Alles das bewirkte, daß der Baron vor Genugthuung strahlte. Was kann es für einen gastfreien Mann auch Angenehmeres geben, als zu sehen, daß eine von ihm veranstaltete Festlichkeit gut verläuft? Das Anordnen ist unstreitig eine Kunst; aber zum Gelingen gehört außer der Kunst noch Glück. Beides, seine eigene Schöpfung und die Gunst des Augenblicks genießt der Wirth bei einem wohlgerathenen Fest mit einander; und wer bedenkt, wie selten wahre Fröhlichkeit in der Welt ist, wie sie gar oft auch da nicht erscheinen will, wo man sie mit pomphaften Veranstaltungen sucht, der wird die innige Zufriedenheit des Barons über ihre damalige Gegenwart um so begreiflicher finden. Herr von Waldfels gehörte zu den guten Naturen, die nicht nur fähig sind, sich von Herzen zu freuen, sondern denen die Freude auch wohl ansteht. Er war von stattlicher Größe und behaglicher Rundung. Ein schöner Kopf mit ziemlich hoher Stirn, nobler Nase und feinem Mund verrieth eben so wie seine Haltung den ächten Cavalier. Eine gewisse Röthe, die auf Kenntniß und Schätzung edler Getränke deutete, geziemte dem angehenden Fünfziger. Wer ihn heute sah, wie er mit unerschöpflicher Artigkeit den Wirth machte, wie er mit dem Schein der Absichtslosigkeit von einer Gruppe zur andern ging und jedem seiner Gäste, vom Grafen an bis zu dem geringsten derselben, ein passendes Compliment zu sagen wußte; wie er doppelt anmuthig und beglückt erschien, wenn er einer Dame den Hof machte; wie er gelegentlich auch einem Bauern oder einer hübschen Bäuerin einen Scherz zuwarf, der großes Vergnügen hervorrief, und mit Lächeln die Dorfbuben betrachtete, die sich in der Nähe der Tafel jubelnd im Grase wälzten — wer alles das auch nur als unbetheiligter Zuschauer gesehen, der würde ihn für einen ungewöhnlich liebenswürdigen Mann erklärt haben. Und daß diejenigen, die seine Kuchen aßen und seine Weine tranken, sich noch wärmer über ihn ausdrückten, begreift sich.
Als die Gesellschaft im besten Zuge des Vergnügens war, hatten sich zwei junge Leute von ihr entfernt. Sie wandelten in einer Allee unter einem prächtigen Laubdach hin und führten in gelegentlichen Fragen und Antworten nur ein abgerissenes Gespräch, schienen sich aber doch auf’s angenehmste zu unterhalten. Es war Arthur, der zwanzigjährige Sohn des Barons, und seine fünfzehnjährige Cousine, Anna, das einzige Kind einer Freifrau von Holdingen, welche heute bei dem verwittweten Baron die Honneurs machte. Arthur, der ein ziemlich geübter Jagdschütze war, hatte anfangs auch einige Kugeln nach dem Vogel gesendet, aber den Wettkampf um die von seinem Vater ausgesetzten splendiden Preise, wie billig, den Eingeladenen überlassen. Da er nun auch seinen geselligen Pflichten als Sohn des Hauses bereits genügt hatte, so konnte er wohl dem Verlangen nachgeben, mit seinem Bäschen ein wenig spazieren zu gehen.
Es hat einen eigenen Reiz, den Jubel eines Festes aus der Ferne zu vernehmen. Wir empfinden hier, was man die romantische Poesie des fröhlichen Lebens nennen könnte; wir athmen seinen zartesten und süßesten Duft ein. Sind wir ohnehin von einem schönen Gefühl bewegt, und lauschen wir an lieblich heimlicher Stelle, dann gleicht nichts dem Zauber, der bei solchen Tönen ungesehener Lust unser Herz erfüllt. Die beiden jungen Leute, wenn sie eine Fanfare hörten, die nach einem guten Schuß geblasen wurde, oder lautes Gelächter und frohen Lärm, wandten sich theilnehmend um und horchten. Sie sahen sich dann lächelnd an und freuten sich wechselseitig über ihr Vergnügen. „Wie schön ist heute Alles!“ rief zuletzt Anna mit einem Ausdruck des jugendlichen Gesichts, der das Fest mehr ehrte, als das geistreichste Lob. Arthur stimmte herzlich bei und sagte: „Es ist mir besonders lieb meines Vaters wegen, und daß der Graf sieht, wie vergnügt wir hier leben.“
Trotz der gerühmten Schönheit des Festes entfernte sich das Paar, einem unbewußten Zuge der Herzen folgend, immer weiter davon. Sie waren an der westlichen Grenze des Gartens angekommen und gingen in’s Freie. Den jungen Mann schien ein Gedanke zu beschäftigen, der zugleich inniges Wohlgefühl und Befangenheit auf seinem Gesicht hervorrief. Ein süßes und banges Geheimniß schien ihm zum erstenmal klar und klarer zu werden. Als das schöne Kind diesen Ernst wahrnahm, wurde sie gleichfalls ernster und sah mit einer gewissen Verlegenheit vor sich hin. So wandelten sie schweigend neben einander bis zum Fuß der Hügelreihe, die sich hinter dem Garten erhob und deren nächste Partien Eigenthum des Barons waren. „Wir wollen hinauf,“ sagte Arthur wieder freundlich und traulicher; „es ist schon lang, daß wir nicht mehr zusammen herunter gesehen haben.“ Das Mädchen, statt aller Antwort, ging ihm voran. Als sie auf dem Heidegras glitschte und einen leichten Schrei ausstieß, ergriff Arthur ihre Hand, um sie zu führen. Eine Röthe glühte in den beiden Gesichtern auf, die über den Zustand ihrer Herzen keinen Zweifel mehr ließ. Aus wechselseitigem Wohlgefallen war in den jungen Seelen eine Neigung aufgekeimt, die dadurch, daß sie einen kindlichen Charakter behielt, nicht weniger tief und innig war, eine Neigung, die sich jetzt in wonnigem Gefühl offenbarte und in ihrer Bedeutung von Arthur klar erkannt, von Anna wenigstens geahnt wurde. Der Jüngling schien von Dank gegen den Zufall erfüllt zu seyn, daß er ihm Anlaß gegeben, Annas Hand zu ergreifen. Denn zwischen Verwandten ist ein traulicher Verkehr allerdings natürlich, aber die Liebe verändert das erste, unbefangene Verhältniß. Das Mädchen, mit dem ein junger Mensch umging, wie mit einer Schwester, wird durch sie ein wunderbares, heiliges Wesen, dem er nur mit inniger Scheu, mit tiefer Verehrung nahen kann. Die Vertraulichkeiten, die er sich früher erlaubte, scheinen ihm jetzt die kühnsten Wagnisse, und unmöglich dünkt es ihm, eine Hand zu berühren, die er sonst mit vetterlicher Unbefangenheit ergriff. Dafür ist aber, was früher ein Spiel war, jetzt auch ein unendliches Glück, wohl werth in Demuth erharrt oder mit kühnem Entschluß erstrebt zu werden.
Während die beiden Glücklichen Hand in Hand emporsteigen, wollen wir einen kurzen Rückblick auf ihre Vergangenheit und ihre Lebensverhältnisse werfen.
Arthur war das einzige Kind des Barons. Seine Mutter, die aus einer Patricierfamilie stammte, erlag einer Krankheit, als er zehn Jahre alt war. In der nächstfolgenden traurigen Zeit hatte der Vater das Glück, für den Knaben einen vortrefflichen Erzieher zu erhalten, der in ihm neben dem Sinn für die Wissenschaft ein Interesse für das Nützliche und Gemeinnützige weckte und ein unbefangenes Urtheil, einen festen Charakter in ihm ausbildete. Dieß war um so nothwendiger, als der Baron in dieser Zeit sich immer mehr den Neigungen eines Lebemanns überließ und für den Sohn ein gefährliches Beispiel werden konnte. Arthur war von fröhlicher Gemüthsart, er gefiel sich bei geselligen Vergnügungen und war keineswegs unempfänglich für Schmeichelei, Eigenschaften, die der Verlockung manche schwache Seite boten. In Folge der guten und klugen Führung lernte er sich aber beherrschen, und seine Studien und ein gehaltvolles Gespräch wurden ihm das Liebste. Mit Recht konnte man ihn für einen musterhaften jungen Menschen erklären.
Er war sechzehn Jahre alt, als die Baronin von Holdingen ihren Wohnsitz in der Nähe seines väterlichen Gutes nahm. Der Gatte dieser Dame war als Beamter in der Residenz gestorben und hatte ihr nichts hinterlassen als ein bescheidenes Landhaus. Da sie in der Stadt von ihrem Wittwengehalt nicht mehr standesmäßig leben konnte, bezog sie ihre Villa, die etwa anderthalb Stunden von Waldfels lag. Als eine Frau, die auf ihre Abstammung, auf die Stellung, die ihr Gemahl eingenommen hatte, große Stücke hielt, richtete sie sich mit ihren geringen Mitteln dennoch würdig ein und führte ein Hauswesen, das bei aller Einfachheit einen angenehm aristokratischen Zuschnitt hatte. Der Baron, als ziemlich naher Verwandter, war ihr mit Rath und That behilflich gewesen, und das Verhältniß der beiden Familien hatte sich dadurch nur um so fester geknüpft.
Arthur hatte an seiner kleinen Cousine gleich beim ersten Anblick großes Wohlgefallen. Er behandelte sie anfangs mit der wohlwollenden Herablassung, die einem Jüngling, auf dessen Wangen sich schon die ersten Spuren eines Flaums zeigen, gegen ein eilfjähriges Kind natürlich ist; aber bald kam er davon ab. Anna, die eine sehr gute Erziehung erhalten hatte, war ihren Jahren körperlich und geistig voraus. Sie gehörte zu den Naturen, die sich in harmonischem Wachsthum entwickeln, immer dieselben zu bleiben scheinen und immer liebenswürdiger werden. Wenn es Mädchen gibt, die zuerst ein unscheinbares Aussehen haben, in der Zeit des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau sich aber schnell zu überraschender Schönheit ausbilden, so war Anna schon als Kind von großer Schönheit, und diese erreichte später nur einen höheren Grad der Vollendung. Eine schlanke, feine Gestalt, ein Gesicht von aristokratischem Gepräge, das aber, von kindlicher Freude und herzlicher Güte belebt, nicht eine Spur von äußerlicher Vornehmheit zeigte. Sie war wie eine edle Blume, fein, ätherisch, aber durchaus frisch und natürlich. Schon früh zeigte sie entschiedene geistige Fähigkeiten, durch welche sie nach und nach in den Stand gesetzt wurde, ernsthaften Gesprächen mit Interesse zu folgen und mit verständigen Worten selber daran Theil zu nehmen. Alles das flößte dem Jüngling eine Achtung ein, die ihn ein anderes Verhalten gegen sie annehmen ließ. Er behandelte sie nun wie ein Mädchen von seinem Alter, und dieß schien auch ihr am besten zu gefallen. Da sie häufig beisammen waren, so entstand zwischen ihnen ein vertrauliches Verhältniß, in welchem sich beide wohl und glücklich fühlten. Es war jedoch vollkommen harmlos; nicht ein Hauch von Leidenschaft, wie sie in solchem Alter auch schon möglich ist, regte sich in ihnen.
Nach einer Reise durch die Schweiz und Frankreich bezog Arthur die Universität. In der akademischen Freiheit gab er sich den Studien hin, die ihn am meisten anzogen, und seine Lieblingsfächer wurden Naturgeschichte und Physik, auf der andern Seite Nationalökonomie und Statistik, und seine Lieblingslektüre Reisebeschreibungen. Die Erde mit ihrem Reichthum an Natur- und Kunstprodukten, deren beste Anwendung und Vertheilung, Handel und Wandel kennen zu lernen, wurde der vorherrschende Trieb in seiner Seele. Da er bei der Liebe zur Sache leicht faßte und bald einen Zusammenhang ausfindig machte, so hatte er über diese Gegenstände selber seine Gedanken und hielt sie für wichtig genug, um sie niederzuschreiben. Er führte bei seiner angenehmen Beschäftigung ein geregeltes Leben, zeigte sich aber in vorkommenden Fällen seines Standes würdig, und schonte da, wo es eine Ehrensache war, etwas zu thun, das Geld weniger, als andere seiner Commilitonen, die sich eines bessern „Wechsels“ rühmten. In der neuen Welt, die ihm in seinen Studien aufging, und bei den Bekanntschaften, die er machte, war ihm das Bild der kleinen Anna einigermaßen erblaßt, und zufällig ward ihm in den ersten anderthalb Jahren seines Universitätslebens nicht die Gelegenheit, es durch eine Zusammenkunft wieder aufzufrischen. Vor wenigen Tagen nun, wo ihn sein Vater des Grafen wegen nach Hause gerufen, sah er seine Cousine zum erstenmal wieder. Sie war beinahe völlig herangewachsen. Ihr Wesen verrieth schon jene Fülle des Gemüths und jenen eigenthümlichen Gehalt, der bei andern Naturen erst später hervorzubrechen und dem Aeußern den Charakter der Tiefe und eines geheimnißvollen innern Lebens zu geben pflegt. Es war die Jungfrau in ihrer ersten, rosigen Erscheinung, noch Kind und doch schon Weib — ein überaus holdes Bild des in Unschuld blühenden Lebens. Arthur fühlte sich bei ihrem Anblick tief in’s Herz getroffen. Er stand nach dem ersten Gruße scheu und verlegen vor ihr. Nur mit Mühe faßte er sich und suchte den früheren vertraulichen Ton mit ihr zu finden, was ihm einigermaßen gelang. Aber ein Keim war in seine Seele gesenkt, der nun rasch aufging und sich drängend entfaltete. Eine ahnungsvolle Sehnsucht bemächtigte sich seiner, das liebe Kind allein zu sprechen, und als er am heutigen Fest Alle mit ihrem Vergnügen beschäftigt sah, lud er sie zu dem kleinen Spaziergang ein.
Sie waren auf dem Rücken des Hügels angekommen. Obgleich hier eine Hülfe nicht mehr nöthig war, ließ Arthur die geliebte Hand doch nicht los, indem er die Eigenthümerin derselben durch Bemerkungen über das Fest zu beschäftigen suchte. Er führte sie auf die nächste Erhöhung, wo sie ihrem erklärten Zweck zufolge die Aussicht genießen wollten. Der Anblick, der sich ihnen hier darbot, entriß ihnen trotz ihrer anderweitigen Gedanken doch herzliche Ausrufungen der Bewunderung. Es war um die sechste Stunde, der Himmel völlig rein geworden und der Glanz der Sonne im Westen nicht durch das kleinste Wölkchen mehr getrübt. Die fruchtbare Landschaft lag in abendlich warmer Beleuchtung vor ihnen: rechts der Park, wo das Knallen der Büchsen und das entfernte Zischen der Kugeln den Fortgang der männlichen Lustbarkeit anzeigte, und das nach Osten gebaute Schloß; weiterhin, rechts und links sich ausdehnend, das Thal mit einem wohlgebauten Städtchen, freundlichen, von Obstgärten umkränzten Dörfern, reichen Getreidefeldern und üppigen Wiesen, durch welche der Segen des Thals, der blinkende Fluß dahinströmte; die gegenüberliegenden Hügelreihen mit herrlichen Laubwäldern bedeckt, an ihrem Fuße hin und wieder herrschaftliche Wohnungen und auf einem Gipfel, aus Bäumen hervorragend, eine verwitterte Burgruine. Durch das allgemeine Grünen und Blühen hatte die Landschaft einen eigenen, frühlingsseligen Charakter erhalten, und dieser stimmte so völlig zu dem Frühling in den Herzen der jungen Leute, daß sie mit feuchten Augen die vor ihnen ausgebreitete Schönheit und in lautloser Verständigung sich selber ansahen.