Doch schon goß semitisch Blut übers Pflaster. Und Lächeln stob noch, als er, Jörg, wissend, einen Kristen getötet zu haben, entfloh. Wer? Spitze grelle Lacher ballten sich noch hoch. Und die Gosse heulte. Und die Gosse schrie.
Reklame bot frech „ANNA BLUME“ an.
Jörg unvermutet in Fiume angekommen, saß im Kaffee, dachte an Thomas von Aquino, dann an Grünewald, zuletzt an Gauguin, nun Kokotte ihn mit Blicken überflammte, endlich er sie frug nach Namen und mehr. Sie, statt Antwort, flötete: Es ist sehr zum Wundern, daß jetzt so wenig Leute an Trichinen sterben, nicht? — Allerdings! schrie Jörg, da jetzt zu viel Granatenauflauf gegessen wird. Mit Muse trank er seine Hammelkeule, jawohl trank, bannte Eros aus dem krokusnen Umkreis, erinnerte sich schmunzelnd der Schlacht bei Ronzevalles, stieß laut ins Horn Olifant, als sich der Kellner heranpirschte, das Schnupftuch aufhob, übrigens ihm das Zündholz bereit hielt. Nachher legte Jörg seine Hände blau vor sich hin, dachte halb an den Busen der Gegenüberkokotte, halb an den schönen Flimmer der Milchstraße, die zum Saturn führt, als klitschnaß das Licht ausstob und Finsternis durch den Raum peitschte. Schließlich ist unter Umständen Magenerweiterung, wennschon keine Krankheit, so doch ein Faulheitsübel. Und Stromschnellen sind auch nicht büchen.
Früh nahm ihn D-Zug in seine Arme, fächelte ihn in Budapest auf den Boulevard. Ernst antrat Jörg die Beamtin, boste ihm auf Madjarisch zu: Sie müssen sich am ganzen Körper rasieren lassen! — Wozu? — Nicht gesprochen! und schon schwamm Jörg im Bassin, beschaut, bekitzelt von vielen nackten Mädchen. Er sprudelte, da gab man ihm eine Rakete ins Maul, freute sich am Feuerwerk. Als er aufwachte, befand er sich in Berlin, hörte soeben die elektrische Klingel.
Japan hat letzten Endes auch seinen Mikado. Und Jörg Schuh legte seine Hände porzellangrün vor sich hin, wartete glommen Blicks. Kaum gepocht, trat otto-ernst bei ihm ein, auf Kopf den Gamshut, jodelnd, juchzend, sonst aber wundersam nackt, nur rückwärts im geehrten Steiß stak ihm prachtvoller Blumenstrauß. Wahrscheinlich Symbol eines Werdegangs. Ich bin nämlich auf Freiersfüßen, meinte eingetretner gediegner Dichter. — Da kann ich Ihnen gute Pommersche Gänse empfehlen, haben zumeist das Doktorat aus Germanistik, schreiben Lyrik, Tagebücher, auch Dramen. Wenn Sie aber eine besondre Spezies von gescheuten Damen kennen lernen wollen, lieber otto-ernst, dann pilgern Sie glatt mal nach Prag. Dort brüten, ja legen die Doktorweibsen herrlich, unermüdlich Eier. Laufen Sie hin, diese Guten werden gerne mit Ihnen turnen. — Ja Turnlehrer bin ich noch immer, bölkte o. e. stolz. — Na also!
Beim Prälaten unterm Stadtbahnbogen Friedrichstraße propellierte Jörg seine dekorierten Zähne in etliche Filets, schwomm das alles zu Bier, spielte über die weiße Rutschtafel des Tischtuchs zu dem Wesen hinüber, das er mit Frage bekollerte: Haben Sie schon einmal eine ganghofersche Nudelsuppe so gut verdaut wie ich mein Eisbein in Schelee? Und die vielen andren Romane, bald Miljö, bald Liebesromane auch der andren Autoren und Autorinnen, o die lieben Zuckerbrezeln. Im Ernst genommen, das ist die Liebe. Schließlich ist zwischen Penis und Vagina gar kein Unterschied, zumal wenn sie süß beseufzerlich beisammen sind, beide bestehen aus Fleisch, wenn auch geometrische Form etwas verschieden, riechen nach Mysterium, das nur eine Reibung mit Knallgasentzündung ist. Haben Sie denn das noch immer nicht verdaut, da es fort bei Ihnen als Neuheit wirkt, originelles Original will ich nicht sagen, haben noch immer nicht verdaut? — Da quoll der dort drüben, Frosch mit innrer Marmeladebeleuchtung, giftig auf, platzte und schmiß armen Jörg die Hure von Babylon an den Kopf, daß er alle Pyramiden Ägyptens wimmern hörte. Das ist aber auch ein feines Benehmen, aber ein sehr feines, schellte Jörg, lief in Straßentrubel hinaus, verlangte stürmisch eine Notleine. So einen Redner haben wir schon lange gesucht, schrien einige wild, von einer politischen Partei, tatzten ihm ihre Pranken aufs Schultergelenk, führten ihn auf einer Bahre unwiderredlich zum Parlament. Abgeordneter Jörg Schuh verbeugte sich schon vor rasend beifallklatschendem Haus. Herr Hannibal Hagen Liefke war eitel Sonnenblume.
Ich bin der Abt vom Berge, begrüßte Jörg das Parlament, komme soeben vom Mann im Mond und bringe Euch seine freundlichen Grüße, Telegramme und das Offert, seine Hosenträger zu kaufen, die er selbst erzeugt, Marke „Herkules“ bitte. Damit, d. h. wenn jeder von uns sie trägt, haben wir unsre Valuta heraus. Dem Herrn Finanzminister empfehle ich unbedingt zehn Paar dieser Hosenträger anzulegen. Dazu würde als gemäßigtes Kostüm sich ein Reiherhut mit Pantoffelschnallen sehr gut machen Übrigens: war das neue Wahlgesetz nicht sehr gut? Konnte nicht jeder Republikaner am denkwürdigen Wahltage unbesorgt seine kalte Schale löffeln, trotzdem das K. d. W. gesperrt war. Trägt nicht Pater Südekum einen wundervollen Frack? Wahrlich, wäre ich nicht Schuh, ich möchte Wilhelm sein! Ich bitte, beifalln Sie nicht. Und dürfen wir uns gefallen lassen, daß unsre besten Patrioten, die Schieber von der Regierung mit Steuern belegt werden? Wo doch Melchior Vischers dada-Spiele die Wohlfeilsten sind, was wir derzeit haben. Auch wollen mehrere Operettenkomponisten, Gründer und stille Teilhaber prunkvoller Weltbuffs, langverdienten Professorentitel erhalten. Man könnte ihn ja dem Weingartner oder dem Muck ruhig entziehen. Kann uns die Regierung auf alle Fragen, welch pyramidale Fragen, eine befriedigende Antwort geben? Nein, das kann sie nicht, aber ich kann eine Antwort geben. Also bin ich die Regierung. Schon schrien alle Kopfebenen: Es lebe Präsident Jörg Schuh! — Ich danke für die Illumination. — Zuguterletzt hatte man ja schon seit langem nicht mehr eine so klare präzise gedankentiefe, ja kosmoserschütternde Rede im Parlament gehört, wie eben jetzt die Jörgs. Zur Begrüßung stellten sich alle Tippmamsells in Reih und Glied, legten ihre Blusen ab und zeigten ihre gemischten Brüste. Da freute sich das ganze Haus und jauchzte: schließlich können wir auch das Hintre vertragen, oh wir halten was aus! Da ließen geistreiche Diener die Fenstervorhänge herab, damit keusches Dunkel ekstatische Insassen überstülpe. Löwen brüllten enorm, da die Menagerie ganz in der Nähe.
Vor dem Volk zeigte sich Jörg gemessen, ja majestätisch. Das ist endlich einmal ein Präsident! Helles Entzücken blütenschneete auf ihn herab, als er sich als Athlet entpuppte. Stemm Kraft Bemm. Da hörten alle Kapitalistenfraun, auch Autogattinnen so eigen, doch so wonnig einen Vogel irgendwo piepen. Die Muskulatur ist ganz prachtvoll. Auch die Nässe in untren Regionen. Dazu noch das Konzeptpapier. Und die schön gedrechselte Haarlocke. Und der Mops mit himmelblauem Seidenbändchen.
Aaaach!
Das war die Pirsch. Glockenblumen verneigten sich. Parföm geißelte Luft, die brüllte. Jörg gefiels in seiner Position so gut, daß er sprang wie Hirsch zur Brunstzeit, murrte, endlich verstopften Afters nach Brasilien schlotete. Dort bewunderte er den Körper eines Aufgehängten, verglich ihn mit Weisgerbers Sebastian und stoßseufzerte: Gut, daß es noch Semmeln gibt!