Rikyu sass nun selbst still, nahm den Kelch, hob ihn hoch, segnete ihn, trank daraus, segnete ihn wieder, dankte ihnen, die im Teekreis sassen, reichte ihn nun dem Nächsten dar und sprach: »Trinket alle daraus!« Als die Schale einem jeden von ihnen die Zunge gefeuchtet, sie wiederum in seine Hand zurückgelangt war, füllte er sie von neuem, solche Worte schenkend: »Der Kelch ist mein Herz, der Tee ist mein Blut, welches vergossen wird für viele zur Vergeltung der Sünden!« damit goss er allen Inhalt auf die Matte, bogte nun neuerdings das schöne Getränk ein, reichte es reihum, es war die zweite Schale nach dem siebengefalteten Kanon, sie zerbricht die Einsamkeit, sie war leer getrunken, nun hielt er ihnen die dritte hin, die unfruchtbares Gedärm ausspült, nachdem sie auch diese geschlürft, sprach er wieder: »Freunde, sehet her! Ich bin der Weiser zum fernen Leben. Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote!«

Nun kredenzte er schon die vierte, Nacht herrschte draussen unumschränkt, auf aller Stirnen perlte kühler Schweiss, leicht, Hirn jedoch geriet in Brand, und einer fragte: »Wie sollen wir deine Gebote halten?«

Stille lag gleich Ewigkeit im Raum. Sich immer mehr verklärender Mund des Teemeisters tönte endlich: »Indem ihr nicht klaget!« hiemit machte er die fünfte Schale zurecht, liess sie kreisum gehn, erst hatte er getrunken, dann die Freunde, in jedem von ihnen hatte sich innere Reinigung vollzogen, Schweiss war gewichen, Augen bekamen Glanz, ruhten gepaart auf Stirn Rikyus, in Eintracht versammelt, der nun vorherigen Satz, dunkel, weiter erklärte: »Denn wisset und glaubet, ich habe ein ganz anderes Leben gelebt als ihr und alle, was ich gelebt, kann ich mit Worten nicht deuten, nur fühlen kann ich es selbst dunkel bewusst, darum gehe ich heute ein ins Unbekannte, das mir mit entirdischter Seele schon bekannt, noch ehe ich leiblich geboren, ohne Furcht, voller Vertrauen schreite ich voraus, aber nach mir wird einer kommen, fremd seine Sonne, Schnitt der Augen anders, der wird die Kraft haben, auszusprechen, was ich nicht vermochte, wohl aber er« — und hier ward geschwisterliches Augenpaar im Schauen zeitloser Erleuchtung für Moment glanzlos — »wird gemartert werden für seine Worte. Doch über ihm hat Macht die Vier, auch er kann trotz dem Untergang nicht vergehn, ich bin für immer bei euch!« Seine wie schwächer werdenden Hände schütteten fast den letzten Tee aus der Kanne in die jetzt von einem seltsamen Gloriolenschein umstrahlte Schale; es war die sechste Runde, sie ihnen darreichend, sprach er, schon merklich leiser als vorhin: »Darum klaget nicht!«

Und sie tranken, Lippen waren entbittert, Augen, fremd erglänzend, hatten einen matten überirdisch aufdämmernden Strahl, nur der aus des Teemeisters Antlitz war inniger, in ihn schritt mählich Unsterblichkeit ein, die seine Jünger bloss wünschen konnten, früher erlebtes Wunder ward wiederum: Ohren hörten nichts, geräuschlos war Sein.

Nun losch das Feuer unter der Kohlenpfanne, letzter, beinah kalter Tee rann in die Schale, wurde ganz kalt, Rikyu setzte an und trank sie allein leer, denn es war die siebente, die glückliches Tor des ewigen Horeisan erschliesst; als er getrunken, die zwölf andern waren alle unermesslich still, stellte er die Tasse vor sich hin und lächelte geradezu verzückt, durchtobt von dem Wissen, dass hier ganze Welt mit allem Ozean vor ihm stünde und dass, wenn dieser Kelch zerschelle, ganze Welt hinsinken müsse in unendlichem Sterben, dass er damit auch den Taiko treffe — warum kam der bloss in frechfarbenem Gewand, warum zertrat er nur die Zikade, warum? Das wird seine Rache sein: Welt wankt und birst — damit nahm er die Schale in seine hohle, fürsorgliche Hand, zerdrückte sie, dass sie brach, hob die Zertrümmerte zum Mund, wie man vom Quell Wasser mit gewölbten Händen zu nehmen pflegt, und schluckte ihre Splitter, weicher denn Staub. Dann zerriss er sein Prunkgewand und stand im edeln Totenkleid; noch in letzt ausholend menschlicher Güte lächelnd, gab er einem jeden von seinen Freunden, denen die Augensterne schier vergingen, etwas von den Geräten und Stücken des Teeraums, bis er alles verteilt. Nur der kleine Dolch, unscheinbar, blieb auf Matte, wartend.

Nacht draussen atmete kaum.

Jetzt sprach Rikyu mit vergehender Stimme, ohne dass er sich selbst hörte: »Und nun habe ich euch alles gesagt, ehedenn es geschieht, auf dass, wenn es also geschehn sein wird, ihr glaubet, steht auf und lasset uns von hinnen gehn!«

Da erhoben sie sich, traten aus dem von der nahenden Heiligkeit schon durchschwängerten Raum in den morgenden Garten, Sonne riss eine brandrote Gebärde, der Teemeister blieb allein zurück.

Der Jüngste aus ihrer Mitte warf sich draussen im Vorgemach vor die Tür und wartete, bis es vollbracht wäre, drinnen von Rikyu.

Und es ward vollbracht.