Allerdings fand das strenge Bestehen auf dem äussern und öffentlichen Bekenntnisse des Judenthumes einen wichtigen Entschuldigungsgrund in den grausamen Verfolgungen des Antiochus und in dem schändlichen Hange vieler Schwachen und Verkehrten in Israel zu griechischem Götzendienste. Allein diese Zeiten und Umstände dauerten nicht immer, und konnten es nicht rechtfertigen, wenn man dann aus Abneigung und Haß gegen Heidenthum und Heiden schon in der blossen äusserlichen Gesetzerfüllung etwas Verdienstliches sah, und sich vor dem Heiden glücklich pries, obwohl das Innere um nichts besser war.
Aus solchen Elementen entwickelte sich der Pharisäismus allmählich im Laufe der Zeit. Endlich erstarkte er so, daß er sich absondern, als eigene Secte darstellen und durch Kleidung und ihre Verzierung selbst dem Auge kenntlich machen konnte. Von jetzt an war der Einfluss dieser Parthei mächtig, und nur die Sadducäer konnten denselben beschränken, doch nur im Politischen. Auf Religiosität und Sittlichkeit des großen Haufens wirkte die blendende Außenseite dieser Frömmler über alle Vorstellung. Zwar fanden sich noch edle Männer unter ihnen; die Evangelisten nennen Nikodemus und Joseph; allein sie vermochten den Strom nicht aufzuhalten, um so weniger, da sie als Mitglieder des Ordens in den meisten Dingen den Uebrigen sich gleich stellen mußten.
Wundern wird man sich also nicht mehr, warum Jesus gegen die Pharisäer so schonungslos verfuhr; warum sein göttlicher Eifer entbrannte ihren Lehren und Thaten gegenüber, wenn man auch nur das reif und besonnen überlegt, was die heilige Schrift vom Wesen der Heuchelei uns gelehret hat. Aber staunen muß man über die langmüthige Liebe und über den hohen Ernst, womit unser Erlöser unabläßig daran arbeitete, den verborgenen Krebsschaden dieser Leute, wo möglich noch zu heilen oder wenn dieses durch ihre eigene Schuld nicht mehr angieng, denselben zur Warnung für Mit- und Nachwelt unverholen aufzudecken. Möge das Werk des Herrn an uns nicht verloren gehen!
I.
Johannes der Täufer, den Pharisäern gegenüber.[2]
Gottes Wort ergieng an Johannes, Zacharias Sohn, in der Wüste“ — und er trat auf, plötzlich, unerwartet, kräftig, wie sein Vorbild, Elias.
Das Volk strömt an den Jordan, sieht, höret, bewundert, staunet, wird erschüttert von dem Donner des nahen Gottesgerichtes, läßt sich taufen zur Sinnesänderung.
Der Ruf von ihm dringt in die Hauptstadt, erregt die Neugierde, wird Tagsgespräch. Viele machen sich auf, eilen an den nicht zu entfernten Fluß, um die neue Erscheinung mit eigenen Augen zu sehen. Manche kommen gerührt und gebessert zurück, Andere nicht; Alle erzählen von einem Manne — „angethan mit einem Kleide aus Kameelhaaren, einem ledernen Gürtel um seine Lenden; von einem Manne, der Heuschrecken und wilden Honig genießt.“ Der Inhalt seiner Predigt sey: „Aendert euern Sinn; denn das Himmelreich ist nahe!“
„Und das römische noch näher!“ — so mochte mancher eifrige Pharisäer dem Erzähler antworten — „Wozu ein himmlisches Reich, so lange das Volk Gottes unter dem römischen Joche schmachtet? Buße ist unnöthig; denn wir dienen weder Baal noch Astaroth, wie unsere Väter. Frei sollen wir sein; wer uns Befreiung verkündiget, oder noch lieber, bringt, der ist unser Prophet.“
Für Leute von solchem Sinne hatte Johannes zu wenig politisches Interesse, um gleich Anfangs ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Zu dem war man in diesen unruhigen Zeiten an sonderbare Auftritte ziemlich gewöhnt.