»Ehrfurchtsvoll betritt mein Fuß diesenPfad, der aufwärts führt zwischen grünenden Hecken. Zur Rechten und zur Linken ruhen die Müden der Erde unter Blumen; aber vor mir, oben, steht von Marmor ein Tempel. Da bleibe ich stehen, und heilige, erhabene Scheu bewegt meine Seele; denn hier ruhen drei Fürsten: Der eine gebot, undSterbliche hörten auf sein Wort; die zwei andern aber herrschten im Reiche des Geistes, sie waren Könige im Lande der Poesie. — Vereint, wie sie waren im Leben, sind sie es nun im Tode. Ihr Geist aber wirkt noch heute und wird wirken, so lange das Gute und Schönenoch[V-2] Wert hat auf Erden.«
Weißt Du, teure Bella, in welcher Stadt wir waren? Die beiden größten unter den Poeten des modernen Deutschlands lebten hier. Ich war in ihren Häusern und ich glaube, daß die Deutscheneinstmals diese Stadt so hoch preisen werden, wie die Griechen es taten mit Athen, und solltest Du den Namen »Weimar« nennen, so hast Du auch die Stadt erraten.
(Aus meinemTagebuche. Seite 166.)
»Wie gut man in deutschen Eisen-Bahnen schreiben kann! Ich glaube, sie fahren so langsam, um denFremden das Land zu zeigen. Das ganze Land erscheint mir wie ein großer Park, wohlgepflegt und in schöner Ordnung gehalten. Wiese und Feld und Wald und Flurwechseln ab; und überall, auf den Bergen wie in den Thälern, erblickt man Städte und Dörfer. Das sieht prächtig aus. Wie lachende Augen, so glänzen aus den weißen, reinlichen Häusern die klaren Fenster, und aus der Mitte der Dörfer heben sich von den Kirchen, himmelwärtsdeutend, dieschlanken Türme. Der Zug hält — eine Station!«
Hier, liebe Bella, habe ich Dir vieles zu sagen. Also, der Zug hatte gehalten, — da hörten wir vom nahen Dorfe Musik und Jubel, und wir fragten einen von denBauern, welche neugierig bei dem Zuge standen und uns eben so anstaunten, wie wir sie: Was bedeutet denn der Jubel im Dorfe? — Heute haben wir Kirmes, sagte der eine. Kirmes? fragte ich. Was ist Kirmes, Herr Doktor?.. Und Dr. Stellen antwortete: Kirmes ist der Bauern größtes Fest in dem Jahre. Da giebt es Wett-Rennen zu Pferde und dann Tanz, und wer weiß, was sonst noch mehr. — Weißt Du was, Frauchen? Wir könnten hier eigentlich bleiben und mit Fräulein Anna einmal Kirmes feiern.
War das nicht schön vom Herrn Doktor? Und bald fuhren wir in einem Bauern-Wagen hinein in das reinliche Dorf. Ich sah immer von einer Seite auf die andere und konnte mich nicht genug wundern über die niedlichen Häuser.
Wir waren in einer andern Welt, in einer ältern Welt.
Unter der Linde in der Mitte des Dorfes, auf einem runden, freien Platze,da ging es lustig her. Da unter dem freien Himmel tanzten die Burschen und die Mädel; und wie sie hüpften und wie sie sprangen und wie siejauchzten vor Freude! — Doch alles ging in Ordnung zu. O, so komisch sahen die Burschen aus in ihren bunten Westen und in ihren langen, schwarzen Röcken; auf ihren Köpfen standen die hohen, altmodischen, seidenen Hüte. Jeder Bursche hatte an dem Hute einen Strauß von bunten Blumen und ein langes seidenes Band. Blumen und Band hatte derSchatz ihm gegeben, und Rock und Hut waren vom Großvater geerbt, denn auch der Großvater hatte mit der Großmutter die Kirmes so getanzt.
Als der Tanz beginnen sollte, winkte der Bursche mit der Hand und zu ihm kam sein Schatz. O, liebe Bella, ich wünsche, Du hättest gesehen, wie sie tanzten, seineWange ruhte an der ihren und beider Augen drehten sich zum Himmel vorWonne. O, es war zu komisch — aber wir durften nicht lachen, denn den Leuten war es Ernst.
Und, liebe Bella, — aber das mußt Du niemandem wieder sagen — ich selbst habe zwei mal mitgetanzt; und wenn ich an Frau Dr. Stellen vorüber kam, und wenn sie sah, wie ich meinen »Schatz« so innig fest hielt und die Augen auf nach oben wandte, dann lachte sie mir laut und herzlich zu. Das war köstlicherSpaß!