Die Verzweiflung ist für ein kräftiges, emporstrebendes Gemüth eine unsäglich bittere, aber eine heilsame Arznei. Sie führt es in dürre, todte Wüsten, aber eben hier wird der Resignation des Rechtschaffenen das Manna des Geistes zu Theil. Sie wirft es in die tiefsten, dunkelsten Abgründe, aber gerade in ihnen erscheinen dem emporblickenden Auge die Sterne des Himmels. Gleich einem Erdbeben öffnet die Erschütterung des Herzens neue Quellen und macht Kräfte frei, deren Umfang bis dahin nicht geahnt werden konnte. Eben so wie großes, unerwartetes Glück, führt plötzlich hereinbrechendes, niederschmetterndes Unglück die im Innersten zerbrochene Seele zu Gott und gibt der passiven Religiosität eines edeln, aber ungeprüften Herzens die Weihe zur Thatkraft, zur Bewährung.

Arthur fühlte die ganze Pein der Hoffnungslosigkeit, und wir dürfen es wohl sagen, daß die grausame Enttäuschung ihm bittere Thränen auspreßte. Nach und nach aber legte sich der Sturm in seinem Herzen und es wurde stiller darin. Er empfand leise das Vorgefühl der Genesung. Mit beruhigterem Geist erkannte er das Große der Prüfung, die ihm auferlegt war; er fühlte den Muth in sich, sie zu bestehen. Indem er an die Kämpfe dachte, die seiner warteten, erhob sich seine Seele und die Hoffnung auf den Sieg stärkte sein Herz. In dieser Stimmung vermochte er Gott zu danken für die ihm zugemutheten Arbeiten; er fühlte sich durch sie geehrt und gelobte sich, mit den ihm verliehenen Kräften Alles zu thun, um das Glück, das ihm nicht geschenkt werden sollte, durch sich selbst zu erringen.

Da er sich überzeugt hatte, daß sein Erbe den Gläubigern zur Beute fallen würde und müßte, so dachte er nach, welche Mittel ihm wohl noch blieben, seinem Geschick eine Wendung zum Bessern zu geben. Da fiel ihm der Graf ein, der sich gegen seinen Vater so warm über ihn ausgesprochen hatte. Er setzte sich nieder, erstattete dem hochgestellten Mann einen treuen Bericht von seiner Lage und bat ihn um gütige Aufklärung darüber, welche Laufbahn ihn am schnellsten in den Stand setzen könnte, seiner Verlobten und sich eine ehrenvolle Existenz zu schaffen. Mitten in der Abfassung dieses Schreibens tauchte eine eigenthümliche Vorstellung in ihm auf, bei der er nicht umhin konnte, über sich selber zu lächeln. Als er es beendet und abgeschickt hatte, trat dieser Gedanke wieder vor seine Seele, und er hing ihm nach, wie man Träumen nachhängt, ohne mehr daraus zu machen als sie sind. Seine Einbildungskraft mußte sich sehr gefällig erzeigen, denn sein Gesicht glättete sich und gewann beinahe einen heitern Ausdruck.

Zunächst hatte er aber eine ernste Pflicht zu erfüllen: er mußte Frau von Holdingen und Anna von dem Stand der Dinge unterrichten. Als er nach dem Landhause fuhr, wohin er so gern die besten Nachrichten gebracht hätte, fühlte er doch wieder eine Bewegung, die er nur mit Mühe bemeistern konnte. Er fand die nöthige Ruhe erst in der Begrüßung der Frauen, schilderte ihnen aber nun das thatsächliche Verhältniß, wie es sich ihm endlich dargestellt hatte, mit würdiger Resignation. Als er geendet, trat eine tiefe Stille ein. Er betrachtete Mutter und Tochter und bemerkte zu seinem Troste, daß der Eindruck seiner Erzählung nicht so niederschlagend war, als er gefürchtet hatte. Bei Anna war dieß in ihrem Herzen, ihrem Charakter und ihrer Jugend begründet; Frau von Holdingen aber war auf eine solche Eröffnung schon einigermaßen vorbereitet, da ihr Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die ungefähr auf dasselbe hinaus liefen. Dessen ungeachtet konnte sie sich nicht enthalten, das Schweigen zuerst durch einen Ausruf schmerzlichen Staunens zu unterbrechen und einen mütterlich tiefbesorgten Blick auf die Tochter zu werfen.

Mancher erwartet nun vielleicht, daß der junge Waldfels mit der Erklärung hervorgetreten sey, er gebe unter solchen Umständen Fräulein von Holdingen das von ihr empfangene Wort zurück; er liebe sie zu sehr, um sie an sein unsicheres Loos zu fesseln und dem Glücke, das sie zu erwarten das Recht habe, sich in den Weg zu stellen. Ein solcher Gedanke hatte sich Arthur in der ersten Niedergedrücktheit allerdings auch dargeboten, war aber sogleich von ihm verworfen worden. Er kannte Anna und wußte, daß er sie durch eine solche Erklärung nur kränken würde. Er gehörte ihr, wie sie ihm; sie hatte Ansprüche auf eine Liebe, die sich nicht in muthloser Entsagung, sondern in vertrauensvollem Behaupten des gewonnenen Besitzes offenbaren muß. Wie sehr er Recht hatte, zeigte sich jetzt. Nach dem Ausruf der Mutter wandte sich Anna liebevoll zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit innigem Ernst: „Es ist ein Unglück, Arthur, das ich um deinet- und um unsertwillen schmerzlich bedaure. Aber wir wollen auch das mit einander tragen. Jetzt ist es gut für uns, daß wir so jung sind, wir können warten. Ich traue dir alles zu und meine, es müßte dir alles gelingen. Wenn andere, die mit Nichts anfangen mußten, in der Welt etwas erreicht haben, warum solltest du’s nicht? Und wenn ich nie deine Frau werden könnte,“ setzte sie mit dem schönen Aufschwung jugendlicher Gemüther hinzu, „so würde ich doch stets die Deine seyn. Ich habe dir mein Wort gegeben, und ich wiederhole es jetzt: entweder du oder keiner soll meine Hand erhalten!“ — Arthur hörte mit freudiger Bewegung diese schmeichelhaften Worte und umarmte und küßte die Geliebte, indem Thränen in seinen Augen glänzten. „Im Unglück muß man seyn,“ rief er aus, „wenn man edle Seelen kennen lernen will! Wenn man auch weiß, wie gut sie sind, so thut es doch innig wohl, zu hören und zu sehen, was man weiß. Vertraue mir nur, Anna, dein Glaube soll dich nicht täuschen! Was ich auch unternehme, es muß gesegnet werden um deinetwillen. Wir werden glücklich seyn, verlasse dich darauf — ja, glücklicher als wenn der Reichthum des Großvaters ganz auf mich gekommen wäre!“

Die Baronin hatte während dieser Reden mit einem Ausdruck auf die jungen Leute gesehen, wie er der Welterfahrung eigen ist, wenn sie von liebenswürdigen Seelen Hoffnungen aussprechen hört, gegen deren Erfüllung, wie sie leider weiß, so viele Hemmnisse aufstehen können. „Ihr armen Kinder,“ schien sie sagen zu wollen, „wie leicht versprecht ihr das Höchste, und und wie schwer wird es euch werden, nur etwas von dem zu halten, was ihr jetzt schon gethan zu haben glaubt!“ Aber ein Hauch von der Begeisterung der Liebenden war in ihre Seele gedrungen. Sie bekämpfte eine Regung weltlichen Sinnes, trat zu dem Paar und sagte mit dem Ausdruck edler Selbstüberwindung: „In Gottes Namen denn! Ich kann zwar euer jugendliches Vertrauen nicht ganz theilen und warne euch, in dieser Welt das Gute so leicht und so rasch zu erwarten. Aber eurer Treue soll von mir kein Hinderniß kommen. Ich habe meine Einwilligung zu eurer Verbindung gegeben und ich werde sie nicht zurücknehmen. Möge es euch,“ setzte sie mit besorgter Liebe hinzu, „so wohl gehen als ihr’s verdient!“

Auf dem Heimweg nahte Arthur jene Vorstellung wieder, die ihn schon einmal freundlich angemuthet hatte. In der Bewegtheit seines Geistes formte er unwillkürlich einen Plan daraus, und ein Wunsch regte sich in seinem Herzen, das Phantasiegebild verwirklicht zu sehen. „Sollte das,“ sagte er zu sich selbst, „meine Bestimmung seyn? Sollte ich auf diesem Weg finden, was ich suche?“ Er schüttelte den Kopf. Er dachte an den Brief, den er an den Grafen abgesandt hatte, an die möglichen Aussichten, die sich ihm von dieser Seite her eröffnen könnten. „Er wird mir irgend einen annehmbaren Vorschlag machen und ich werde ihnen bald eine gute Nachricht bringen können,“ sagte er zu sich selbst. Diese Vorstellung erheiterte ihn sichtlich und er kam völlig beruhigt nach Hause.

Solche Gegengewichte ruhen in jugendlichen und schöpferischen Seelen gegen den Druck äußerer Verhältnisse! So leicht stellt sich der innerlich begabte Mensch wieder her, wo andere vernichtet und trostlos am Boden hinschleichen! — Aber ein anderes freilich ist es, über den Gedanken einer mühevollen Zukunft sich zu erheben, und ein anderes, die wirklichen Schwierigkeiten, wenn sie nun anrücken, zu bestehen und zu überwinden. Da wandelt sich der Muth gar oft wieder in Niedergeschlagenheit, die Hoffnungslust in Unmuth und Pein.

Am folgenden Tag kam der Oberst von seinem Wohnort zurück, um sich für die Dauer der Vormundschaft im Schlosse einzurichten. Arthur beeilte sich, ihm seine traurige Entdeckung mitzutheilen. Der Kriegsmann schien davon nicht sonderlich bewegt zu seyn. Er nickte nur ernsthaft mit dem Kopf und sagte: „Das hab’ ich mir gedacht!“

Hugo von Waldfels hatte eine gewisse Aehnlichkeit mit seinem Bruder, unterschied sich aber von diesem durch Energie und eine Anlage zur Heftigkeit, die während seiner militärischen Laufbahn eine Art methodischer Ausbildung erlangt hatte. Sein Aeußeres hatte nicht die behagliche Rundung Günthers, erschien aber dafür um so strammer und schlagfertiger. Auch er hatte sein Erbe großentheils durchgebracht. In der ersten Zeit war ihm das Spiel verderblich geworden; später hatte ein Liebesverhältniß mit der schönen Tochter armer Leute seine Kasse erschöpft. Der Sohn derselben machte Ansprüche auf seine Unterstützung, und der unverheirathete Cavalier, der ihn liebte, hatte schon über den Rest seines Vermögens zu seinen Gunsten verfügt. Wenige Jahre vor dem Tode seines Bruders machte ein Sturz vom Pferde den damaligen Oberstlieutenant dienstunfähig, und es erfolgte die Pensionirung. Seine Mittel wurden dadurch für seine Bedürfnisse ziemlich schmal, und er mußte nun auch allerlei Manöver anwenden, um sich nichts abgehen zu lassen. In die Forderungen der Welt schickte er sich ziemlich gut. Obschon er von seiner Abkunft und seinem Stande nicht gering dachte, so wußte er doch dem großen Geldbesitz die zeitgemäßen Concessionen zu machen, und wenn er in seiner Heftigkeit den Stab über jemand brach, so ließ er sich doch auch wieder begütigen. Es war ein Mann, wie es viele gibt, einer von denen, die bei Erfüllung ihrer Pflichten auch verschiedene schwache Seiten blicken lassen, und zum Theil solche, die sie an andern sehr ernstlich tadeln können.