Arthur liebte seinen Vater herzlich, wenn er auch nicht alles an ihm billigen konnte, und hatte zu seinem Wohlwollen, seiner theilnehmenden Güte das vollste Vertrauen. Er fühlte daher guten Muth, als er am nächsten Morgen sein Zimmer aufsuchte, um mit ihm über seine Herzensangelegenheit zu sprechen. — Uns liegt nun aber vor allem ob, die Leser mit dem Manne, von welchem das Schicksal des Jünglings abhing, näher bekannt zu machen.

Baron Günther von Waldfels gehörte zu einer Klasse von Adeligen, wie sie jetzt seltener geworden sind. Sein Vater, schon bei der Uebernahme des Familiengutes sehr wohl gestellt, führte ein zwar stattliches, aber doch ökonomisches Leben. Er vergab seinem Stande nichts und übte eine würdige Gastfreundschaft; allein da er sich beinahe ausschließlich auf seiner Besitzung aufhielt und sich mit der Verwaltung seines Vermögens beschäftigte, so kam er nicht in den Fall, seine Einkünfte zu verzehren, und im Lauf der Zeit mehrten sich daher Capitalien und Güter. Bei seinem Tode war Günther zweiundzwanzig Jahre alt. Als der ältere Sohn übernahm er dem väterlichen Testament zufolge die Güter, während sein um mehrere Jahre jüngerer Bruder in’s Landesheer eintrat.

Es kommt oft vor, daß der Sohn eines haushälterischen Mannes zur Verschwendung geneigt ist; im Volk sagt man in Bezug darauf: der Sparer muß seinen Zehrer haben. Den letzteren vorzustellen, hatte der neue Herr von Waldfels in der That alle Talente, und nachdem diese durch die väterliche Autorität niedergehalten gewesen, traten sie in der Freiheit um so glänzender hervor. Jung, schön und reich — warum sollte er sich etwas versagen? Er war von grenzenloser Gutmüthigkeit, der Baron Günther, und bewährte diese eben so gegen sich selbst, wie gegen Andere. Er begriff nicht, wie man ein anderes Streben haben könne, als das Leben zu genießen, und einen höhern Ehrgeiz, als Andern Genuß zu bereiten. Beides that er denn auch in großem Maßstabe. Mehrere Jahre lang besaß er den Ruhm des prächtigsten und freigebigsten Herrn in der ganzen Umgegend; aber die Güter, die sein Vater erworben hatte, waren dafür in den Kauf gegeben.

Als er sich beinahe ganz auf die Einkünfte des Stammgutes beschränkt sah, lernte er in einer süddeutschen Handelsstadt ein schönes, blondes, zartgebautes Mädchen kennen. Er empfand in Kurzem eine heftige Leidenschaft für sie und sie wurde seine Gattin. Das Geschlecht, aus welchem Arthurs Mutter stammte, ehedem reich, war jetzt kaum mehr wohlhabend zu nennen; statt der Mitgift brachte aber die junge Frau ökonomische Tugenden nach Waldfels. Sie wußte der Verschwendung Günthers Einhalt zu thun und mit verhältnißmäßig geringen Mitteln doch ein anständiges Haus zu machen. Da die Liebe des Barons zu ihr sich gleich blieb und die häuslichen Freuden ihn beschäftigten, so hielt er wirklich an sich und begnügte sich mit seinen immer noch bedeutenden Revenuen. Leider starb die gute Frau an den Folgen einer unglücklichen Niederkunft. Der Baron war untröstlich; er zog sich von der Gesellschaft zurück und trauerte um die geliebte Gattin mit einer Ausdauer, die ihm niemand zugetraut hätte. Allein noch war nicht ein volles Jahr verflossen, so fühlte sein Herz sich befreit und sein ursprünglicher Charakter trat in der alten Stärke wieder hervor.

Es lag diesem Herrn im Blute, daß es für den Sprößling eines alten Geschlechts nicht wohl passend sey, auf Erwerb zu sehen, auf der andern Seite aber höchlich geziemend, diejenigen, die etwas erworben hatten und fortfuhren es zu thun, gleichwohl an Generosität zu übertreffen. Er verschmähte die Spekulation und hielt es unter seiner Würde, bei Kauf und Verkauf zu feilschen, weßwegen die Handelsleute überaus gern mit ihm zu thun hatten und ihn als das Muster eines „einsichtsvollen“ Mannes priesen. Handwerker und Künstler durch Bestellungen aufzumuntern und überhaupt durch Freigebigkeit Glückliche zu machen, erschien ihm als Pflicht und Ehrensache. Natürlich war es, daß er bei dieser Beglückung Anderer sich selbst am wenigsten vergaß. Gefiel ihm ein Pferd, ein Jagdhund oder was sonst immer, so mußte er es haben; und daß diese Passion ausgebeutet wurde, versteht sich von selbst. Dabei war er zu Hause und in Gesellschaft eine höchst angenehme Erscheinung. Er hatte die noble Würde eines Mannes, der fähig ist Andere zu erfreuen, und das liebenswürdige Mit- und Selbstgefühl eines wahrhaft freundlichen Gebers. Unmöglich war es, beim Spiel mit mehr guter Laune zu verlieren. Es schien ihm ordentlich Vergnügen zu machen, wenn seine Geldstücke zu dem Häufchen eines andern wanderten, und wenn dieser seine Freude darüber nicht verbergen konnte, so betrachtete er ihn mit einem wohlwollend überlegenen Lächeln, wie etwa ein Vater sein Söhnchen, wenn es wegen irgend einer Bagatelle kindisches Vergnügen blicken läßt.

Man hätte diesem Mann unerschöpfliche Hülfsquellen gegönnt, so wohl stand ihm sein prächtiges Leben an. Die seinen waren es nicht. Schon im ersten Jahre reichten die Einkünfte nicht zu; bald mußte zum Verkauf einzelner entbehrlicher Grundstücke und endlich zum Geldaufnehmen geschritten werden. Dieses, das nöthige Abbezahlen kleiner und das Aufborgen größerer Summen wurde von da an die hauptsächlichste Beschäftigung des Barons. War er durch die Nothwendigkeit darauf gewiesen, so fand er in ihr bald auch einen eigenen Reiz. Er wandte ein Capital von Zeit, Geist und Erfindungskraft daran, das ihn, der Verwaltung seiner Besitzungen gewidmet, zum reichen Mann hätte machen müssen. Alles, was an Schlauheit in ihm lag, kam bei diesen Geschäften zum Vorschein. Er sorgte dafür, daß seine Passiva der Welt möglichst ein Geheimniß blieben, und wußte durch feines, liebenswürdiges Benehmen immer neue Gläubiger zu gewinnen. Dabei verläugnete er seine noble Denkart keineswegs. Er beglückte die Frauen und Kinder der Gläubiger durch Geschenke, er machte bei seinen Anleihen großmüthige Bedingungen, und wenn er seine Lieferanten und Handwerker nur sehr theilweise bezahlte, so hinderte er sie doch auf keine Weise, übermäßig große Rechnungen zu machen.

Dieß ging, so lange es gehen konnte. Ungefähr drei Jahre vor dem Beginn unserer Erzählung kam er in große Bedrängniß, und es gehörte die ganze Stärke seiner glücklichen Natur dazu, um nach außen keine Bekümmerniß merken zu lassen. Er mußte sich bedeutend anstrengen, um das Schiff wieder flott zu machen, und so hart es ihn ankam, die letzte Zeit her seinen kostspieligsten Gewohnheiten entsagen. Die Ehre des Hauses mußte jedoch aufrecht erhalten werden. Sein Sohn, vor welchem er die Lage der Dinge zu verbergen verstand, mußte auf Gymnasium und Universität als junger Mann von Stande leben. Als der ihm verwandte Graf nach wiederholten Einladungen endlich Waldfels zu besuchen versprach, so durfte er nichts vermissen, was er von einem Wirthe seines Gleichen nur irgend zu erwarten berechtigt war. —

So war der Mann, und so standen seine Angelegenheiten. Die Leser können daraus einen Schluß ziehen, was der Sohn von ihm zu hoffen und zu fürchten hatte.

Als Arthur in das Zimmer trat, kramte der alte Herr eben in einem Haufen von Papieren. Er horchte hoch auf, als jener ihm eröffnete, daß er mit ihm über eine Sache von Wichtigkeit zu sprechen habe. Der junge Mann, wenn er auch eine wesentlich redliche Natur war, entbehrte doch keineswegs der Klugheit, welche zur Erreichung guter Absichten die geeigneten Mittel zu finden weiß. Er hielt es dießmal für gut, etwas auszuholen, und sprach zuerst von einem Lebensplan, den er sich gebildet habe. Er müsse dem Vater endlich gestehen, daß ihn eine besondere Neigung zu cameralistischen und ökonomischen Studien treibe, und daß er sich nichts anderes wünsche und auch nichts anderes vorhabe, als nach Absolvirung der Universität ihm bei der Verwaltung des Guts zu helfen, wobei er durch mancherlei Verbesserungen, die er für möglich halte, den Ertrag desselben glaube steigern zu können. — Der Baron antwortete mit einem bedeutungsvollen Hm! und forderte ihn durch seine Mienen auf, weiter zu reden. — Arthur ging nun über auf das angenehme Leben in und um Waldfels. Er sprach von dem gemüthlichen Charakter des Volks, von den vortrefflichen Familien in der Umgegend und rühmte namentlich Frau von Holdingen und ihre Tochter als ausgezeichnet durch Bildung, Geist und Charakter, hinzufügend, daß der Vater dieß selbst anerkenne, indem er sie am höchsten schätze und am liebsten mit ihnen umgehe. — Der Baron, der darin nur eine weitere Begründung des Wunsches erblickte, später in Waldfels zu leben, kam noch nicht auf die rechte Fährte und stimmte dem Lob seiner Verwandten von Herzen bei. Darüber bezeigte der Sohn die größte Freude und sprach nun die zuversichtlichste Hoffnung aus, daß der gute Vater gewiß seinem innigsten Wunsch nicht entgegentreten werde. Er wolle auf dem Lande leben bei seinem Vater und an der Seite einer braven Frau. Alle Tugenden, die er von einer Frau verlange, habe er aber in Anna von Holdingen gefunden; er liebe seine Cousine und werde von ihr wieder geliebt; er habe beim letzten Feste die Versicherung ihrer Liebe und Treue von ihr erhalten und er bitte den Vater inständig, zu diesem Bunde der Herzen seine Beistimmung zu geben.

Der Baron sah bei dieser unerwarteten Eröffnung aus, wie einer, der zweifelt, ob er recht höre. Er erhob sich, betrachtete den Sohn halb mitleidig und sagte: „Bist du klug, Arthur? Du willst dich verloben — mit einem Kind?“ — „Anna,“ versetzte Arthur mit bescheidenem Ernst, „ist kein Kind mehr. — Indeß,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu, „wenn sie’s noch wäre, so wär’ es ihr einziger Fehler; und du weißt ja, daß man eben diesen am schnellsten und sichersten ablegt.“