Warmes Zittern floss durch Nachtwind: Der Tiger hatte seinen Rachen weit aufgerissen, nun schloss er ihn wieder, Augen grellten vor Feuer, leckte ergeben treuer Zunge den vorgestemmten Fuss des Meisters, satzte dann, eine Weile schönen wilden Kopf hin- und herschlagend, in einer geraden Richtung ab, verschwand im Bauch der Nacht, die schon alle Landschaft aufgefressen hatte.

Rikyu stand lange, regungslos, ohne die schwarze Kühle zu fühlen, die dichter und dichter ward und ihn, der Blick nach innen gerichtet, ganz umschwälte. Pfeil auf Pfeil durchzuckte sein Hirn, Herz aber ward nicht getroffen, langsam begann sein Körper licht zu werden, bis er vollends Licht geworden war, dass er kein Stück von Finsternis mehr hatte, und es war, wie wenn ein Licht mit hellem Blitz ihn erleuchte, und immer und immer wieder sagte er sich das vor, im Innern, acht zu haben, dass nicht das Licht in ihm wieder zur Finsternis werde, so hielt er die Hände weit weg vom Saum seines Kimonos, wollte an nichts mehr denken, an nichts. Endlich warf er seinen strahlend hellen Blick zum Himmel hoch, sah die grosse Kuppel sternlos, selbst die treue, die Ampel, sonst stets über schlafendem Garten hängend, war erloschen oder gar nicht entzündet, denn Mond war diese Nacht nicht.

Schwachen Seufzer zerkauend, ganzes Sinnen ohne Herz auf den Auftrag erfüllenden Tiger eingestellt, wandte er sich ab, trat durch finsteres Tor, zeniten über seinem Haupt sich wölbend — seltsam, früher war das doch karg schmale Tür bloss, jetzt, von nächtlichen Schatten umwittert, ähnelte sie dem Tor des rächenden Gesetzes im peinlichen Gerichtshause, im grauen, steingequaderten, und war Tor — ruhig ein, brannte einen Lampion an, schritt gemächlichen Gangs in letztes Gemach, in heiligen Raum, der roch nach Tee. Hinkauerte er sich vor dem Tokonoma auf die Matte, gebärdete Gebete vor sich weg in das Schweigen, das durch seins noch gesättigter ward. Dann erstarrte Antlitz, Körper, blieb so drei Stunden lang: Da war der Vater, der Sohn und der noch Kommende einer Ahnung, einer fremden Traumlandschaft. Nun sank Denken ein: Keine Gesichte ballten sich am windstill hingeneigten See seines Hirns, nichts schaute er, nichts fühlte er, nichts dachte er: Seele war weg, im farblosen Äther des Nicht-Seins. Ausserhalb Hauses schossen erwachende Geister Blicke durch mählich hinsinkende Nacht: Sterne aufschrien am Himmel, doch schwach, auch der Mond goss seltsam blasskühles Licht auf matten Traum des Gartens, alle Winde schliefen in der noch unsichtbaren Böschung, purpurnes Gewand zog als schemenhaft nächtlicher Wolkenschleier über den mondenen Tsuki hin, tropfend, von schwerem Nass: Blut könnte Vorahnung sein.

Drinnen erwachten Fingerspitzen, Hand, Arm, Brust, Kinn, Lippen, Lider, Augen, endlich ganzer Leib des Teemeisters aus glücklicher Starre, neigte dreimal Kopf zur Ahnenurne hin, richtete sich auf, glühte Feuer an, Eisentopf summte Wasser, mit schlichten reinen Händen ward heiliger Kelch dem Ruhort entnommen — die Schale! die Schale Lu Yüs, von Vernichtung errettet und wiedergeboren durch Vater, der Held: Mutter gewesen — sanft floss Tee, Tee seltenster Sorte, in sie, Lampion war müd geworden, aufdämmernder Morgen war frisch, leise ringelte sich Dampf über Porzellanrand hoch, Schnörkel voll Zeichen, die Rikyu nicht enträtseln wollte, plötzlich setzte er die Schale mundab, stieg auf, schritt zum Tokonoma, hob vom Boden entfallene Blumenblüte: Winde, gestern entdeckt, neue Blüte wurde von ihm inniglich begrüsst und in nächste Vase geborgen, dann eilte er wieder auf andere Seite des Raums, schemelte nieder, ergriff hutsam die Schale, führte sie zum Mund: Dampf schleuderte Bilder, entsetzenschwanger, die er sofort begriff: Tiger hetzte durch Nacht, durch Stadt, Soldaten am Tor des schwarzmarmornen Palastes zerriss er, durch! Gänge, Fliesen hinauf, hinunter, Eunuchen, schlaftrunken mit ungeschickten Säbeln schrillkeuchendem Eindringling Entgegenstürzende, hatten Mal, blutig und sechsfach so gross wie rubines Medaillon, schnell und unabwendbar am Hals sitzen, schon war kochender Atem im purpurnen Schlafgemach und siedete es heiss, Lefzen, nass sickernd von schrecklichem Tod, setzten an zu letzter krönender Tat: Dort der Taiko, stark und ekelhaft gereckt, war weinlächelnden Munds in Schlaf und Ahnungslosigkeit, unbewusst pochendes Herz, umtraumt, würde bewusst und wach nie mehr klopfen, Pranken ruhten, zitternd auf bald losschnellenden Hieb. Da erwachte die Geliebte des Fürsten, auf deren schlaff müden Schenkeln eingetrockneter verspritzter Samen des Taiko durch des Tigers siedenden Atem flüssig ward, nun auf der milden Haut des Weibes wie heisses Wasser brannte.

Erschreckt fuhr sie auf, letzte Traumfladen wichen sofort, sah den Brennpunkt von den glühenden Augen des Raubtiers und die Gefahr, ergriff laut schreiend den scharfen Dolch des Taiko — anseit der Ruhestatt friedsam liegend — und stürzte sich, selbst mitten im Schrei ganz Raubtier werdend, auf den Tiger, stach, stach, stach, ihre Brüste waren schon zerfetzt, als der Tiger noch immer kaum ernstlich verwundet schien, sie nochmals ausholte mit katzenhafter Tücke, aber grosses Katzenraubtier war tückischer, lohend in Wut Tatze schlug: Wo Liebesbucht ihres Leibs behaart, troff jetzt dunkelrotes Blut, in Tod sich verkrampfend hielt sie noch die grosse schöne weibliche Geste ihres Körpers und ihres Daseins auch im Sterben bereit, doch blutrünstiger Tiger krallte ihr sein Prankenschild schmerzvoll auf die Scham, dass ihr alles verging.

Nun, vom Getöse dieses ungleichen Kampfes erwacht, schrie der Taiko unglaublich laut, rückwärtige Wache, Männer, gepanzert, Kurzschwert gezückt, drangen ein, selbst stark verwundeter Tiger liess nach, sprang Weg zurück, den er gekommen: Teeschale war: So wusste Rikyu auch sein Ende, denn der Taiko, wohl zu mächtig, um die unsichtbaren Zusammenhänge zu erkennen, hatte desto mehr Spürsinn für sichtbare, auf der Oberfläche abspielende laute Ereignisse, ahnte daher sofort, woher plötzlicher Tiger, sich an das seltsame, fürs erste irrsinnig sich anhörende Gebaren des Teemeisters, als das Raubtier rief, sogleich erinnernd, dass dieser nicht von selbst in den Palast eingebrochen: Tiger brüllte draussen, einsam war das Haus, Rikyu stand auf, ging vor die Tür, hingekuschtes Tier drängte Blut an seine Füsse, er gab ihm streichelnde Hand und wusste nun. Dann lief der Tiger sehr langsam, fast matt weg, eine dunkle Spur auf den Kies hinter sich nachkerbend, und verschwand im Wald, der ihn mit gütiger Finsternis umschloss.

Der Garten mit allen erwachenden Blumen schwamm im jungen Meer aufschäumenden Morgenrots, das sich am Horizont an Berge gattete und Grate mit Blut benetzte.

Als erster Ostwind schon anstrich, hochmütig gebläht, ging er festen Schritts wieder ins Haus hinein, durch, zum Teeraum, setzte Gerät in Ordnung, zuletzt die Schale; sie nun in den kleinen Schrank zurückgebend, sagte er: »Ich ehre dich, hoher Kelch, und bin dir untertan. Nie war in dir schlechter Tee, immer war er erlesen und gut. Und dieser Tee war in mir und hat in mir gewohnt. Dein Tee ist auch jetzt in mir und erfüllet mich ganz, ich selbst bin der Tee des Lebens, das sich nicht bei mir, sondern vor oder auch nach meiner Leiblichkeit, irgendwo fern und unzeitlich vollzieht, vollzogen hat, vollziehen wird. Dein Tee lebt mich, und ich lebe deinen Tee: Das ist mein einziges Wissen. Ich liebe dich, denn du bist mehr als kostbares Porzellan, mehr als alt, du bist, obzwar aus Fernen stammend, Formung heimatlichen Gefühls, Formung heimatlichen Wesens, ja du bist heiliges Nihon selbst, und dazu paart sich letzte Macht: Du versinnbildlichst die Welt, alle Welt vom Aufgang bis zum Niedergang, du bist dem Uneingeweihten die kleine Bewegung, dein grosses Wirken aber ist die Welt um uns, über uns, in uns. Dank dir, Vater, der du Kelch und Welt zugleich gerettet hast, damit uns übrig bleibt, das grosse Werk zu vollenden. O Schale du, sei meinem Herzen gnädig und tu dich kund, so wird meine Seele heil!« Blasse Hand barg die Tasse in sandelholzduftendem Schrein, dann schritt er — wissend, dass die Drei die heilige Zahl sei, die alles, auch ihn beherrsche. Erst der Vater, der wunderzeugend Mutter ward der Porzellanschale, dann ist er, und er, welcher noch kommen wird, fern, unverheissen, steht noch nicht im Buche des Lebens, das überirdisch sichtbar liegt, zwar weiss die Schale noch nichts von ihm, aber er wird kommen, das göttliche Werk krönen, dumpf pochten dunkle Ahnungen an seine Schläfen, doch Hirnsee darunter schlief, und wieder fiel die Drei auf ihn herab: Mit dem Taiko geschah der erste Trunk, dann kam der, einsam, zusammen mit der Heiligen von Porzellan, das war sein Mahl am Vorabend des geahnten letzten Mahles mit den Freunden allen, ja, das wird das dritte sein, der Abschluss und die Vollendung bis zur nächsten Wiederkehr, hernach wird herrschen die Vier, die jener erwecken wird und erfüllen, der erst kommen soll, fern, wenn Sonne merklich kühler geworden, und Jahrtausend auf Jahrtausend für Menschen verglüht, die Vier der Auferstehung, und darum ihm noch fremd, vielleicht jetzt auch nahezu feind — von unirdischer Furcht geschüttelt hinaus, in den Garten, liess den warmen Sonnentau durch seine Finger gleiten, war den Blumen und ganzem Garten väterlicher Freund, lange wird er das leise Brausen nicht hören, die farbenperlende Augenmusik nicht mehr schauen, denn Kreissen erfüllte die Luft, schwanger von Rache, Bitternis und Erdentod.

Bald wird Gewitter niederbersten.

Auch guter Vorsatz, den Taiko töten zu wollen, der unbekanntes Gottsein geschmäht, fällt unter entherztes Richtbeil, das unerbittliches Gesetz des Traums furchtbar niedersausen lässt, in ewig gerechter Sühne; Traum ist Gesetz. Das Gesetz.