„Aber Nathanael hegte ja ein Vorurtheil gegen Nazareth!“ Was schadet dieses seinem antipharisäischen Charakter? Wer sein Vorurtheil so offenherzig gesteht, und so bereitwillig ablegt, sobald sich ihm die Wahrheit zeigt, der ist das gerade Gegentheil eines Heuchlers, und so war es bei Nathanael! Ein leichter Morgennebel kann nicht schneller von der hervorbrechenden Sonne zerstreuet werden, als Nathanaels Vorurtheil gegen den Zimmermannssohn aus Nazareth bei den Worten Jesu. Deutlich bewies er, daß dieser dunkle Flecken nur an der Oberfläche haftete, der Grund seiner Seele aber von Wahrheitsliebe glühte.

Wahrheit galt bei ihm, nicht Person, nicht Ort, nicht Zeit — — und Jesus sah dieß, und belohnte es überschwenglich. Dieser Jesus lebt noch; möchte er recht Viele zu belohnen finden!

III.
Jesus stellt pharisäischen Unfug im Tempel ab.[4]

Der Heuchler kann immer mehr, als andere Leute; er besitzt das gewiß seltene Geheimniß, Widersprüche zu vereinigen. Ist es möglich? Die That beweiset es. Wer war frömmer in den Augen der Menschen; wer pünktlicher in der Gottesverehrung als ein Pharisäer? Sie galten für Muster in diesem Punkte. Und doch duldeten sie zur Zeit der großen Feste einen Unfug im Tempel, daß Jesus gleich im Anfange seines Lehramtes sich für verpflichtet hielt, demselben mit allem Eifer und Nachdrucke zu steuern. Wäre dieß von ihrer Seite möglich, und von Seite Jesu nothwendig gewesen, wenn sie sich an den Geist, und nicht bloß an die Form der Religiosität gehalten hätten? So aber gieng ihnen Opfergepränge und herrliches Ceremoniel über Alles. Darum mußte für die Festpilgrimme jeder Schritt erleichtert werden, damit ja kein Opfer zurückblieb. Ihr Gott war wie sie; er ließ sich durch Gaben und fettes Opfervieh seine Gunst abkaufen, und sah wenig oder gar nicht auf das Herz des Gebers.

Einen solchen Gott hatten sie um so nöthiger, da sie schlau genug waren, mit seiner Verherrlichung ihren eigenen Vortheil recht enge zu verbinden. Man wird der Ehre dieser Leute kaum zu nahe treten, wenn man annimmt, daß mancher Denar als Budenzins, von den Opfervieh-Händlern und Geldwechslern den Priestern und Leviten in den Beutel fiel. Sollten sie nicht auch diese Sümmchen zur Ehre Gottes recht genau eingetrieben haben? Gewiß, ohne Interesse wären sie nicht so nachsichtig gewesen.

Ueber dieß war es ja nur der Vorhof der Heiden, in welchem der Unfug getrieben wurde. An den Unbeschnittenen aber konnte man sich, nach pharisäischer Lehre so leicht nicht versündigen; Beschneidung und Rechtgläubigkeit ertheilten in solchen Fällen ein eigenes Privilegium. Solche Unterscheidungen sind in dem Wesen der Heuchelei gegründet.

Je verkehrter das Herz dieser Leute war, desto sinnreicher wurde der Kopf in Erfindung von Schutzmitteln für ihre Werke der Finsterniß. Unrecht konnten sie Jesus geradezu nicht vorwerfen; denn die Unordnung war zu auffallend, und die muthige Handlung unseres Herrn fand bei Bessergesinnten ohne Zweifel lauten Beifall. Wie sollten sie nun ihre Amtsehre retten? Sie versuchten es auf eine feine Weise, indem sie der Sache eine andere Wendung gaben, und Jesus beschuldigten, er habe einen Eingriff in fremde Rechte gethan. Eine solche unbefugte Handlung konnte er, nach ihrer Meinung, nur durch ein Wunder rechtfertigen. Dazu hielten sie ihn für unfähig, und so waren sie des Sieges gewiß. Schade nur, daß eine Weissagung, also Vertagung ihres Prozesses, Alles verdarb!

Wie traurig sieht es im Innern des Heuchlers aus! Pflanzen der schlechtesten Art — Frömmelei, Eigennutz, Verachtung Anderer — wuchern ungestört. Will Jemand dieses Unkraut ausreuten, so begeht er ein Verbrechen.

IV.
Gespräch mit einem Pharisäer besserer Art.[5]