Wer es beherzigen will, wird hier lehrreiche Winke darüber finden, theils wohin Heuchelei führe, theils wie man derselben am besten begegnen könne und soll.
Was werden sich die abgeschickten Priester und Leviten nicht eingebildet haben auf dem Wege? Wer sie gekannt hätte, der hätte den gewissen Sieg schon auf ihren Gesichtern lesen können. An ernster Amtsmiene und an imponirendem Tone ließen sie es wohl auch nicht fehlen; die heilige Sache forderte es so.
Aber der Ausgang der Sendung belehrte sie eines Andern. Welche Gefühle regten sich in ihren Herzen auf dem Rückwege? Was sagten die Alten zu Jerusalem? Welch’ ein Schlag, sich in ihren süßesten Erwartungen so getäuscht zu sehen! Und doch war es nicht zu ändern! Was blieb ihnen nun noch übrig? Immer noch ein ächtes und kräftiges, solcher Scheinheiligen würdiges Mittel — den Täufer zu lästern und zu verläumden. Sie, die auf öffentliche Selbstkasteiung sonst so viel hielten, schämten sich jetzt nicht, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, und gerade das an Johannes zu tadeln, was ihm als Bußprediger so gut anstund. „Er hat einen Teufel!“ d. h. er ist ein Narr, ein Schwärmer, ein gefährlicher Mensch. Dieß bewiesen sie aus seinem Aufenthalte in der Wüste mit seiner Kleidung und Kost, durch seine mit den Erblehren nicht harmonirende Sittenlehre u. s. w. Man denke sich dazu eine warnende Miene, frömmelnde Gebehrden, eifriges Amtsgesicht, breite Gelehrsamkeit und Redekünste; und man wird sehr leicht berechnen, daß es Manchen irre machen mußte, der gewohnt war, den weisen und frommen Vätern Alles auf ihr Wort zu glauben. (Matth. XI, 18).
Doch fanden diese Verläumdungen nicht überall so leicht Eingang; denn beim Volke hatte die Ueberzeugung, Johannes sey ein Prophet, zu festen Fuß gefaßt. Sobald sie daher merkten, daß sie den großen Haufen, das „Erdenvolk“ in ihrer Sprache, unwillig machen würden, so zogen sie sich zurück, verstummten, sprachen zweideutig von dem Täufer, und verbargen ihren Ingrimm. (Matth. XX, 26. Luk. XX, 6.)
Ein solches Betragen bedarf doch wohl keines Commentars!
II.
Nathanael.[3]
Dieser ist ja kein Pharisäer, wird man sagen! Wohl wahr; aber Blick kann er uns geben in das, was Pharisäismus ist, durch den Gegensatz, den er mit demselben bildet.
Jesus selbst drückt seine Freude über Nathanael sehr lebhaft aus: „Siehe da, ein wahrhaftiger Israelite in dem kein Falsch ist!“ So freuet sich ein biederer Mann, wenn er einen Redlichgesinnten findet. Unserm Herrn wallet das Herz auf bei einem solchen Anblicke, und aus der Fülle seines Herzens fließt ein seltner Lobspruch. Wie menschlich schön erscheint hier Jesus!