glaubte, fuhr mit Gewicht fort: „Arthur, du kennst mich dafür, daß ich kein Schwätzer bin. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag; wenn du ihn verwirfst, so werd’ ich ihn nicht wiederholen. Laß mich versuchen, dir Waldfels zu retten! Ich bin dein Vormund und kenne meine Rechte, aber was ich thue, will ich mit deiner Beistimmung thun. Entschließe dich und gib sie mir! Manches geht leichter, als man sich’s vorstellt. Vielleicht läßt sich der geadelte Kaufmann zu günstigen Bedingungen überreden: solche Menschen sind irgendwo zu packen. — Bedenke,“ setzte er mit Ernst hinzu, „daß du dir nicht allein gehörst, sondern einem Geschlecht, daß du Pflichten gegen einen Namen hast, der zu den besten im Lande gehört, und daß dieser Name mit dir untergehen wird.“ — Arthur erwiederte nach kurzem Bedenken: „Sie wollen mein Bestes auf Ihre Weise und ich danke Ihnen für den Eifer, den Sie dabei an den Tag legen. Allein den Weg, den Sie mir vorschlagen, kann ich nicht gehen. Ich erkenne meine Pflichten gegen meinen Namen an und werde sie erfüllen, — aber nur so, wie mein Charakter und meine Ueberzeugung es gestatten.“
Der Oberst stöhnte bei diesen Worten. Der Geduldfaden, den er so lang erhalten hatte, mußte endlich reißen. Er empfand all den Zorn, den man über die Hartnäckigkeit und die Blindheit eines Menschen empfindet, dem man vergebens den besten und zweckmäßigsten Rath ertheilt hat, und indem er sich mit grimmigem Gesicht vor Arthur hinstellte, rief er: „Gut, junger Herr! Jetzt hab’ ich nur noch Eine Pflicht zu erfüllen, nämlich dir zu erklären, was dein Betragen für Folgen nach sich ziehen wird. Mir, dem erfahrenen Mann, kann nichts abgeschmackter vorkommen als der Hochmuth, der meint, die Welt müsse sich nach ihm und seinen Bedürfnissen richten, nichts widerlicher als die Phantasterei, die den Unverstand für Tugend ausgibt. Ich halte deinen Leichtsinn für unverantwortlich und sage dir daher: wenn du dabei bleibst, so zieh’ ich meine Hand von dir ab, ich vergesse, daß du mein Neffe bist, und überlasse dich deinem Schicksal!“ — „Und ich,“ erwiederte Arthur, „erkläre, daß ich gleichwohl dabei beharren muß, daß ich mich aber immer als Ihren Neffen betrachten, für Ihren guten Willen dankbar seyn und diese Gesinnung im glücklichen Fall beweisen werde.“ — Der Oberst zuckte die Achseln, sah ihn mitleidig an und verließ das Zimmer.
In der ersten Aufregung, welche die Scene in ihm hervorgerufen, empfand Arthur die Befriedigung eines Menschen, der sich sagen kann, mit Festigkeit nach seiner Ueberzeugung gehandelt zu haben. Als er aber mit kühlerem Blut darüber nachdachte, erschien es ihm doch peinlich, mit seinem Oheim in ein gespanntes Verhältniß gerathen zu seyn, dessen Aufhören er nach seiner Meinung nicht erwarten konnte, ohne eine ihm unmögliche Nachgiebigkeit zu beweisen. Wie es bei leidenschaftlichen Erörterungen zu gehen pflegt, hatte er keine Gelegenheit gefunden, von den Aussichten zu reden, die ihm gar bald durch den Grafen eröffnet werden könnten. Da er aber diesen Herrn dringend gebeten hatte, in Rücksicht auf die geschilderte Lage seinen gütigen Rath ihm bald ertheilen zu wollen, so beschloß er jetzt, bis zum Einlauf des Schreibens zu warten und den Oheim durch eine gute Nachricht, auf die er hoffte, wo möglich wieder zu versöhnen.