Bei Vielen unter dem Volke hatte aber doch der Gott dieser Welt die Herzen noch nicht so verdüstert, daß sie unfähig gewesen wären, einzusehen, der Täufer habe Gottes Wort und das Zeugniß ihres Gewissens für sich, wenn er sie um ihrer Lieblosigkeit, Habsucht und Ungerechtigkeit willen als zur Strafe reif betrachte. Er selbst war über jeden Tadel dieser Art erhaben, und bestätigte seine Lehre mit seinem Beispiele. Daher die großen Wirkungen seines Wortes.
Darin zeichnen sich alle Männer Gottes vor den Menschenkindern so sehr aus, daß sie hohe Würde mit reiner Demuth so unvergleichlich in sich vereinigen. Auch Johannes trägt dieses Siegel Gottes an sich.
Als eine heilsame Furcht vor einem nahen Gerichte die Nation durchdrungen, und die freudige Hoffnung des kommenden Gottesreiches in Vielen einen bessern Sinn angeregt hatte; als das Volk Schaarenweise an den Jordan strömte, um sich taufen zu lassen: da fanden es Pharisäer und Sadducäer rathsam, den Gang dahin ebenfalls zu thun. Was bewog sie denn dazu? Ohne Zweifel hatte Neugierde großen Antheil an diesem Schritte. Doch eben so viel wenigstens mochte die Sucht, beym Volke etwas zu gelten, beitragen; sie wollten, wenigstens die Pharisäer, nicht die Letzten seyn, die sich bei dem neuen Propheten einfanden. Im Hintergrunde aber lag noch eine geheime Furcht vor göttlichen Strafen, die sich ihrer bei der allgemeinen Erschütterung unwillkührlich bemächtigte, weil ihr Gewissen gegen sie zeugte. Endlich trieb sie Neid und Eifersucht an, die Absicht des neuen Lehrers kennen zu lernen, der so viel Aufsehen erregte, und so großen, für sie kränkenden Beifall fand.
Wer sieht sie nicht kommen? Mit gemessenem Schritte in Achtung gebietender Haltung, das Gesicht in frömmelnde Falten verzogen, im Blicke eine Mischung von Kriecherey und Stolz — so schreiten die Herren durch das Volk, und treten vor den Täufer. Dieser aber entdeckte bald die Wölfe, welche sich in Schaafspelze verkrochen hatten. Ohne sich durch ihre Gegenwart und durch ihre hohen Mienen im geringsten schrecken zu lassen, behauptete er sein Ansehen als Prophet und machte von dem Rechte, das ihm der göttliche Auftrag gab, einen so nachdrücklichen Gebrauch, daß sie das ganze Gewicht seiner beschämenden Strafrede unangenehm genug zu fühlen bekamen. Er zeichnet ihren Charakter von der schlimmsten Seite mit Einem Zuge: „Natternbrut!“ Damit deutet er auf das Gift ihrer Lehre, auf die Tücke ihres Herzens, auf die Gefahr für gute Menschen von ihrer Seite, auf ihre schlaue Furchtsamkeit, welche er sogleich noch besonders, aber gar nicht zu ihrer Empfehlung heraushebt. Mit Gottes Allmacht schlägt er ihre falschen Schlüsse: „Wir haben Abraham zum Vater;“ also sind wir Gottes Volk, und folglich Erben des Reiches mit dem Messias. Die Hauptsache war in ihren Augen, als Jude geboren — beschnitten — erzogen zu sein; der Zustand des Herzens wurde wenig berücksichtiget. Sie pochten auf Aeußerlichkeiten und auf einen religiösen Ahnenstolz, ohne eigenen Werth zu haben. War dieß nicht die gefährlichste, verderblichste Heuchelei?
Mit dieser gewaltigen Kraft, mit diesem überwiegenden Ansehen, eines Elias würdig, steht in wunderbarem Kontraste die Bescheidenheit und Demuth, mit welcher er vor dem Volke, das ihn für den Messias zu halten geneigt war, unaufgefordert erklärte: Zum Messias verhalte er sich wie der geringste Sklave zu seinem Herrn; seine Kraft reiche an die des Stärkern nach ihm so wenig, als reinigendes Wasser an läuterndes und belebendes Feuer.
Vergleiche den großen, demüthigen, edeln Johannes mit den hochfahrenden, kriechenden, listigen Pharisäern — und lerne!
Mit nichts kann man den Heuchler gewisser zur unversöhnlichsten Rache aufreizen, als durch Aufdeckung seines Innern. Dieß erfuhr auch der Täufer. Er hatte den geheimen Stolz der Pharisäer aufs empfindlichste gekränkt; denn sie bildeten sich auf ihre Frömmigkeit und Gottseligkeit nicht wenig ein. Darum sannen sie darauf, wie sie ihm die erlittene Schmach siebenfach vergelten könnten. Leidenschaft macht scharfsinnig; und so fanden sie bald ein treffliches Mittel, ihren Zweck zu erreichen. Johannes hatte sein Amt ohne Wissen und Wollen des Synedriums angetreten; er handelte und lehrte eigenmächtig, wie ein Prophet, ohne seine göttliche Sendung durch ein Wunder zu beweisen; konnten die Väter des Volkes da nicht mit vollem Rechte die Frage aufwerfen: Ob Johannes auch nur ein Prophet sey? Schwerlich war ihnen in diesem Augenblicke eine Vorschrift des Gesetzes erwünschter, als die, welche ihnen das Recht gab die Ansprüche auf die Prophetenwürde zu untersuchen. Welch’ ein blendendes Aushängeschild für ihren Racheplan! Dabei nahmen sie ihre Maaßregeln so, daß es weder an gesetzlichen Formen, noch an feierlichem Pompe fehlen sollte. Sie beschlossen, eine förmliche Deputation von Priestern und Leviten — an den Jordan zu schicken, und dem Täufer öffentlich eine kurze und bestimmte Erklärung über sein Vorhaben und Benehmen abzufordern.
Man müßte für Johannes zittern, wenn die Pharisäer an ihm ihres Gleichen vor sich gehabt hätten. Allein wer seiner guten Sache gewiß ist; wer mit reinem Herzen der Wahrheit aus Gottes Munde huldiget; wer mit redlichem Sinne den Menschen zugethan ist, der vereitelt solche Ränke entweder geradezu durch sein einfaches, schlichtes Reden und Thun, oder wenn er unterliegt, so ist selbst sein Tod ein neuer Sieg für die Wahrheit, welche triumphierend aus seinem Grabe aufersteht. Der Täufer gerieth nicht in ihre Schlinge. Vielmehr setzte er ihrer Schlauheit wahre Klugheit, ihrer Verstellung arglose Aufrichtigkeit, ihrem Stolze ungekünstelte Demuth entgegen; er behandelte sie, als Gesandte des Synedriums, mit der ihrem Range gebührenden Achtung; machte ihnen nicht den leisesten Vorwurf; antwortete auf jede Frage bescheiden, kurz und wahr; rechtfertigte seine Predigt und Taufe mit einer Stelle des Jesaias, fügte eine eigene Weissagung dazu — und ließ sie unverrichteter Dinge mit einem Stachel im Herzen abziehen, ohne daß sie Scham oder Verdruß sich durften ansehen lassen.