So viel Unglück hatte ich in der Welt gesehen und so viel Übel, und ich glaubte, das Übel schnellerbeseitigen, das Gute schneller befördern zu können. — Es waren Gedankeneines unerfahrenen Mädchens.
Da ich in die Hütten der Armen kam und an die Betten der Kranken, dalinderte ich viel Unglück; — aber das Unglück beseitigen, gänzlich beseitigen, wie ich es einst geträumt hatte, — das konnte ich nicht; und alle Menschen glücklich, gut und nützlich zu machen, — das war unmöglich.
Aber eins habe ich gesehen und gelernt, daß die Familien glücklich, daß die Väter froh und fleißig, daß die Kinder gesund und wohlerzogen waren, wo eine Mutter war, — eine weise, gute Mutter.
Aber das Unglück war im Hause, und der Vater war unfreundlich und mutlos zu seinemBerufe, und die Kinder waren unzufrieden undzänkisch, wo die Mutter-Liebe fehlte, wo das freundliche Wort fehlte und der freundliche Blick und der Komfort im Hause; — ich meine nicht den Komfort, der teuer zu erkaufen ist mit Geld, sondern den Komfort, den der Blick, der Ton, den das liebende Herz der Mutter giebt.
Alles, meine Schwester, alles, glaube es mir, — das Glück des Mannes, das Glück der Kinder, das Glück der Familie, das Glück des Landes liegt in den Händen der Frauen und nicht so viel in den Händen der Männer; denn diese sind willig und folgen den Frauen; und wohl dem Lande, das gute Frauen und gute Mütter hat!
Und siehe, Schwester; ein Glück habe ich aus meinen Händen gegeben. Wie oft habe ich die Mutterbeneidet, wenn ich sah, wie sie ihr Kind küßte, wie sie ihr Kind liebend an die Brust drückte.
Da wurde es mir klar, daß ich geirrt hatte; ich hatte gefehlt, da ich das Beste gewollt.
Wohl versuchte ich gut zu machen, soviel ich konnte; darum lehrte ich die jungen Mädchen, und manches gute Samen-Korn habe ich gesäet.
Die gute Schwester weinte, und ich wollte sietrösten und sagte: Hast Du nicht dadurch viel Gutes gegründet?
Ja, sagte sie, das habe ich allerdings, und mein Trost ist auch, das Du glücklich bist, teure Schwester; und nun versprich mir hier, daß Du auch ferner ein wahres, gutes Weib sein willst Deinem Gatten, wie Du es bis heute warst; daß Du eine treue Mutter sein willst Deinen Kindern, daß sie Dich so lieben wie eine Freundin, so daß Deine Töchter Dir alles, alles vertrauen; daß sie nichts und niemals etwas geheim halten vor Dir. Lehre sie, daß das Haus ein Heiligtum sei und das Weib die Hüterin; denn der Mann geht in die Welt und sieht so viel des Bösen und wird oft so verwirrt; sage es ihnen doch, daß es des Weibes Pflicht ist, ihn zuläutern vom Schlechten und ihn zu erheben vom Gemeinen und ihn zu stärken zum Guten.