Nobel schüttelteunmutig sein königliches Haupt und sprach: Guter Henning, mit Trauer höre ich das Unglück, welches dich befallen hat. Mit allen Ehren wollen wir deine Tochter zu Grabebestatten. Ich selber will dem Sarge folgen. EinenMarmorstein lasse ich auf ihr Grab setzen, und darauf soll man diese Worte lesen: »Hier ruht in Frieden: Kratzefuß, Hennings Tochter, die beste der Hennen. Legte viele Eier in's Nest und verstand gut zuscharren. Ach! hier liegt sie, durch Reinekens Mord den Ihren genommen.« — Euch aber, ihr Herren, die hier versammelt sind, bitte ich: Beratet, wiefördern wir Recht und Frieden im Lande? —so kam man denn überein, daß Braun, der Bär, auf Reinekens Schloß Malepartus gehen und ihnauffordern sollte im Namen des Königs, vor dessen Thron zu erscheinen, auf daß der König die Klage höre und Recht spreche und ihnstrafe, wenn er ihn schuldig befände.
Und Braun ging und wanderte durch eine lange Heide und kam zuletzt nach Malepartus. Da hatte Reineke einestattliche Burg gebaut, fest und stark gegen Feinde, mit vielenheimlichen Gängen, durch die erentschlüpfen könnte, wenn es nötig wäre. In den weiten und schönen Hallen aber lebte Reineke mit seiner Gemahlin und den beiden Söhnchen und sie aßen und tranken vom Besten und waren sorglos.
Da hörte er die rauhe Stimme des Bären, der also rief: Du sollst zum Könige kommen, Reineke, daß der König die Klage höre und Antwort gebe und Recht spreche; und daß er dich strafe, wenn er dich schuldig befindet. — So du aber nicht kommst, wird er dich hängen lassen.
Der Fuchs hörte die Worte des Bären und sprach lächelnd zu sich selbst: Diesen rohenGesellen will ich heimsenden, daß er noch lange an Reineke denke. — Und alsbald ging er hinaus vor das breiteThor und sprach mit freundlicher Stimme zu Braun, dem Bären: Guten Tag, mein teuerster Oheim! Welche Ehre für mich, daß ihr selbst mich besuchet! Aber, was sehe ich? Wie seid ihr soerhitzt und vollStaub! — Konnte der König niemand anders senden? — Mußtet ihr gerade diesebeschwerliche Reise machen? — Seid ihr hungrig? — Was giebt man euch doch! Ihr wisset, wir leben hierärmlich und haben wenig Gutes. — Honig können wir euch geben. Doch, ich weiß wohl, ihr esset niemals Honig.
Honig? rief der Bärerfreut. — Nichts ist mir lieber, als Honig. O, gebet mir Honig!
Ist es wirklich wahr, sprach der Fuchs mit falscher Freude, esset ihr Honig so gern? Ei, davon kann ich euch geben. — Wisset, nicht weit von hier wohnt Rüsteviel, der Bauer; der hat Honig, — mehr, als ihr je gesehen.
So laß uns gehen, schrie der glückliche Bär und trabte voran, so schnell, wie er konnte.
Sie kamen auf Rüsteviels Hof. Das aber wußte der schlaue Fuchs, daß Rüsteviel auf seinem Hofe einen Baum spalten wollte und einenKeil hineingetrieben hatte. — An dem einen Ende war der Baum offen und in dem andern Ende steckte der Keil. — Den hungrigen Bären führte der Fuchs hierher und sagtegar freundlich zu ihm: Hier, teurer Oheim, möget ihr Honig essen. — Doch esset nicht zu viel! Das rate ich euch, — er ist gar süß.
Mit beiden Vorderfüßenzugleich sprang der Bär in die Spalte. Den Kopf steckte er bis über die Ohren hinein, nach Honig suchend.
Reineke aber war an dem andern Ende,zog mit aller Kraft an dem Keile; undes gelang ihm nach vielerMühe, den Keil zuentfernen. — Zusammen klappte der Baum, und Braun war gefangen.