Jesus und Nikodemus! Ein vielfach behandelter Stoff. Wir wollen hier einzig den Gesichtspunkt da nehmen, wo ihn uns die Worte anweisen: „Es war ein Mann unter den Pharisäern, Nikodemus mit Namen ein Vornehmer unter den Juden; dieser kam in der Nacht zu Jesus.“ —
Also Nikodemus war ein Pharisäer; dieser kam zu Jesus, aber des Nachts! Schon der letzte Umstand ist auffallend; wie viel mehr die erstern? Nikodemus hätte doch wohl auch bei Tag zu Jesus kommen können — wenn er nur die Mitglieder seines Ordens nicht gefürchtet hätte. Wirklich war auch ihr Haß gegen den neuen Propheten aus Nazareth schon in den ersten Tagen seines öffentlichen Lebens so weit gestiegen, daß Nikodemus nicht wenig hätte wagen müßen, wenn er bei Jesus öffentlich einen Besuch gemacht hätte. Noch ließe sich freilich auch denken, die weise Zurückhaltung, welche Jesus schon damals beobachtete (Joh. II, 23–25.) habe es ihm erschwert, ihn am Tage zu sprechen. Auf jeden Fall ist es lehrreich, daß Jesus den nächtlichen Besuch annahm — ohne die geringste Bemerkung über heuchlerische Menschenfurcht zu machen, oder sich zu entschuldigen &c. Wie viel hätte ein blinder Eiferer schon daran auszusetzen, oder scheinheilig zu loben gefunden?!
Jesus freute sich darüber, daß Nikodemus zu ihm kam. Zeugte es nicht von Wißbegierde besserer Art, daß er Jesus aufsuchte? Ließ es nicht ein gutes, empfängliches, Wahrheit suchendes Herz vermuthen? und giebt der Edle nicht gerne einer solchen Vermuthung Platz? Gewiß eben so schnell, als der Heuchler dem Argwohn, weil in seinem Innern ein Schelm wohnet.
Aber Nikodemus war ja ein Pharisäer! — Als er hingieng, allerdings; als er zurückkam, nicht mehr (Joh. VII, 50–52. XIX, 39.) Er ward ergriffen von der Wahrheit aus Gott, und wurde wiedergeboren, so wenig er sich auch Anfangs darein finden wollte. Doch gar so leicht mag es nicht abgegangen seyn; „der Mann war schon alt“ — und mit ihm der Pharisäer. Dieser wich schwerlich so schnell von seiner Stelle. Vergegenwärtigen wir uns nur seine erste Nacht! —
Nikodemus kommt nach Hause; die Seinigen sind schon in sanften Schlaf gesunken; Er — Kopf und Herz voll Gedanken und Gefühle ganz neuer Art — wirft sich auf sein Lager, und überdenkt noch einmal das äußerst merkwürdige Gespräch:
„Dieß war der wichtigste Gang in meinem Leben! — Vieles und Großes hatte ich von diesem Jesus erwartet; aber unendlich mehr habe ich gefunden. — Wie einfach, wie offen, wie zwanglos war gleich der erste Zusammentritt! Schon dieß gewann mein Herz, spannte meine Erwartung. — Aber noch staune ich, noch kann ich mich nicht recht finden in das, was er vom Reiche Gottes und von der Bedingung der Aufnahme in dasselbe sagte — nur sagte? Nein! mit einem Ernste und mit einem Nachdrucke festsetzte, daß er unwiderstehlich war, so sehr sich auch mein Kopf dagegen setzte — noch setzet. Wie so gar nichts von Allem, was unsere Schule vom Reiche des Messias als wesentlich lehret, liegt in seinem einfachen Begriffe vom Reiche Gottes! Nicht das Land der Verheißung, nicht die große Stadt, nicht die Unterjochung der Völker, nicht die Pracht und Größe des Königs, nicht die Herrlichkeit seines Volkes — nur Gott und seine Regierung hebt er heraus. Es ist so wahr, so geistig, so erhaben — aber wie sieht es mit der Lehre unserer Alten aus? — — Wiedergeboren werden! Sonderbar! Leiblich kann und will er es nicht verstanden wissen — und geistig —, welchen Sinn, welchen Zweck hat es? — Was vom Fleische geboren ist, ist Fleisch; was vom Geiste geboren wird, ist Geist! Was will er damit sagen? Soll uns etwa leibliche Geburt — Abstammung — selbst von Abraham nichts nützen? Keinen Anspruch auf das Reich des Messias geben? — Eine ganz neue, unerhörte Lehre! — — Aber warum dringt er denn so auf Wiedergeburt aus Wasser und Geist? Wie hängt dieß mit Gottes Reich zusammen? — Nikodemus! du bist grau geworden als Lehrer; aber darin wirst du dich nicht leicht zurecht finden — doch jetzt will es Licht werden! Sollte die geistige Wiedergeburt nicht auf Gottes Geistigkeit Bezug haben? Kann Gott andere als geistige Kinder an den Menschen haben? Sind wir dieß? Sind wir es von Abraham her? Wie können wir es anders werden, als durch geistige Umwandlung, durch Aenderung des irdischen Sinnes und Herzens? — nun wird mir auch das Wasser begreiflich; sollte er damit nicht gar auf den Johannes am Jordan anspielen? — Aber diesen hat ja das Synedrium verworfen! Ferner ist es eine Hauptlehre: Jeder Nachkömmling Abrahams sei Erbe des Reiches Davids! Wozu also Sinnesänderung, Wiedergeburt, Erneuerung des Israeliten? Hier liegt der Knoten; hier der Stein des Anstoßes an dem entweder mein System, oder mein Glauben an Jesus sich zerschellen muß. — Lehrer Israels? alter, allgemein verehrter Rabbi! jetzt stehest du auf dem Punkte, Alles, was du bisher für wahr und gut und rühmlich hieltest, fahren lassen zu müssen, um der Wahrheit, wie sie von Gott kommt, zu huldigen! — Ist es aber auch göttliche Wahrheit, was Rabbi Jesus mir vortrug? Eine stille, innige Ahnung davon steigt in mir auf; ein tiefes Gefühl im Innersten sträubt sich gegen alle Zweifel. — Unbegreiflich war und ist mir freilich die Wiedergeburt! Das ist es aber gerade, was Jesus behauptet. Sein Bild vom Winde — wie passend, wie wahr, wie tief! Wer will Gott auf der That ertappen, ihm den Weg ausspähen, seine Gedanken errathen? Daran hat er recht. — — Ewig, ewig kann ich die Worte nicht vergessen: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Ich rede, was ich weiß, und bezeuge, was ich gesehen habe. Dieß ist das Siegel auf alles Sonderbare, Neue, Unbegreifliche, was er sagte. Mit welcher Zuversicht und Bescheidenheit, mit welcher Würde und Milde sprach er dieß. Nein! ein solcher Mann kann nicht lügen — Nein! seine Thaten auf dem Feste verkündigen diese Hoheit. Ihm glaube ich es, daß er vom Himmel kommt; daß er dort war — daß er — der Messias ist! — — Ja, wenn er nur vom Hause Davids wäre! Wenn man sein Geschlecht, wenn man Bethlehem, als Geburtsort, nachweisen könnte! Wenn auch nur eine Spur der Königlichen Würde und Herrlichkeit sich zeigte! Aber Wunder und hohe Lehren machen ihn noch nicht zum Sohne Davids, zum Retter des Volkes Gottes aus der Gewalt seiner Feinde. Er sieht auch gar nicht so aus, daß er das Schwerdt ziehen und führen könnte. Für Gott eifert er; das sahen wir; aber sonst ist er lauter Friede, Güte und Liebe. — Doch nennet er sich den Sohn, welchen Gott in die Welt gesandt habe! Also will er doch der Messias sein!? Und noch dazu für die ganze Welt! Immer räthselhafter, immer dunkler! Wo bleiben denn die Vorrechte des Volkes Gottes, wenn er sogleich auf Ein Mal auch alle Heiden samt den Juden selig machen will? — Da liegt meine ganze Lehre vom Messias am Boden! Da rathe mir, wer da kann! Der muß aber dann auch das noch dunklere Räthsel von Moses’ Schlange lösen. — — — O Gott meiner Väter! siehe herab auf deinen armen Knecht, der dich und deine Wahrheit suchet! Meine Seele ringet in mir, mein Herz schmachtet dahin, zu glauben an den, der sich deinen Eingebornen nennet, der so große Werke thut. Erlöse mich aus der Nacht der Zweifel! Laß mich nicht länger in der Finsterniß wohnen, die das Herz verderbet! Führe mich dem heitern Tage der Wahrheit entgegen damit dir meine Werke gefallen! Erhöre mein heißes Flehen, Jehova!“ — —
So betete Nikodemus, fiel erschöpft in tiefen Schlaf, erwachte gestärkt und froh, und wandelte in der Stille nach dem Geiste der Lehre Jesu.
V.
Jesus in der Synagoge zu Nazareth.[6]
Nichts verfinstert die Köpfe so sehr; Nichts erzeugt mehr Einseitigkeit und Unduldsamkeit im Denken; Nichts vertilgt die Liebe unausbleiblicher — als Heuchelei. Gilt dieß schon bei Gebildeten, so werden die Folgen noch verderblicher für die Menschheit, die Ausbrüche noch scheußlicher für Einzelne, wenn das Volk, von heuchlerischen Lehren angesteckt, die Religion und Wahrheit bloß nach Aeußerlichkeiten beurtheilt und schätzt; nur an Formen und Worten klebt; Glauben von Liebe trennt — und im Gotteshause heilige Komödie spielt. Die Nazarethaner liefern ein anschauliches Beispiel.