Jesus hatte sein öffentliches Lehramt begonnen; er trat in den Synagogen auf, hielt Vorträge, die ungemeinen Beifall fanden, und bestätigte in und außer den Synagogen seine Lehre mit Wundern. Allgemein und laut erscholl der Ruf von dem neuen Lehrer und Wunderthäter. Endlich kam er nach Nazareth. Als armer und unbescholtener, aber sonst wenig bekannter, Zimmermannssohn hatte er das Städtchen vor wenigen Wochen verlassen — und jetzt kam er als Prophet zurück. Welch’ ein Abstand! Wie muß dieß die Kleinstädtische Neugierde gespannt haben?! — Es ist Sabbat; Jesus besucht die Synagoge; Alle drängen sich herbei; er deutet eine der geistreichsten Weissagungen vom Messias mit eben so viel Bescheidenheit als Nachdruck auf sich. Man lobt, man bewundert den trefflichen Redner; übersieht aber die große Wahrheit. Noch sind Alle von Erstaunen ergriffen — und schon fangen sie an, sich an seiner geringen Herkunft zu ärgern. Wie schnell und leicht doch die Nazarethaner die Sache über der Person vergessen! „Ist er nicht der Sohn Josephs?“ — Allein hinter der schon an und für sich engherzigen Rede lag noch etwas ganz Anderes versteckt; und darauf antwortete eigentlich der Herzenskenner. Beleidigter Stolz war es, was ihnen den „Zimmermannssohn“ ins Gedächtniß rief. Jesus hatte es groß übersehen, daß er die Fülle seiner Gotteskräfte nicht zuerst in Nazareth auskramte — mehr verlangten sie auch nicht; denn belehrt und gebessert wollten sie nicht werden, aber gekitzelt und unterhalten. — Noch größer war das Versehen, daß Jesus auch jetzt, da er so spät eintraf, noch keine Anstalt machte, Wunderdinge zu verrichten. „War er mit Einem Male so vornehm geworden? Achtete er seine Landsleute weniger, als Fremde? Sollte er ihnen nicht gerade die stärksten Proben seiner Wunderkraft vorlegen?“ — Und er that es nicht — der Sohn Josephs! — — Noch mehr! Er hatte die Kühnheit, ihr Verlangen zu tadeln, und ihr Betragen so verwerflich zu nennen, wie das der Israeliten zu den Zeiten Elias und Elisa. Er gab zu verstehen, daß er ihnen weniger Glauben an Gottes Wort und Kraft zutraue, als den Heiden. Bewiesen sie es nicht durch ihr Betragen? Allein welchen Sturm erregte diese ernstliche und wohlgemeinte Zurechtweisung! Sie wollten einen Gegenbeweis führen, wie ihn alle Mal derjenige führet, welcher der Wahrheit bei einem bösen Gewissen mit triftigen Gründen nicht widerstehen kann, und doch Recht behalten will. (Luk. IV, 14–29.)

VI.
Die Bergpredigt.[7]

Rein antipharisäisch ist der Geist und Ton dieser unübertrefflichen Rede. Vorzüglich geben einige Stellen Anlaß, der Heuchelei so eigentlich von mehr als Einer Seite auf den Grund zu sehen, und allgemein wichtige Bemerkungen zu machen; wie denn auch Jesus gewiß eben so gut die künftigen, als das damalige ehebrecherische Geschlecht im Auge hatte.

Schon die erste Stelle (Matth. V, 19–20.), in welcher er die Pharisäer und Schriftgelehrten ausdrücklich nennt, enthält eine tief gehende Lection. Die Pharisäer lehrten wohl das Gesetz Moses recht genau; aber sie übertraten es leichtsinnig. Bei ihnen war also Wissen und Thun getrennt, Kopf und Herz entzweiet; darin erkannte Jesus das charackteristische Merkmal der Heuchelei. Er gab aber diesem Ausspruche eine für alle Zeiten passende Form, weil dieser Doppelsinn ein Grundzug des menschlichen Verderbens ist. Nichts wird uns leichter, als schön, sittlich, fromm zu reden, zu ermahnen, zu trösten; Nichts schwerer, als edel, uneigennützig, gottesfürchtig zu handeln. Wir dünken uns noch dazu, etwas Großes zu sein, wenn wir einen so hohen Ton anstimmen; dabei sind wir erfinderisch, unsere Vergehen zu verkleinern oder gar wegzuvernünfteln. Wie klein müssen wir in den Augen unseres Erlösers sein, der nur diejenigen wahrhaft groß nennt, welche Wort und That mit einander verbinden! Möchten wir uns doch nie den Vorwurf machen dürfen, daß unsere „Gerechtigkeit nicht besser sei, als die der Pharisäer!“


Ueberall trennt der Heuchler, was Eines sein soll; nicht nur Lehre und Thun setzt er in Widerspruch; auch in die Lehre trägt er die Spaltung, welche sein Inneres zerreißt, hinein. Er klebt am Buchstaben, und vernachläßiget den Geist, wenn er Gottes Wort deutet; uneingedenk, daß der Urheber desselben Geist und Leben ist. Dabei hält er sich noch für weise, und beruft sich mit vielsagender Miene auf „die Alten.“

„Du sollst nicht tödten!“ — so betete der Schriftgelehrte Moses nach, und blieb beim leiblichen Morde stehen. Fremd, unverständlich, ja ärgerlich kam ihnen darum gewiß die Auslegung vor, welche Jesus von diesem Verbote machte — und welchem schriftgelehrten Silbenstecher ist sie es nicht noch heut zu Tage?

Jesus drang auf die Gesinnung ein, welche bei einem Menschenmörder herrschend werden muß, bevor er zu der gräßlichen That schreitet. Diese bösartige Stimmung des Gemüthes, diese verkehrte Richtung des Willens fand Er schon in ihren ersten Anfängen so strafbar, und in ihren Fortschritten noch strafbarer als die Gesetzerklärer seiner Zeit den Mord. Dieß lag in dem Geiste des Gesetzes.

Nur so wird es begreiflich, warum er es als genauere Erklärung und schärfere Bestimmung des den Alten bekannten: „Du sollst nicht tödten,“ angeben konnte, wenn Er sprach: „Wer über seinen Bruder zürnt ohne Ursache“ &c.