Darauf erwiederte Anna mit Ergebung: „Ich weiß wohl, daß ich noch jung bin, aber ich bin alt genug, um einzusehen, daß ich einen besseren und edleren Mann, als Arthur, nie finden würde, und ich habe ihn so lieb, daß ich ihn nicht lieber haben könnte! Als er mich zum Spaziergang einlud, hatte ich keine Ahnung von dem, was kommen sollte. Es ist, wie wenn’s vom Himmel gefallen wäre. Als ich darüber nachdachte, war’s geschehen. Nun hat Arthur mein Wort, mein heiliges Versprechen — und du,“ setzte sie mit herzlich bittendem und zuversichtlichem Ton hinzu, „du, liebe Mutter, wirst mich gewiß nicht hindern, es zu halten.“

Frau von Holdingen erhob sich. Ihrem Herzen folgend umarmte sie das Kind, indem sie mit Güte sagte: „Beruhige dich, Anna! Hält Arthurs Gesinnung auch die Prüfung der Mutter aus, dann hast du nicht zu fürchten, daß ich eurer Verlobung mich widersetzen werde. Es kommt aber hier vor allem auf den Baron an, der mit seinem Sohn vielleicht andere Absichten hat. Wenn er die Verbindung nicht wünschte, so wäre es für dich eine Ehrensache, deinem Vetter zu entsagen.“

Um vier Uhr Nachmittags rollte die offene Chaise des Barons in den Hof. Der wackere Herr war in froher, gemüthlicher Laune. Er hatte mit gutem Appetit gegessen und die ihm zugesandte Probe einer neuen Weinsorte vortrefflich gefunden. Das Wetter war schön und die wehende Ostluft erquickend; als er daher mit dem Sohn an blühenden Wiesen hinfuhr, vergaß er den düstern Hintergrund seiner Angelegenheiten gänzlich und hatte nur heitere Anschauungen. Aus der Art seines Auftretens schöpfte Frau von Holdingen sogleich die vollste Beruhigung, und die erröthenden jungen Leute gaben sich durch Blicke die freudige Gewißheit, daß auf beiden Seiten alles wohl stehe.

Nach den ersten Begrüßungen ließ der Baron, der nicht gewohnt war, in solchen Dingen lang zurückzuhalten, seine Blicke von der Tochter zur Mutter gleiten und sich dann also vernehmen: „Ich sehe, liebe Base, daß unsere gute kleine Cousine auch schon gebeichtet hat. Nun, was sagen Sie zu den jungen Leuten? Ist das nicht erstaunlich? Hat man in unsern Zeiten von so etwas gehört? — Sie haben uns eine eigenthümliche Aufgabe gestellt, unsere Kinder; aber wie wir darüber denken, wir können nicht vermeiden, uns nun damit zu beschäftigen.“

Frau von Holdingen nahm eine würdevolle Haltung an und erwiederte: „Allerdings hat mir meine Tochter alles gestanden und ich habe mein Urtheil nicht zurückgehalten über die Art, wie sie sich in ihrer Jugend zu einem solchen Schritt hat hinreißen lassen. Aber eben diese Jugend, lieber Baron, muß sie entschuldigen. Was jetzt geschehen soll, das hängt allein von Ihrer Entscheidung ab. Haben Sie gegen das Verhältniß und gegen die künftige Verbindung der jungen Leute nur die geringste Einwendung zu machen, so kenne ich meine Pflicht, und ich werde dafür sorgen, daß aller Verkehr zwischen ihnen abgebrochen wird.“ — „Ach, beste Baronin,“ versetzte der alte Herr, „das würde nicht viel helfen. Arthur hat sich mir von einer ganz neuen Seite gezeigt: er wäre im Stand, seinem Vater zu trotzen! Auch unsere Anna, im Vertrauen, sieht nicht darnach aus, als ob sie in dieser Angelegenheit ohne weiteres Gehorsam leisten wollte. Was sollen wir thun? Die Kinder lieben sich, sie haben sich Treue gelobt — und wir müssen zu ihrem Spiel gute Miene machen; — das heißt, wenn Sie, verehrte Frau, nicht aus mir unbekannten Gründen Bedenken tragen, Ihre Einwilligung zu geben.“

Die Baronin beeilte sich zu erklären, daß sie die Verbindung ihrer Tochter mit dem Sohne des Barons von Waldfels für höchst ehrenvoll und für das größte Glück halte, das Anna nur irgend erwarten könnte. Nun wäre es dem wohlwollenden und galanten Mann völlig unmöglich gewesen, sein Jawort zu versagen. Er liebte es ohnehin nicht, Scenen dieser Art hinauszudehnen, und versetzte daher mit herzlicher Freundlichkeit: „Da Sie so liebenswürdig denken, gnädige Frau, und in Ihrer Güte sich selbst übertreffen, so geben wir in Gottes Namen unsere Einwilligung und behalten uns vor, die wirkliche Verlobung so lange hinauszuschieben, als es uns schicklich dünkt. — Möge der Himmel,“ setzte er mit Ernst hinzu, „seinen Segen dazu geben!“ — Dann, mit Liebe zu dem Paare gewandt, rief er: „Bedankt euch nun bei der guten Baronin, Kinder!“

Die beiden, denen bei den ersten Reden doch wieder etwas bange geworden, folgten der Aufforderung rasch und ließen ihre zärtlichen Gefühle an den Eltern so herzlich aus, daß diese selbst der Rührung nicht widerstehen konnten und sich mit feuchten, tiefbefriedigten Blicken ansahen. Arthur hatte Anna’s Hand ergriffen, sein Auge hing an ihr in triumphirender, seliger Liebe. Er wagte es nicht, ihre Lippen zu küssen, und drückte, indem er sie an sich zog, seinen glühenden Mund auf ihre Stirne. Das Mädchen sah dabei so bräutlich schön aus und ihr Glück hatte einen so strahlend edeln Charakter, daß der Baron der Mutter zuflüsterte: „Mein Arthur hat sehr wohl gethan, sich dieses Kleinod so früh zu gewinnen. Hätte er noch gezaudert, so würden die Mitbewerber aus der Erde gewachsen seyn, und es hätte ihm doch wohl einer gefährlich werden können. Er hat auch in dieser Sache den Verstand und die Klugheit bewiesen, die ihn immer ausgezeichnet haben.“ — Die Mutter antwortete mit einem dankbaren und wohlgefälligen Lächeln. —

So leicht wurde diese Angelegenheit, die so manche bedenkliche Seite darzubieten schien, einem Ende zugeführt, das alle Theile zufrieden stellte. Der Baron hielt es um so weniger für nöthig, auf seine dermaligen Vermögensverhältnisse hinzudeuten, als es ihm ja wieder gelungen war, in dieser Beziehung gute Hoffnungen zu fassen. Und wenn es nicht der Fall gewesen wäre, wie hätte ein so guter Mann es über’s Herz bringen können, die gegenwärtige heitere Stimmung durch einen prosaischen Mißton zu trüben? Man vereinigte sich darüber, die förmliche Verlobung in Ansehung der Jugend Annas erst nach einem Jahr erfolgen zu lassen. Arthur sollte seine Studien beenden, reisen und endlich nach Waldfels zurückkehren, wo dann nach den Umständen früher oder später die Vermählung stattfinden sollte. Der alte Herr zeigte sich nicht abgeneigt, das Gut an Arthur zu übergeben, so daß Anna die Aussicht hatte, als Herrin in das Schloß geführt zu werden.

Beim Abendessen ließ sich der Baron die geringere, aber ächte Weinsorte der Baronin eben so gut schmecken, wie seine bessere zu Hause. Seine Laune belebte sich mehr und mehr. Er begann die Kinder zu necken und freute sich an dem jungfräulichen Erröthen des Mädchens. Unter andern wollte er darin einen Hauptbeweis für das Fortschreiten der Menschheit erkennen, daß die jetzige Generation nicht nur fähig sey, so früh zu lieben, sondern auch so früh schon eine glückliche Wahl zu treffen und mit Leidenschaft Verstand und Festigkeit zu verbinden. Er selber gestehe, sich mit der Thorheit länger abgegeben zu haben, was er übrigens auch nicht bereue. Wie er so dasaß, glänzend von Wohlwollen und Vergnügen, hätte er verdient, von dem besten Maler der altniederländischen Schule porträtirt und in der Poesie seines Wesens für alle Zeiten bewahrt zu werden. Endlich ergriff er das Glas, um einen Toast auf das Liebespaar auszubringen. Er wünschte und verkündete ihnen mit väterlicher Zärtlichkeit und mit dem besten Glauben ein Leben voll Liebe, Glück und Freude.

Mußten Arthur und Anna der Zukunft nicht mit den frohesten Empfindungen entgegensehen? Mußten sie sich nicht schon angeweht fühlen von dem Hauch der vollkommensten Erdenseligkeit? Aber die Macht, welche das Geschick der Menschen bestimmt, hat oft ihre Gründe, eben diejenigen, die ein schönes, ruhiges Daseyn zu verdienen scheinen, die Wege des Unglücks zu führen. Die Zeit nahte heran, wo die Hoffnungen, von denen die Herzen der Liebenden bewegt und erhoben waren, eine nach der andern zertrümmert werden sollten.