Herr Meister: Ganz recht, das will ich. Es war ein Weib, das Jesus Christus geboren hatte, und darum verehrte man Maria. Und später, als das Christentum sich mehr und mehr ausbreitete, waren es christliche Ritter und christliche Minne-Sänger, welche die Frauen verehrten, wie es nie ein Volk des Altertums getan hatte. Ich kenne keinen Dichter des Altertums, der so schön von den Frauen gesungen hat, wie Walter von der Vogelweide:
[IV-5]»Durhsüeßet und geblüemet sint die reinen frouwen:
eß wart nie niht sô wünneclîches an ze schouwen
in lüften noch ûf erden noch in allen grüenen ouwen.
Liljen unde rôsen bluomen, swâ die liuhten
in meien touwen dur daß gras, und kleiner vogele sanc,
daß ist gein solher wünnebernden fröide kranc,
swâ man siht schœne frouwen. daß kan trüeben muot
erfiuhten,
Und leschet alleß trûren an der selben stunt,
sô lieblîch lache in liebe ir süeßer rôter munt
und strâle ûß spilnden ougen schieße in mannes herzen
grunt.«
Bella: Das ist freilich sehr schön und sehrschmeichelhaft für uns. Aber, Herr Meister, haben im Mittel-Alter alle Menschen die Frauen so geehrt, oder waren es nur die Minne-Sänger, die so von uns dachten?
Herr Meister: Es waren allerdings nur die Ritter und die Minne-Sänger, also die feineren Klassen der Gesellschaft, die den Wert der Frauen erkannten. Vergoldet nicht die Sonne zuerst dieSpitzen der Berge, bevor ihr herrlicher Schein auch hinab in dasTal[IV-6] dringt? — Auch für die Frauen der unteren Klassen begann bald dieErlösung — durch Dr. Martin Luther.
Bella: O, Herr Meister, ich sehe schon, Sie wollen uns zeigen, daß das Heil für die Frauen aus Deutschland kommt, wie so vieles andere, was die Menschen beglückt hat.
Herr Meister: Nein, mein Fräulein, daran habe ich allerdings nicht gedacht. Aber ich wollte Ihnen zeigen, daß das Heil der Frauen immer aus dem Norden kam.
Gretchen: Papa, hat denn auch die Befreiung der Frauen etwas mit der Geographie zu tun?
Herr Meister: Sehr viel, mein Kind. Ist nicht das Weib im Norden, sagen wir z.B. in Deutschland oder in England, geachteter, als im Süden: in Griechenland, in Italien, in der Türkei? Und ist das nicht ganz natürlich?
Im Süden ist die Natur freundlich mit dem Menschen und giebt ihm alles, wie eine gütige Mutter. Dort ist die Sonne warm, die Luft mild, und derErdboden ist reich. Die Natur giebt dem Manne im Süden mit leichter MüheNahrung undSchutz, darumbedarf der Mann im Süden des Weibes und des Hauses nicht so sehr, wie der Mann im Norden.
Aber wie war es früher im Norden. Der Mann kam abends aus dem Walde, und die Kälte des Winters war strenge. Er hatte gejagt oder die Bäume des Forstes gefällt; und nun war er hungrig und müde.