Schon David eifert gegen heuchlerischen Gottesdienst. Aber schwerlich ist dieses Uebel erst zu seiner Zeit entstanden; es ist die giftige Frucht des Saamens, welchen der „Vater der Lüge und des Mordes“ schon im Anfang ausstreute. Ueber dieses Gewächs spricht sich Gott so aus: „Höre mein Volk! Ich rede, ich zeuge selbst an dich, Israel! Gott bin ich, dein Gott. Nicht deiner Opfer wegen straf’ ich dich; mir wallt ja stets hinauf der Opfer Rauch. — Ess’ ich denn Fleisch der Stiere? Trink’ ich der Böcke Blut? Opfere du nur Dank der Gottheit; erfülle nur, was du dem Herrn gelobt! Rufe mich an in deiner Noth; ich errette dich, und du sollst mich preisen!“

Warum tadelt Gott die Opfer, für die er den Ort und die Weise selbst bestimmt, die er aber nicht als nothwendig verlangt hatte? Warum dringt er so sehr auf Religion des Herzens? Man höre: „Zum Gottlosen spricht der Herr: Was schwätzest du von meiner Lehre; führest meinen Bund in deinem Munde, da du doch Belehrung hassest, und meinen Ausspruch wegwirfst? Siehest du einen Dieb, sogleich bist du sein Freund; mit Ehebrechern hast du Umgang. Du lässest Bosheit nur aus deinem Munde; Arglist schmiedet deine Zunge. Du sitzest zu Gericht, und bist selbst ein Verläumder deines Bruders; bist bereit, insgeheim zu fällen deiner Mutter Sohn. Dieß thust du. Schwieg’ ich nun, so dächtest du, Ich sei wie Du!“ (Psalm L.)

Wie mußte Jehova die fetten Opfer solcher Menschen ansehen, an denen sie es gewiß nicht fehlen ließen? — —

Noch schärfer ist die Rüge der Heuchelei, welche der Herr durch den Mund des Propheten Jesajas ergehen ließ: „Aus voller Kehle rufe! Halt dich nicht zurück! Erhebe, der Trompete gleich, die Stimme! Thue meinem Volke seine Missethat, und Jakobs Hause seine Sünde kund! — Zwar suchen sie mich Tag für Tag, und zeigen Lust, zu kennen meine Wege; gleich einem Volke, das recht gehandelt, und seines Gottes Vorschrift nicht verletzt, verlangen sie von mir Gerechtigkeit, und nähern sich der Gottheit dreist. Wir fasten, und warum siehst du es nicht? Warum merkest du es nicht, daß wir uns quälen? — Sehet! da ihr fastet, folgt ihr euerm Willen, und dränget alle eure Schuldner. Ihr fastet nur zum Streit und Hader, um euch mit ungerechter Faust zu schlagen. O fastet forthin so nicht mehr! Laßt nicht mehr Himmelan erschallen eure Stimme! Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, wenn einen Tag der Mensch sich quälet; wenn er sein Haupt, wie Schilfrohr, senkt, und sich auf Sack und Asche legt? Dieß nennest du ein Fasten; dieß einen Tag, Jehova angenehm? Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: Der Bosheit Ketten lösen, befreien von der Bürde Last, loslassen die Gefesselten und jedes Joch zertrümmern. Brich Hungerigen dein Brod! Die armen Flüchtlinge nimm auf ins Haus! Den Nackten, den du siehst, bekleide, und dem, der deines Fleisches ist, entziehe dich nicht! Dann bricht dein Licht wie Morgenrot hervor.“ (Jes. LVIII, 1–8.).

Alle Wahrheit wird nach der heiligen Schrift bestätiget durch zweier oder dreier Zeugen Aussage; darum soll Jeremias die Reihe der Zeugen Gottes gegen die Heuchler schliessen. Bei ihm steht geschrieben: „Höre, Erde! Ich will über dieses Volk Unglück bringen, die Frucht seiner Rathschläge, weil es auf meine Worte nicht gemerket, und mein Gesetz verschmähet hat. Wozu mir der Weihrauch, der von Saba, und der beste Kalmus, der aus fernem Lande kommt? Eure Brandopfer gefallen mir nicht, und eure Opfer sind mir nicht angenehm. — Verlasset euch nicht auf die lügenhafte Rede derer, die sprechen: Jehova’s Tempel, Jehova’s Tempel, Jehova’s Tempel sind diese (Gebäude)! — Sehet! ihr verlasset euch auf lügenhafte Reden, die euch nicht helfen werden. Wollet ihr stehlen, morden, ehebrechen, falsch schwören, dem Baal räuchern, andern Göttern, die ihr nicht kennet, nachlaufen, und dann kommen, und in diesem Tempel, der meinen Namen führet, vor mein Angesicht treten, und sagen: Wir werden gerettet werden — damit ihr alle diese Greuel fortsetzet? Ist denn dieser Tempel, der meinen Namen führt, in euren Augen eine Mördergrube? — Wie könnet ihr sprechen: Wir sind weise? haben das Gesetz Jehova’s! Fürwahr, in Lügen hat es der trügerische Griffel der Schriftgelehrten verwandelt. Die Weisen werden beschämt, bestürzt und gefangen werden. Das Wort Jehova’s haben sie verschmähet, und welche Art Weisheit bleibt ihnen übrig?“ (Jerem. VI, 19–20. VII, 4. 8–11. VIII, 8–9.).


Es gab also schon Heuchler vor den Pharisäern, so wie sie mit dem Erlöschen dieser Secte nicht ausgestorben sind. Aber wie entstunden die Pharisäer? Ihr Wesen ist Symbol ihrer Geschichte; diese liegt so im Dunkeln, daß man nicht einmal den Ursprung und Anlaß ihrer Benennung weiß, obwohl sich dieser Orden erst in dem Zeitraum zwischen der Wiedererbauung der Stadt und des Tempels und der Ankunft unseres Herrn bildete.

Die ersten Anläße mögen noch unschuldig genug gewesen sein. Sie scheinen in der bis zur Aengstlichkeit gestiegenen Strenge in Beobachtung und Einschärfung aller auch der kleinsten Dinge des Gesetzes ihren Grund zu haben. Je trauriger die Erfahrungen waren, welche man in dem Exil gemacht hatte, desto sorgfältiger war man darauf bedacht, der Nachlässigkeit in der Gesetzeserfüllung und der Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort, als den Hauptursachen alles Unglückes, entgegen zu arbeiten. Esra und Nehemia waren hierin mit rühmlichem Eifer vorangegangen; allein in ihrem Geiste wurde nicht fortgefahren. Immer pünktlicher und schärfer bestimmte kleingeistige Aengstlichkeit alle Formen, Gebräuche, Tage und Stunden &c. nur zu bald und zu leicht übersah man bei dieser gesetzlichen Frömmigkeit die Besserung des Herzens, die Mitwirkung reiner, heiliger Gesinnungen; man war mit dem Aeußern zufrieden, und kümmerte sich wenig um das Innere. Dazu trug die Art von Schriftauslegung, welche eben um diese Zeit aufkam, nicht wenig bei. Freilich, wer wird es tadelhaft finden, daß die Lehrer der wiederhergestellten Nation auf alle Weise und durch alle tauglichen Mittel das Ansehen der heiligen Schriften zu sichern, ihren Sinn genau zu bestimmen bemühet waren? Wer wird es ihnen zunächst verargen, wenn sie alte Sagen, Ueberlieferungen von Gebräuchen und Auslegungen zu diesem Behufe sammelten? Allein dabei blieben die Nachfolger nicht stehen; diese erhoben die Mischna — Sammlung von Lehren und Ueberlieferungen der Alten — zu gleichem Ansehen mit den heiligen Schriften, wollten alle Schrifterklärung nach diesem Maaßstabe geregelt wissen, und verbanden dann, um das Verderben zu vollenden, auch noch chaldäisch-babylonische und andere asiatische Lehren von guten und bösen Geistern, von Seelenwanderung, von Engeldienst, magischen Künsten &c. damit. Unmöglich war es, Entstellung und Verfälschung des wahren Sinnes bei der Schriftauslegung unter solchen Umständen zu vermeiden; und welche Folgen hatte dieß wieder für Religion und Sittlichkeit?