Des Barons Antlitz verdüsterte sich und mit schwerem Bedenken schüttelte er den Kopf. Es gehörte zu seinem Wesen, daß er sich über die Zukunft Arthurs nie eine klare Vorstellung gemacht hatte. Er sorgte für die ihm gebührende Ausbildung, im übrigen ließ er ihn gewähren. In den seltenen Augenblicken, wo er wegen der Zerrüttung des ererbten Vermögens doch einige selbstanklagende Regungen empfand, beschwichtigte er sein Gewissen dadurch, daß er annahm, der Sohn, der so viele Fähigkeit und so viel Ausdauer im Studium zeige, werde seiner Zeit in den Staatsdienst treten, um eine gute Carrière zu machen; und als er den Grafen zu sich einlud, dachte er unter anderem wirklich auch daran, seinem Arthur durch die ehrenvolle Bewirthung desselben einen einflußreichen Protektor zu gewinnen. Auf der andern Seite erwog er, daß es einem Träger des Namens Waldfels, begabt und liebenswürdig, unmöglich fehlen könne, eine vorzügliche Partie zu machen und durch die Reichthümer der Erwählten die Mängel des väterlichen Vermögens zu decken. So mußte das Geständniß Arthurs, wodurch beide Hoffnungen bedroht waren, tiefen Verdruß und Unmuth in ihm erregen. Als der Sohn auf seinem Gesicht einen Ernst sah, der ihm völlig ungewohnt erschien, wurde er sehr betreten und fragte im Ton trauriger Ueberraschung: „Wär’s möglich, Vater, daß dir meine Wahl mißfiele? Hättest du an Anna etwas auszusetzen?“
Der Baron versetzte mit Würde: „Nach meiner Ansicht ist die Zeit, wo du an Verlobung, oder gar an Verheirathung denken kannst, überhaupt noch nicht gekommen. Wenn sie aber gekommen ist, so muß ich dir aus vielen Gründen eine reichere Partie wünschen, da unsere Vermögensverhältnisse keineswegs mehr brillant sind.“ — „O,“ rief der Sohn, „wenn es nur das ist, dann hab’ ich keine Sorge!“ Und mit Selbstgefühl setzte er hinzu: „Wir wollen das Gut schon mit einander verwalten, daß ich eine reiche Frau nicht nöthig habe. Ich habe meine Gedanken, und wenn du mir freie Hand gibst, so verbürge ich mich dafür, in wenigen Jahren stehen wir so, daß ich Anna in eine glückliche, gesegnete Familie einführen kann.“ — „Du weißt nicht,“ entgegnete der Vater mit einem Seufzer, „wie weit es gekommen ist!“ — „Das ist einerlei!“ versetzte der liebende, muthige Jüngling. „Im schlimmsten Fall hätten wir nur ein paar Jahre mehr nöthig.“ Und indem er ihn schmeichelnd bei den Händen faßte, rief er in bittendem Ton: „Sey der gute, liebe Vater, der du immer warst! Gib deine Einwilligung!“
Dem Baron stellte sich bei diesem Drängen seine Lage so klar vor Augen, wie nie vorher. Das Gefühl, daß sein einziger Sohn und das gute Mädchen einem traurigen Loos entgegen gehen würden, erschütterte ihn, und eben die Liebe, die Sorge, gab ihm nun Kraft zur Strenge. Er wies die Hand des Sohnes zurück und sagte mit Entschiedenheit: „Laß diese Thorheiten! Du bist selbst noch ein Kind und weißt nicht, was zum Leben gehört!“ — Und froh, von sich selber etwas Empfehlenswerthes anführen zu können, fuhr er fort: „Ich war zehn volle Jahre älter, als ich mich mit deiner Mutter verlobte. Das ist die Zeit, wo man gegenwärtig allenfalls an’s Heirathen denken darf. Die kindischen Schwärmereien der Jugend sind dann von selber vergangen und der Kopf ist hell genug, um eine in jeder Beziehung glückliche Wahl zu treffen. Das muß ich wissen, der ich Erfahrung habe und die Welt kenne. Aber ihr jungen Leute wollt heutzutage klüger seyn als die Alten, und es ist doppelt nöthig, euch in die gehörigen Schranken zurückzuweisen. — Kurz, ich gebe zu dieser Verbindung meine Einwilligung nicht und werde dafür sorgen, daß die voreilige Liebschaft ein Ende findet.“
Nach diesem Beweis von Energie wollte sich der alte Herr wieder an den Schreibtisch setzen, aber Arthur hielt ihn zurück. Mit Ernst und Festigkeit erwiederte er: „Du bist hart gegen mich, Vater, und das thut mir weh, denn ich bin’s nicht von dir gewöhnt. Aber deine Härte — verzeih’ mir, daß ich so zu dir rede — kann und wird meinen Entschluß nicht ändern. Ich habe es wohl überlegt, um was ich dich bitte, und ich muß vor allem das thun, was ich für meine höchste Pflicht halte. Ich kann meiner Cousine nicht entsagen. Sie ist ein so liebenswürdiges Mädchen, daß sie das Bild, das ich mir immer von dem vortrefflichsten Weib gemacht habe, noch bei weitem übertrifft. Schon jetzt vereinigt sie mit dem schönsten und tiefsten Gefühl den heitersten Geist und den klarsten Verstand. Und wenn sie nach deiner Ansicht noch ein Kind ist, was muß man erst in der Zukunft von ihr erwarten? Daß ein solches Wesen existirt, ist ein Wunder, daß ich sie gefunden habe, ein unendliches Glück — und dieses Glück, das ich mit meinem Blute erkaufen würde, sollt’ ich von mir stoßen? — Das ist es aber nicht allein. Ich habe mich gegen Anna erklärt, ich habe das Versprechen der Treue mit ihr gewechselt, und glaubst du, daß ein Waldfels sein feierlich gegebenes Wort brechen werde?“
Das Vaterherz konnte sich dem Eindruck dieser Entgegnung nicht ganz verschließen; aber noch bewahrte der Baron seine Festigkeit und rief im Ton des Unwillens aus: „Das ist eben dein unverzeihlicher Fehler, daß du ein solches Wort gegeben hast!“ — „Es ist dazu gekommen,“ erwiederte Arthur, „ich weiß selbst nicht wie. Ich folgte meinem Herzen und es ist mir nicht eingefallen, daß es jemand betrüben könnte. Ich fand das höchste Glück des Lebens — konnte ich da noch an etwas anderes denken? — Und was ist denn alles andere im Vergleich mit diesem Glück? Was kann denn noch in die Wagschale fallen, wenn wir das Herz eines Mädchens gewinnen, für dessen Besitz wir niedersinken und Gott auf den Knieen danken möchten? — Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die so klein von sich denken, daß sie sich nicht zutrauen, ein über alles geliebtes Weib durch’s Leben zu führen. Ich aber, lieber Vater, gehöre nicht zu ihnen; und wie unsere Verhältnisse jetzt auch beschaffen seyn mögen, ich werde Anna glücklich machen, glücklicher als irgend jemand in der Welt es vermag.“
Der Baron konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, mit Theilnahme auf den Sohn zu blicken und in seinem ganzen Wesen eine innere Bewegung zu verrathen. Er sagte mit sanfterer Stimme: „Lieber Arthur, du weißt nicht, was du versprichst! Du kennst die Klippen nicht, die dich bedrohen! Du wirst scheitern, wie so viele vor dir gescheitert sind!“ — „Ich werde nicht scheitern!“ rief Arthur mit dem Ausdruck innerster Zuversicht. „Ich fühle einen Muth in mir, dem nichts zu schwer vorkommt, und hier in meinem Herzen ruft eine Stimme: du wirst über alle Schwierigkeiten triumphiren! — Aber,“ fuhr er dringend und herzlich fort, „du, Vater, mußt mir zu diesem Unternehmen deine Beistimmung schenken und deinen Segen geben. Du warst immer so gut gegen mich und in den letzten Jahren, ich darf es wohl sagen, Vater und Freund in Einer Person. Deine Liebe, deine Freundschaft gehören zu meinem Glück, sie sind das Mittel und die Bedingung dazu, ich kann und will es nicht haben ohne sie. Darum schenke sie mir und gib mir dein Jawort! Wir wollen dann zusammen arbeiten und hoffen und Gott und uns selber vertrauen.“
Die Widerstandskraft des Barons war zu Ende. Sein Herz war erweicht; und zugleich hatte der Muth und die Zuversicht des Sohns ihn angesteckt. Was er so eben noch in Abrede gestellt, das erschien dem gerührten Herzen jetzt nicht nur wieder möglich, sondern beinahe wahrscheinlich. Ohnehin hatte er ja das Seine gethan; er hatte gewarnt und lange genug gekämpft. Der junge Mensch fügte sich nicht; man mußte sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu ändern sey. — Allen diesen Eindrücken wich der Vater endlich und erklärte: „Wenn du es nicht anders haben willst, so mag es seyn. Ich gebe meine förmliche Einwilligung noch nicht, aber ich verspreche sie dir für den Fall, daß die Baronin nichts gegen eure Verlobung einzuwenden hat. Dann aber,“ setzte er mit Bedeutung hinzu, „vergiß nie, daß ich dich gewarnt und nur deiner Hartnäckigkeit nachgegeben habe.“
Arthur hatte nicht bis zum Schluß dieser Rede gewartet, um dankerfüllt des Vaters Hand zu ergreifen und zu drücken. Er umarmte ihn nun mit kindlicher Zärtlichkeit und rief mit Bezug auf die letzten Worte: „Nein, lieber Vater, nie werde ich das vergessen, so wenig wie die unendliche Güte, womit du meine Bitte erfüllt hast. Wenn ich unglücklich werde, so ist es nur meine Schuld. Wenn ich Glück erlebe, so hab’ ich es einzig und allein dir zu danken.“ — „Gut,“ versetzte der Baron mit väterlichem Ansehen, „dieß ist abgemacht. Aber Eines muß ich mir noch bedingen. Morgen Nachmittag gehen wir zur Baronin: bis dahin wirst du das Schloß nicht verlassen.“ — Arthur versprach es und verabschiedete sich.
Er hielt Wort. Er unterdrückte das Verlangen, zu der Geliebten zu eilen, aber er schrieb an sie und sorgte dafür, daß der Brief ihr geheim übergeben wurde. Er meldete ihr das Ergebniß der Unterredung mit seinem Vater und forderte sie dringend auf, ihrer Mutter gleichfalls ein Geständniß zu machen und bis zur Ankunft seines Vaters ihre Beistimmung zu erlangen. — Den andern Morgen hätte man an dem schönen Mädchen wohl bemerken können, daß ein ungewöhnlicher Vorsatz ihre Seele beschäftigte. Sie zeigte eine bewegtere häusliche Thätigkeit als sonst. Wenn sie davon abließ, stand sie bald in tiefen Gedanken und ihren reizenden Mund verschönte ein eigenes, halb verlegenes Lächeln. Sie schien die rechte Form der Ausführung nicht finden zu können und nahm endlich ihre Zuflucht zum Pianoforte. Dieses Instrument spielte sie mit Fertigkeit, heute aber führte sie die gewählten ernsten Stücke mit einem Gefühl und einer Kraft aus, daß die Mutter, die sich zu einer weiblichen Arbeit gesetzt hatte, selbst mit Verwunderung horchte und unwillkürlich dem rührenden Eindruck der Musik sich hingab. Auf einmal erhob sich das junge Mädchen und trat vor die Mutter. Ihr Vorhaben nicht nur, sondern auch das Bewußtseyn ihrer großen Jugend rief eine holde Schamröthe auf ihren Wangen hervor; aber ihr Entschluß war gefaßt und die Stimmung, wo sie ihn ausführen konnte, hatte sie gewonnen. Sie erklärte der etwas befremdet blickenden Mutter, daß sie ihr ein Bekenntniß abzulegen habe, und bat sie, ihr mit Güte ein ruhiges Gehör zu schenken. Dann erzählte sie den Vorgang am Pfingstmontag mit der Ergebung einer kindlich bescheidenen, aber zugleich mit dem Muthe einer liebenden Seele, durchaus getreu nach der Wahrheit.
Frau von Holdingen war auf’s höchste überrascht. Sie hatte nicht geglaubt, daß hinter der Aufmerksamkeit des jungen Vetters, die ihr natürlich nicht entgangen war, eine so ernstliche Neigung verborgen wäre, und staunte nun über ihr plötzliches Hervorbrechen. Aber sie war nicht, wie der Baron, in der Lage, die Vereinigung der Kinder bedenklich zu finden; im Gegentheil, sie empfand sogleich eine große Befriedigung. Die Familie Waldfels war eine der ältesten im Lande, Arthur war ein Jüngling von soliden Eigenschaften und, was sie schon früher zum öftern hervorgehoben hatte, so recht von adelig schöner Gestalt. Die Vermögenszustände des Barons hielt die von ihres Gleichen stets das Bessere annehmende Dame für geordneter als sie waren, den Sohn mithin für den Erben einer immerhin noch bedeutenden Besitzung, und da ihr Kind wenig oder gar keine Mitgift zu erwarten hatte, die materielle Denkweise der lebenden Männerwelt ihr aber nur zu gut bekannt war, so hatte der Gedanke, ihre Anna Baronin von Waldfels werden zu sehen, für sie etwas höchst Erfreuliches und Beruhigendes. Sie mußte sich Mühe geben, ihr Vergnügen vor der Tochter nicht geradezu merken zu lassen, und die ernste Miene einer Beichtigerin zu behaupten. Am Ende fiel ihr nichts Besseres ein, als ebenfalls ihre hohe Verwunderung darüber auszudrücken, wie bei dieser Jugend sowohl des Vetters als namentlich Anna’s selber ein solcher Vorgang habe möglich seyn können.