Seit der Rückreise Arthurs auf die Universität war mit dem Baron eine eigene Veränderung vorgegangen. Das Glück der beiden Kinder hatte ihn in Wahrheit tief gerührt und in der nun folgenden Einsamkeit nachdenklich gemacht. Er fühlte die Verpflichtung, für sie etwas zu thun, und nahm sich mit völligem Ernste vor, seinen Haushalt noch weiter einzuschränken und auf den Ruhm eines glänzenden Edelmanns ganz zu verzichten. Daß sein Koch ihn zu dieser Zeit im Lohn steigern wollte, kam ihm gerade recht. Er entließ ihn, verschaffte sich eine bewährte Köchin und befahl ihr, zwei Gerichte weniger zu geben als bisher. Da er von seinem gewohnten Weinmaß etwas abzubrechen sich nicht entschließen konnte, so begnügte er sich mit einer billigeren Sorte und bewahrte die besten für unumgängliche Gelegenheiten auf. Ein reicher Nachbar hatte früher umsonst großes Verlangen nach seinen zwei vorzüglichen Wagenpferden blicken lassen; jetzt benützte er das Gelüste desselben, trat ihm die beiden Grauschimmel um hohen Preis ab und bezahlte damit einen drängenden Gläubiger. Er fing an bei den nöthigen Einkäufen auf Billigkeit zu sehen und mit den verwunderten Kaufleuten um den Preis zu handeln. Ja, er bekümmerte sich sogar um seine Land- und Forstwirthschaft, ging selbst auf die Felder, um die Arbeiten mit anzusehen, und unterhielt sich mit dem Verwalter über die vortheilhafteste Benützung des Bodens. Bei verschiedenen Gelegenheiten hielt er seinen Untergebenen Reden über die Nothwendigkeit einer sparsamen Haushaltung mit so anmuthiger Würde, als ob er nie an etwas anderes gedacht hätte. Die Leute stimmten ihm achtungsvoll bei, so lange sie vor ihm standen; wenn sie sich allein sahen, konnten sie sich nicht enthalten, lächelnd den Kopf zu schütteln.
Ob es dem guten Herrn möglich gewesen wäre, in der eingeschlagenen Richtung zu beharren, können wir nicht sagen. Das Schicksal enthob ihn der Probe. Er fühlte sich eines Abends unwohl und legte sich früher als gewöhnlich zu Bette. Morgens fand man ihn todt. Ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein Ende gemacht. — —
Das plötzliche Hinscheiden einer lebensfrohen und lebenskräftigen Person hat für diejenigen, die ihr mit Liebe anhingen, etwas tief Erschreckendes. Zu dem Schmerz über den Verlust gesellt sich der grausame Zweifel an allem, was man bisher für sicher und dauernd gehalten. Die Hinfälligkeit des Menschen, die Unzuverlässigkeit alles Irdischen sieht mit dem Antlitz der Gorgone auf uns her, und es erfordert die höchste Stärke, sich noch aufrecht zu erhalten und den Pflichten des Tages zu genügen.
Frau von Holdingen und Anna hörten die Todesnachricht mit Entsetzen. Die Ahnung einer unheilvollen Wendung ihres Geschicks durchzuckte sie, als sie die bleichen Gesichter gegen einander wandten und sich mit thränenlosen Augen ansahen. Sie begaben sich in größter Eile nach Waldfels, wo der herbeigerufene Arzt eben erklärt hatte, daß man jede Hoffnung aufgeben müsse. In der allgemeinen Trauer, unter den Thränen, die jetzt reichlich um den Gestorbenen flossen, ermannte sich Frau von Holdingen zuerst. Sie sandte einen reitenden Boten an den Sohn und übernahm als nächste anwesende Verwandte die Leitung des Hauses.
Arthur erschien am folgenden Tage in Begleitung seines Oheims, den er von der Landstadt, wo er als pensionirter Oberst lebte, mitgenommen hatte. Wir versuchen es nicht, seinen Schmerz zu schildern. Die Liebe, die er für seinen Vater empfand, hatte sich durch dessen gütiges Benehmen bei der ihm theuersten Angelegenheit noch erhöht. Wenn er seinen vertrauten Freunden von ihm erzählte, so glänzten seine Augen, als spräche er von der Verlobten. Welch ein erschütterndes Gefühl war es nun, dem theuern Mädchen wieder die Hand zu reichen und den geliebten Vater todt vor sich zu sehen! Er gab sich seinem Schmerz ohne Widerstand hin. Die Anordnung der Trauerfeierlichkeiten mußte von dem Oheim und Frau von Holdingen übernommen werden.
Noch einmal sahen die Räume des Schlosses eine zahlreiche, hochansehnliche Versammlung von Freunden der Familie Waldfels. Wenn nicht Alle wahre Trauer um den Mann empfinden konnten, der jetzt in die Gruft seiner Väter gesenkt wurde, so bedauerten doch Alle sein Ableben aufrichtig und hörten mit Theilnahme die Rede des Ortsgeistlichen, der ihnen seine menschlich schönen Charakterzüge mit schonender Hindeutung auf seine Schwächen in’s Gedächtniß rief.
Ein letzter Wille des Barons fand sich nicht vor; der Sohn war daher alleiniger Erbe und der Oberst, als der nächste Verwandte, wurde sein Vormund. Als beides geordnet war, ging Arthur in Verbindung mit dem Oberst muthig an die Arbeiten, die ihm durch die Lage der Dinge und durch die Gesetze des Landes geboten waren. Aber bald sollte dieser Muth niedergeschlagen werden.
Was die Leser schon errathen haben müssen, enthüllte sich. Schon die Durchsicht der hinterlassenen Papiere ließ die beiden Waldfels einen ungefähren Schluß ziehen auf den wahren Stand der Vermögensverhältnisse. Als aber in Folge des öffentlichen Aufrufs die sämmtlichen Gläubiger der Verlassenschaft sich meldeten, übertraf die Wirklichkeit selbst das, was sie in den schlimmsten Momenten gefürchtet hatten: die Summe der Forderungen drohte das ganze Erbe zu verschlingen.
Für Arthur, der sich in so schönen Hoffnungen gewiegt und so heilige Pflichten übernommen hatte, war es ein schreckliches Gefühl, als er zum erstenmal diese Wahrnehmung machte. Er war gerade allein — sein Oheim war auf einige Tage in seinen Wohnort zurückgegangen —, die klar erkannte Thatsache wirkte daher um so grausamer und niederwerfender auf ihn; die Verzweiflung wühlte in seinem Herzen. Wenn er daran dachte, welch ein reiches Erbe seinem Vater hinterlassen worden war, so konnte er sich einer bittern Empfindung nicht erwehren. Wie war es möglich, solchen Wohlstand gänzlich zu untergraben und den Sohn dem Bettelstab nahe zu bringen? Wie war es möglich, den Weg zum Untergang vorwärts zu gehen und nie zurückgeschreckt zu werden? — Bei alledem vermochte er dem Vater nicht zu grollen. Er dachte an seine unbegrenzte Gutmüthigkeit, an die Begriffe, die er von seinem Stande gehegt hatte, und der Ruin des Familienvermögens erschien ihm als eine Art von Verhängniß, als eine Folge von Schwächen des Vaters, die zu seiner Natur gehörten und für die er nicht mit Strenge verantwortlich gemacht werden konnte. Er tadelte sich selbst, daß er nicht gesehen, wohin die allzu glänzende Lebensweise zuletzt führen müsse, daß er sich nicht schon früher ernstlich von dem Stande des Vermögens unterrichtet und versucht habe, den Vater zu den unausweichlichen Einschränkungen zu bestimmen. Was sollte er nun beginnen? Welch ein Loos wartete seiner? Wie sollte er die Hoffnungen seiner Geliebten, wie sollte er seine feierlich ertheilten Zusagen erfüllen? — Er hatte keine Antwort auf diese Fragen.