Endlich rief Anna mit kindlicher Freude: „Wie herrlich ist’s hier oben! Man möchte da wohnen und gar nicht mehr hinuntergehen!“ — „Ich hab’ auch im Sinn,“ bemerkte hierauf Arthur mit einem gewissen Selbstgefühl, „hier oben ein Belvedere bauen zu lassen.“ — „Auf dieser Stelle?“ fragte das Mädchen. — „Nein,“ versetzte der junge Mann, „nicht hier.“ — „Warum nicht?“ entgegnete sie verwundert. Arthur wiegte das Haupt und ein geheimnißvolles Lächeln umspielte seinen Mund. Anna sah ihn fragend an und sagte: „Wo ist es denn schöner?“ — „Komm,“ erwiederte Arthur und ergriff die losgelassene Hand wieder. Er führte sie nordwestlich an zwei kleinen Anschwellungen vorüber auf einen etwas höher liegenden und mehr vortretenden Punkt und sagte: „Hier ist’s schöner.“ Das Mädchen sah umher und schien den Unterschied nicht gleich wahrnehmen zu können. Auf einmal rief sie: „Ah, da sieht man unser Haus — und mein Fenster, ganz deutlich!“ Eine glühende Röthe ergoß sich bei diesen Worten über das Gesicht des Jünglings. Anna wendete sich zu ihm, und wie durch einen Zauber flammte dieselbe Röthe in ihrem Antlitz auf. Sie hatte den Grund der Wahl dieser Stelle erkannt. Was bisher nur in Ahnung vor ihre Seele getreten war, das stand jetzt klar wie der Tag vor ihr: sie war über alles geliebt, sie liebte über alles und für’s ganze Leben. — Ein Schauer von Wonne ergriff sie; bebend und wie niedergedrückt durch die Fülle des Glücks, senkte sie das Haupt. Aber die Liebe war zu mächtig, sie besiegte die Bangigkeit und die Scham und ihr Sieg kündigte sich in der Heiterkeit an, die sich über das Gesicht des schönen Mädchens verbreitete.
Auch Arthur hatte sich von der ersten Verlegenheit erholt; er sah auf Anna mit der Zärtlichkeit eines durchaus redlichen Gemüths, eine freudige Hoffnung leuchtete aus seinen Zügen. Da wendete sich Anna zu ihm und schaute ihn mit einem Blick an, der in unendlicher Güte die ganze Liebe und Treue ihres Herzens offenbarte. Arthur faßte entzückt ihre beiden Hände und rief: „Anna! liebe gute Anna! Du liebst mich! Ja, du liebst mich!“ Das Mädchen, die ja schon alles gestanden hatte, erwiederte nichts; aber Arthur wollte das holde Wort von ihren Lippen hören und rief dringend: „Sprich, Anna! Liebst du mich? Willst du mir gehören?“ Das Mädchen erhob ihr Haupt, und mit dem Ton inniger Liebe, mit dem Ausdruck einer heiligen Verpflichtung erwiederte sie: „Ja, Arthur!“ Der Jüngling preßte ihre Hände an seine Brust und rief, indem Thränen seine Augen füllten: „Dank dir, Anna! tausend, tausend Dank! Ich bin dein in Freud und Leid! Und kein anderer Trieb soll mein Herz erfüllen mein ganzes Leben hindurch, als dich zu lieben und dich glücklich zu machen!“ — —
Nach einer Weile finden wir das junge Paar auf dem Rückwege. Die Liebe erweckt in redlichen und lebensvollen Gemüthern vom ersten Moment ihres Entstehens an bei jedem Schritt ihrer Entwicklung wunderbare Empfindungen; aber das höchste und reinste Glück gewährt sie nach dem ersten gegenseitigen Geständniß. Hier ist ihr süßes Leben verschmolzen mit der Heiterkeit des Siegs, mit dem Wohlgefühl des gewissen Besitzes. Der freudige Stolz, ein Herz gewonnen zu haben, ist mit innigem Dank für ein erhaltenes höchstes Geschenk verbunden. Die Seele ist klar und ruhig bewegt, aber die Empfindung tiefer als je vorher. Der Himmel, in welchem die Liebenden wandeln, erscheint ihnen so vertraut, als ob sie immer in ihm geweilt hätten, und doch so neu, wie ein Wunder, das sich eben vor ihren Augen begeben.
Hätten Arthur und Anna ihre Empfindungen schildern können, sie hätten sich vielleicht in dieser Weise ausgedrückt; aber sie waren in ihr Glück versenkt und hatten keine Zeit, sich selber zu beobachten. Sie vergaßen auch des Redens unter sich und gingen schweigend den Hügel hinab. Ihr ganzer Verkehr beschränkte sich darauf, daß sie von Zeit zu Zeit die jugendlichen Gesichter gegen einander wandten und sich wie träumend mit seligem Lächeln ansahen.
Als sie mitten im Park waren, hörten sie unmittelbar nach einem Schuß ein allgemeines Freudengeschrei. Die Trompeter und Hornisten bliesen den Siegestusch mit nie vernommener Stärke und wiederholten ihn mehrmals. Offenbar hatte sich etwas Großes ereignet. Das Paar beflügelte neugierig seine Schritte, und am freien Platz angelangt, erblickten sie den Grafen, von Herrn und Damen umgeben, die ihm mit dem lebhaftesten Eifer Complimente machten. Bald erfuhren sie warum. Es hatte sich in der That etwas Wunderbares begeben, wie es aber im Leben doch nicht ganz ungewöhnlich ist. Wir sehen bei Hazardspielen, daß gewisse Spieler an gewissen Tagen unwiderstehlich glücklich sind. Dasselbe können wir bei den Unterhaltungen bemerken, wo es hauptsächlich auf Geschicklichkeit ankommt und wo es um vieles begreiflicher ist, da die Freude über das erste Gelingen offenbar eine die Fähigkeiten steigernde Kraft besitzt. Nun wohl, der Graf hatte heute seinen gesegneten Tag und so eben seinen Leistungen die Krone aufgesetzt, indem er die Krone des Vogels herunterschoß und damit den ersten Preis gewann. Freilich hatte ihn der Zufall dabei sehr begünstigt. Andere Schützen hatten das Stück, welches dießmal besonders gut befestigt war, so wohl getroffen, daß es bereits wankte. Aber was konnte das helfen? Sie hatten das Verdienst, der Graf das Glück und die Ehre. Es versteht sich von selbst, daß ihm sein Glück nun eben als das höchste Verdienst angerechnet wurde. Die vornehmeren Gäste, die ihn umgaben, überboten in Artigkeiten sogar ihre früheren Leistungen, und einige Bauernbursche hatten beim Fallen der Krone gerade heraus gejauchzt wie bei einem Kirchweihtanz. Dieß hätte man sonst wohl als ungehörig empfunden, jetzt wurde es ganz wohl aufgenommen, so hoch war der Strom der Begeisterung gestiegen.
Es dauerte einige Zeit, bis Arthur zu dem Grafen durchdringen konnte. Als er ihn begrüßte, rief dieser: „Ah, junger Freund, wo stecken Sie? Man hat Sie seit zwei Stunden nicht gesehen.“ — Arthur erwiederte, er habe sich erlaubt einen Spaziergang zu machen. „Allein?“ fragte der Graf. „Sind Sie Poet? Philosoph? Wie?“ — Der junge Mann bemerkte, er habe seine Cousine, Anna von Holdingen, begleitet. — „Ah so!“ rief der Graf und lächelte. Der edle Herr war ein großer Kenner in Herzensangelegenheiten, hatte schon früher einen Blick aufgefangen, den Arthur arglos auf Anna warf, und ein leichtes Erröthen desselben machte ihn jetzt in seiner Vermuthung um so gewisser. Durch seinen Erfolg als Schütze zur Güte und Milde gestimmt, unterdrückte er indeß vor den andern eine neckende Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, und sagte beifällig: „Damendienst geht allem vor. — Aber,“ setzte er vergnügt hinzu, „etwas früher hätten Sie doch kommen sollen. Sie haben etwas versäumt.“ — In Arthur regte sich nun auch ein gewisser Humor und er sagte: „Ich bedaure unendlich, nicht Augenzeuge von einem Schusse gewesen zu seyn, von dem man in Waldfels „noch reden wird in spätsten Zeiten.“ Allein überrascht hätte mich der Anblick der fallenden Krone keineswegs: Excellenz können was Sie wollen.“ — „Ei, ei,“ versetzte der Graf, „Sie schmeicheln!“ — „Die Schmeichelei,“ erwiederte Arthur, „liegt nicht in dem, was ich sage, sondern in dem, was Excellenz thun.“ — „Schon gut,“ sagte der Graf. „Uebrigens,“ fuhr er heiter fort, „muß ich gestehen, daß der heutige Tag der schönste ist, den ich seit lange erlebt habe. Ich erinnere mich kaum, so vergnügt gewesen zu seyn und werde meinem freundlichen Wirthe dafür ewig Dank wissen.“ — „Der heutige Tag,“ erwiederte Arthur mit schelmischem Doppelsinn, „wird einen Glanzpunkt in der Geschichte von Waldfels bilden. Was sich an ihm Wunderbares begeben, werde ich getreu bemerken und die spätesten Geschlechter sollen sich noch daran erfreuen.“ — Der Graf lachte und verabschiedete den jungen Vetter mit einer huldvollen Handbewegung. Später sagte er zu dem Baron: „Ihr Arthur gefällt mir immer besser. Er hat Geist, viel Geist, und wenn er sich für den Staatsdienst bestimmen will, verbürge ich Ihnen, daß er seine Carrière machen wird. Was ich dazu beitragen kann, ihn in die Höhe zu bringen, soll mit dem größten Vergnügen geschehen.“
Nach dem letzten glücklichen Schuß zog sich der Graf von dem Wahlplatz zurück und überließ es Andern, das schon geplünderte Thier vollends zu Grunde zu richten. Als die Sonne gesunken war, bestimmte und vertheilte man die Preise, und der Graf, der die drei ersten erhielt, war doppelt und dreifach der König des Tages. Den würdigen Schluß des Festes machte ein Souper, das im Gartensaal aufgetragen wurde. Der Graf bildete natürlich den Mittelpunkt der Gesellschaft. Vor ihm prangte in schönster Vase ein riesiger Blumenstrauß; hinter ihm an der Wand hatte man die von ihm gewonnenen prächtigen Fahnen aufgehängt. Er war offenbar von dem Gefühl dessen, was er war und wofür er gehalten wurde, vollständig durchdrungen; aber dieses Gefühl gab sich in der Form der Huld und jedermann gönnte es ihm nicht nur, sondern fand es schön und groß. Arthur hatte es einzurichten gewußt, daß er neben seine Cousine zu sitzen kam. Er unterhielt sich in der Freude seines Herzens unbefangen mit ihr, und das Paar theilte sich die lieblichsten Dinge mit, ohne daß die Nachbarn es merkten. Nur Seine Excellenz fanden Zeit, hie und da einen Blick auf sie zu werfen und Wahrnehmungen zu machen, die Sie zu ergötzen schienen. Der Baron ließ seine Blicke über die Gesellschaft hingleiten wie ein Feldherr über seine Truppen. Er sah, daß in dem herrlich erleuchteten Raum an schön geschmückten Tafeln untadelich servirt wurde; er vernahm von allen Seiten das empfundene Lob der Speisen und Getränke; er bemerkte, wie das Vergnügen eher zu- als abnahm und die verschiedenen Unterhaltungen endlich in einen frohen Lärm zusammenfloßen, der nur durch lautes Gelächter zuweilen unterbrochen und überboten wurde. Das alles freute ihn in tiefster Seele. Und als er nun zuletzt in Champagner ein Hoch auf den Grafen und Schützenkönig ausbrachte, in welches die Gesellschaft mit grenzenlosem Enthusiasmus einstimmte, und der Gefeierte in höchst anerkennenden Ausdrücken den Wirth leben ließ, da mußte es den Gästen vorkommen, als ob sie nie einen glücklicheren Mann gesehen hätten, als den Herrn von Waldfels. Nur wenige schienen diese Ansicht nicht ganz zu theilen, und an einem der Geladenen hätte man beim Serviren des Champagners sogar ein unwillkürliches Achselzucken wahrnehmen können.
Zuletzt fand auch dieser schöne Tag ein Ende. Der Graf zog sich in seine Gemächer zurück und die Gäste verabschiedeten sich. Arthur fand Gelegenheit, der Geliebten durch einen Händedruck zu sagen, was seine Lippen vor der Mutter nicht auszusprechen wagten, und die beglückendste Antwort zu empfangen. Er war zu aufgeregt, um sich schon zur Ruhe zu begeben, und ging allein in den Park zurück. Die Nacht war schön, thauig, zaubervoll. Der Mond strahlte vom reinsten Himmel und verklärte die Landschaft mit jenem silberklaren, ahnungsvollen Licht, das in gewisse Stimmungen süßer einklingt, als das goldene Sonnenlicht. Der Liebende suchte die Plätze auf, die er mit dem theuern Mädchen durchwandelt, ließ die Erlebnisse des Tages an sich vorüberziehen und entwarf reizende Plane für die Zukunft, indem er einstweilen an dem Bilde des Lebens sich weidete, das auf Schloß Waldfels erblühen sollte. Spät ging er zu Bette und setzte in Träumen fort, was er wachend begonnen hatte.
II.
Arthur hatte eine Eigenschaft, die im Leben sehr förderlich seyn kann, wenn sie nicht übertrieben in Thätigkeit gesetzt wird: er liebte es, unentschiedene Verhältnisse sobald als möglich in’s Klare zu bringen, und das, was er für gut und nothwendig hielt, herzhaft auszuführen. Als er nach der Abreise des Grafen am Abend des folgenden Tags über seine Verlobung mit Anna — denn das war ihm die wechselseitige Erklärung — und das nun von ihm geforderte Verhalten nachdachte, kam er zu dem Entschluß, dem Vater alles zu gestehen und sein und Annas Glück durch die Beistimmung der Eltern zu sichern.