Ein Jahr war er nun in Worms gewesen und noch hatte er sie nicht gesehen, die er zu gewinnen kam; denn Krimhilde war stets nach feiner Frauen-Sitte in ihren Zimmern.
Sie aber hatte ihn doch gesehen; denn wenn die Kampf-Spiele auf dem Hofe waren, stand sie hinter ihrem Fenster, sah hinab auf den schönen, tapfern Siegfried und begann erst, ihn zu bewundern, und dann, ihn zu lieben.
In dieser Zeit war Lüdeger der König von Sachsen und sein Bruder Lüdegast König von Dänemark. Diese beiden erklärten den Burgundern den Krieg.
Da sprach Siegfried zu Gunther: Bleibe du hier bei den Frauen und beschütze sie, und laß mich gehen mit Hagen und mit deinen Brüdern, zustreiten für deine Ehre und für deinGut.
Und sogeschah es auch. Siegfried besiegte beide Könige und nahm beide gefangen. Gernot sandte einen Boten nach Worms mit der Sieges-Botschaft.
Aber niemand in Worms hatte in größerer Furcht und Angst gelebt, als Krimhilde. Heimlich ließ sie den Boten zu sich kommen und sprach: O, sage schnell, was du bringst; und ist es gute Botschaft, dann gebe ich dir Gold.
Wir haben gesiegt, sagte der Bote; und der Mann, der den Siegerrungen, heißt Siegfried; alle waren tapfer, deine Brüder und Hagen und die anderen; aber das meiste und das beste hat der Held vom Nieder-Rhein getan und die beiden Könige hat er auch gefangen und er bringt sie hierher.
Da wurde Krimhilden's Antlitz rosenrot, und sie ließ den Boten, reichlich beschenkt, von sich gehen.
Nun stand sie am Fenster und sah die Straße hinab, so weit ihr Auge reichte, ob sie noch nicht kämen. Endlich kamen sie. Als die Hufe der Pferde den Boden stampften, da klopfte ihr das Herz in der Brust und da sah sie endlich auch ihn wieder, der so schön und hoch vor allen war.
Sechs Wochen wurden die Verwundeten gepflegt am Hofe zu Worms; sechs Wochen lang zogen die Ritter hinaus, sich zuüben in den Kampf-Spielen; sechs Wochen lang bereiteten die Frauen denSchmuck und die Kleider, die sie tragen wollten während des Sieges-Festes.