Der Ozean kochte hoch, stieg zum Himmel und riss die Sonne herab — und Ozean war überall.
Als endlich still geworden alle Elemente, hörte man das leise Weinen Rikyus, der immer noch dort stand, wo er die Botschaft erhalten hatte, und stehn blieb, lange, bis zum Wunder ewigen Einverständnisses die Sonne finster ward und vor sich den Mond als Schild trug.
Und da waren schon die Freunde und Gefährten, zwölf waren gekommen, in den festlichen Gewändern, nicht grün, trauerfarben trugen sie jene, weiss waren die Kimonos, da breitete Rikyu ihnen die Hände entgegen und schwieg.
Er liess sie vorausgehn und folgte ihnen als Dreizehnter und Letzter, entlang dem Gartenpfade zum Teehaus, ungewöhnlich langsam schritten sie, alle vergegenwärtigten sich noch einmal tiefen Sinn schöner Zeremonie, den ihnen heute zum letzten Mal der Teemeister deuten sollte, auf immer wird dann Schönheit gestorben sein, Heimat wird dorren, immer wird Sonne schwarz, Himmel grau schauen, wenn er nicht mehr sein wird, so gingen sie auf dem Pfad, der, aus der schreiend bösen Welt führend, die erste Stufe zu dem wahren Teeopfer war, allmählicher Übergang zu innerer Erleuchtung.
Und deshalb schritten sie langsam. Schon grüsste der Eingang des Hauses, aus dem Weihrauch sacht hervorwolkte. Trotz Tageslichtes brannten links und rechts je eine Steinlaterne, und eine über der Tür, die nur drei Fuss hoch ging, dieses Gelicht war aber grau, herbstlicher Grabgesang im wollüstigen Schrei der Sonnenlandschaft, aber ja auch die Sonne war verfinstert, grau, und so hielten sie still. Drei von ihnen waren Samurais, entgürteten sich der Schwerter und legten sie unter den Sims des Daches: Frieden wohnt im Hause des Teemeisters. Dann traten sie alle ein. Als Letzter Rikyu.
Als sie im Hause verschwunden waren, liess der Mond von der Sonne ab und ging von ihr. Die Blumen hatten ihre Kelche geschlossen, und die Tiere waren verkrochen. Auch der ganze Himmel war krank und blass.
Im Vorraum warteten sie alle eine kleine Weile, sahen zu, wie der Meister das Teegerät kunstgerecht in Wasser abspülte, dann war Vorhalle weiter, und was noch als beschwerlich abzulegen war, legten sie ab.
Gefasst, und obwohl traurig, doch gehoben, schritten sie ein in den Teeraum, die Zwölf, Rikyu nicht, und verneigten sich vor dem Tokonoma. In der Vase stak in niegeschauter Anmut die Winde, umhauchte mit schlichtem Dufte den Lackschrein, der die kostbare Schale barg.
Dann kam Rikyu und stellte den Eisenkessel auf die dreibeinige Kohlenpfanne. Alle hockten im Kreise nieder, auf den Matten, dem Teemeister liessen sie den Ehrenplatz. Aus dem eckigen Krug schüttete er Quellwasser, hoch vom Gebirg, in den Kessel, gab ein wenig Salz bei, Blasebalg zischte Flamme an, Flamme züngelte unter Rund, Rikyus Augen waren still, erwartend die drei Grade des Kochens, schon stiegen kleine Blasen, als reckten hungrige Fische ihre Münder aus dem Teiche, nun rollten Kristallperlen, emsig, sie suchten mütterlichen Felsenbrunnen, die kleinen Silberstückchen, am Grunde des Kessels lose gelegen, wirbelten auf, tönten zugleich mit dem Summen des Wassers eine ganze Sinfonie: Katarakte tosten, Meer scholl auf, donnerte ans Gestade in verklingendem Brüllen, Brandung, bald stark, bald leise, barst an den Riffen, von denen alle Sturmschwalben entsetzt abflohen, Hochwald stand in ersterbendem Feuer sehr greiser Sonne, die Tannen, hochgelenkig wie koreanische Königstöchter, sausten zu Tal, begruben den Wildtöter, nun brausten Glocken, vom Tempel, von Pagode, vom Palast, Dreiklang erschlug die Schreie der Möven, Boote kehrten am Abend ermüdet heim, behangen mit vollen Fischnetzen, traurige Mutter, sie legte Ratsche und viele Steine, bunt und abgespült, auf kleines Grab kaum gelebten Kindes, damit der gute freundliche Gott Jizo mit ihm spielen könne, die Wächter an den eisernen Toren des Schlosses hielten stumm ihre bläulichen Speere, hinsank die unglücklich Liebende vor der Statue, der hilfsbereiten, allen Schmerz verstehenden Kwannon und weinte kleine Gebete, auf den Flüssen schwammen papierne Boote, gerieten jetzt in Flammen, zogen tanzend hinunter, meerzu, und vom Strand sah man hinaus, wie überall bis zum Horizont, in den Nachthimmel versickernd, die Boote der Toten brannten, ihnen zu Ehren, selig sind, die reinen Herzens sind, und wie von den Flüssen die sausenden Flammen ins Meer einströmten, gespenstisch, doch wunderbar schön, und mehr Flammen über Wasser noch wurden, und alles Meer ward, Meer und wieder Meer: Denn die Wogen im Kessel kochten wild, quirlten, schäumten: Dritter Grad war erreicht, Rikyu griff, während die andern noch versunken träumten, zur karminroten Lackbüchse, und der seltenste Tee, wohlriechend, von dem heiligen Uji-Distrikt bei Kioto, ganz weisser Tee entflockte seinen Fingern, schwebte ein in den Dampf des Wassers. Nun fielen sie zu Boden, küssten mit ihren Köpfen die Matten: Heilige Handlung vollzog sich, geheimnisvoll: Aus dem abgeschiedenen Schrein ward der Leib der Schale, blauschwarz, Porzellan, dünner als Glasur von einem sanften Hühnerei, genommen und allen zugewiesen.
Dann floss der liebliche Tee in sie.