Dr. Albert: Es ist dieselbe, mein Fräulein. Das Schönste, was Sie sehen können in dieser alten Burg, das ist der Saal.

Vor mehr als sechshundert Jahren, im Jahre 1207, waren hier sechs der größten Sänger und Poeten Deutschlands versammelt, um vor demLandgrafen und derLandgräfin, vor den Rittern und den schönenRitterfrauen und Fräulein um den höchsten Preis zu ringen durch ihre Kunst in Poesie und Gesang.

Mit den schönsten Worten, mit den lieblichsten Tönen, mit der höchsten Begeisterung sang einer nach dem andern zum Preise der Religion, der Frauen und der Fürsten.

Heinrich von Ofterdingen, dergeschickteste von allen, sang aber allein gegen die übrigen fünf; erpries den Herzog Leopold von Österreich; — und die fünf anderen: Heinrich der tugendsame Schreiber, Walther von der Vogelweide, Reinmar der Alte, Bitterolf und Wolfram von Eschenbach lobten denLandgrafen.

Und da sie alle vollendet hatten, wußte man nicht, welcher Partei man den Preis zukommen lassen sollte, ob den fünf Sängern, ob Heinrich von Ofterdingen.

Man konnte zu keiner Entscheidung kommen, und die Erbitterung war so groß geworden, daß man zuletzt beschloß, das Loos sollte entscheiden, wer Sieger sei; der Besiegte aber sollte sterben, und dieses Loos traf Heinrich von Ofterdingen; und als die erbitterten Sänger ihnergreifen wollten,floh er aus ihrer Mitte zum Ende der Halle zurLandgräfin und fiel ihr zu Füßen und bat um ihrenSchutz.

Und er hatte nicht umsonstgefleht. — Sie sah seine angstvollen Augen und hörte seine klagenden Worte und hatte Erbarmen mit seinem jungen Leben. — Sie breitete die Falten ihres weiten Mantels über ihn zum Zeichen, daß sie ihn schütze, daß niemand ihnberühren, niemand ihnbeschädigen dürfte.

Undman einigte sich, daß man nach einem Jahre den Kampf wieder beginnen undentscheiden wollte.

Nach einem Jahre waren sie alle wieder versammelt. Heinrich von Ofterdingen war in diesem Jahre bei dem großen Meister Klingesor imUngarnlande gewesen. Der Meister selbst war mit ihm gekommen.

Der Kampf des Gesanges aber endete heute fröhlicher, als im Jahre zuvor, und der Preis wurdezuerkannt — dem Sänger Wolfram von Eschenbach.