Diese gab ihm gerührt die Hand und Heinrich umarmte und liebkoste sie mit der Zärtlichkeit eines Sohnes. Die drei Glücklichen tauschten Reden und Bezeigungen der Liebe, als die Klingel wieder ertönte und gleich darauf Männertritte sich hören ließen. Die Thüre ging auf und es zeigten sich die beiden Regisseure mit Doctor Willmann.

„Gratulire, gratulire!“ rief der Heldenvater, der den Zug eröffnete. Als er bei den Damen auch den Poeten erblickte, setzte er überrascht hinzu: „Sie schon wieder hier? Und mit einer Miene — — was muß ich denken?“

Heinrich besann sich kurz, nahm die Geliebte bei der Hand und sagte: „Meine Herrn, erlauben Sie mir eine Vorstellung! Rosa Wendling, erste Liebhaberin der Hofbühne — meine Braut!“

Rufe des Staunens und der Freude antworteten auf diese Eröffnung. Nachdem Heinrich in der kürzesten Form erklärt hatte, wie es gekommen, folgten Glückwünsche unter frohem Beloben und Händeschütteln.

„Nun,“ rief Berger dem Poeten zu, „nun sind Sie fertig! Arm in Arm mit Ihr werden Sie das Jahrhundert in die Schranken fordern! Sie werden Schauspiele schreiben, Lustspiele —“ — „Und Tragödien!“ fiel Hallfeld ein. — „Diese letzteren,“ fuhr Berger fort, „wenn sie unvermeidlich entstehen, werden wir mit dem größten Interesse lesen.“ — „Und wenn sie gelesen sind und sich erprobt haben — spielen,“ setzte Hallfeld hinzu.

Berger sah Willmann an, der angenehm lächelte, und zuckte die Achsel. Heinrich versetzte: „Meine Freunde, ich habe Erfahrungen gemacht, die mir auch zu dramatischen Arbeiten sehr förderlich seyn werden. Alles, was Arbeit heißt, bleibt aber der Zukunft vorbehalten. Zunächst will ich glücklich seyn und Hochzeit machen, Hochzeit mit der edelsten und liebenswerthesten Braut, wie sie nur je der Glücklichste heimgeführt hat — wozu die Herrn freundlich geladen sind.“

[Verlust und Gewinn.]

I.

Auf der Besitzung des Baron Waldfels, in einem Thal des nordwestlichen Theils von Süddeutschland, war in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, an einem Tage, den man sich nicht wohl anders denken kann als schön, am Pfingstmontag, eine fröhliche Gesellschaft versammelt. Die Witterung war in der That höchst angenehm. Die Sonne, wiederholt durch leichte Wölkchen verschleiert, erwärmte die Luft nicht allzusehr, und doch glänzte die fruchtbare Gegend in den schönsten Farben des Frühlings. Ueber diese Gunst des Himmels war vor allen der Baron erfreut, der seit mehreren Tagen einen einflußreichen Mann und entfernten Anverwandten, den Grafen Warburg, bewirthete und heute durch ein Vogelschießen, das er dem guten Schützen zu Ehren in seinem Park veranstaltet, den bisherigen Festlichkeiten die Krone aufsetzen wollte. Wie es glückliche Tage gibt, so ging ihm dießmal auch alles nach Wunsch. Es hatten sich aus der Umgegend zahlreiche Gäste eingefunden, deren Namen und Titel zum Theil sehr wohlklingend waren. Die Schützen nicht nur, auch die Zuschauer und Zuschauerinnen, die an einer wohlbesetzten Tafel im Schatten einer Baumgruppe saßen, fanden sich bald in der heitersten Stimmung. Die Hauptsache war aber, daß keiner der Geladenen so unhöflich war, besser zu schießen als der Graf. Dieser machte bald nach einander Scepter und Reichsapfel fallen und kam dadurch in die freundlichste Laune. Der Wirth und die vorgestellten Gäste benutzten die Gelegenheit, das Geschick Seiner Excellenz auf das Wärmste zu bewundern und ihm darüber die zierlichsten Dinge zu sagen. Die ganze Gesellschaft wurde in eine freudige Aufregung versetzt, die eine geraume Zeit anhielt. Man schien sich glücklich zu preisen, so etwas mit angesehen zu haben.

Der Graf, der es liebte, sich nach allen Seiten hin einen guten Namen zu machen, hatte ausdrücklich gegen den Baron den Wunsch ausgesprochen, daß auch das Landvolk in den Park zugelassen werden möchte. Demgemäß hatte sich auf beiden Seiten des Grasplatzes, der den Schützen eingeräumt war, hinter nothwendig erachteten Planken eine bunte Menge von Bewohnern des herrschaftlichen und anderer benachbarter Dörfer im Sonntagsputz aufstellen dürfen. Die Bauern wußten natürlich, wer der König des Festes war, und vermöge jener verehrungsfrohen Theilnahme, die sich über alles beglückt fühlt, wenn ein Hochstehender sich auszeichnet, oder auch in Folge jener eben so volksmäßigen Schlauheit, die bei sich erwägt, welchen Nutzen möglicherweise eine gehörige Schmeichelei bringen könne, machte sich unter ihnen ebenfalls ein sehr lebhaftes Staunen über die Geschicklichkeit des Grafen laut. Wenn die einen Ausrufe des Triumphes hören ließen und aussahen, als ob sie selber den guten Schuß gethan hätten, so sagten andere, während der Gefeierte vorbei ging, für ihn vernehmlich, zu irgend einem Nachbar: „Das ist Einer! der versteht’s! Hast du schon so was gesehen? Da können sich die andern verkriechen“ u. s. w. Der Graf lächelte und schien über diese Art der Anerkennung nicht weniger erfreut als über die Glückwünsche der Schützen und der schönen Damen.