Nicht das Zürnen überhaupt verbietet Jesus; denn erkannte das Wesen und das Verhältniß menschlicher Kräfte des Herzens und Willens zu gut, als daß er Widernatürliches gebieten, und die Kraft und den Eifer des für das Wahre und Gute begeisterten Mannes hätte lähmen können. Zürnte doch Er selbst! (Mark. III, 5. Joh. II, 15–16. Mark. VIII, 17–18. Matth. XXIII &c.) Nur grundlos, unbegränzt, unangemessen sollte der Unwille nicht sein; dieß wird er aber, sobald der Mensch der Eigenliebe, der Sinnlichkeit, und dem Bösen auf irgend eine, wenn auch die feinste Weise huldiget. Solchen Zorn setzt Jesus einem schweren Vergehen gleich, und hatte er daran Unrecht? Freilich die Pharisäer werden darüber bittere Glossen gemacht, wohl auch gespottet haben. Heut zu Tage haben die Meister in Israel zu viel Achtung vor dem Sohne Gottes, um sich so zu vermessen; sie beugen ihr Haupt tief — und verkehren seine göttliche und rein menschliche Lehre in eine erschlaffende Heuchellehre läppischer Sanftmuth — oder besser, charackterloser Schwäche. — Wer von den sogenannten Asceten viele gelesen hat, wird dieß bestätigen.
Nicht umsonst vergleicht David so oft die Zunge mit „Dolchen und Pfeilen;“ er hatte dieses gefährliche Werkzeug mehr als Ein Mal durch traurige Erfahrung kennen gelernet. Die Zunge eines feindlichen Heuchlers ist ein wahres Mordinstrument. Darum erklärte Jesus einen solchen Gebrauch der Zunge für ein dem Todtschlage gleiches Verbrechen. Wie werden die Pharisäer über diese neue Auslegung des Gesetzes in Erstaunen und Aerger gerathen sein! Sie machten sich wenig daraus, ihren Nebenmenschen um Ehre und Zutrauen zu bringen, sobald er ihren Planen und Vorurtheilen oder ihrem Eigennutzen im Wege stund. Johannes und Jesus sind sprechende Beispiele. — Aber darum segne sich nicht so leicht Jemand! Diese Verirrung liegt dem menschlichen Herzen näher, als man glaubt. Unerschöpflich ist die Sophistik der Eigenliebe an Gründen, warum man die Ehre Anderer nicht schonen dürfe; und nicht selten schmückt sie sich — empörend genug — mit Liebe Gottes und des Nächsten!!!
Eitler Stolz auf die einzig wahre Gotteserkenntniß blähte die Juden damals auf; und so sehr sie den Namen des Gottes Israels mit ihren Thaten schändeten, so waren sie doch stets bereit, Heiden, Samariter und anders Denkende überhaupt, selbst Abkömmlinge Abrahams auf die empfindlichste Weise zu verunglimpfen. Gewiß ein ächter Zug eines festsinnigen und lieblosen Rechtglaubigen! — — So Etwas zu billigen, wie die Pharisäer, war Jesus so weit entfernt, daß er sich auf eine wahrhaft furchtbare Weise dagegen erklärte. Wer ohne die vollgültigsten Gründe, aus Verdammungssucht, bei eigener Kälte gegen Gott, seinen Nächsten für einen Thoren, d. h. für einen Gottesleugner, Ketzer &c. erklärt, der ist dem menschenfreundlichen Erlöser ein größerer Greuel, als jeder Mörder — Jesus findet ihn so verwerflich, wie die dem Moloch verbrannten Menschenopfer. Ein schreckliches Wort!
„Gehe hin, und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder!“ —
Wie doch Jesus allen Rechtglaubigen so geradezu widersprechen, und eine so ärgerliche Lehre unumwunden vortragen kann! Gelten also ihm Menschen mehr, als Gott? Müssen die Pflichten der Nächstenliebe der Liebe zu Gott vorgezogen werden? Ist Versöhnung mit Sündern besser, als Opfer? Welche neue Lehre! welche nachtheilige Folgen wird sie haben für Priester und Leviten, welche doch Gott eingesetzt hat? — Solche Rede war einem Pharisäer damals natürlich; und eben so natürlich die Seligpreisung, daß er diese gefährliche Lehre durchschaute.
„Wie täuschte er sich in seiner Heuchelei!“ höre ich rufen. Ja wohl! Wenn nur diese Täuschung, und mit ihr auch die Ursache, jetzt verschwunden wäre! Zwar hat Christus unter denen, die sich nach seinem Namen nennen, so viel Ansehen, daß sie ihn nicht tadeln, wenn er von Opfern nichts wissen will, welche mit unversöhntem Herzen gebracht werden; aber der Prediger soll „diese harte Lehre“ nicht zu oft, nicht zu eindringend, nicht zu genau einschärfen. Die Zuhörer fühlen sich gestört in ihrer bequemen Gottseligkeit, welche dem „Herrn Himmels und der Erde“ huldiget mit reichen Gaben, um seine Unterthanen ungestraft quälen zu können, um ihre Rachsucht zu kühlen, um ihre Habsucht zu befriedigen u. s. w. u. s. w. Noch andere Leute finden solche Lehren für ihr Amt, für ihre Existenz, also für die Religion gefährlich und höchst bedenklich — — Hat denn Jesus zu allen Zeiten Pharisäer, mit und ohne diesen Namen, gegen sich und sein Wort?
Man darf im alten Testamente nicht sehr bewandert sein, um zu wissen, daß trotz allen gesetzlichen Vorschriften doch häufig und ernstlich genug auch auf das Herz gewirket, auf heilige Gesinnung gedrungen wird. Desto mehr befremdet es, wenn man sieht, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer gar so Geistesarm waren und sklavisch am Buchstaben hiengen. Es war dieß die natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihres der reinen Wahrheit aus Gott nicht empfänglichen Herzens. Der Kopf allein, wenn er noch so tief- und scharfsinnig, noch so sehr mit allem Rüstzeuge theologischer Gelehrtheit versehen ist, schließt die heilige Schrift nicht auf. „Sohn, gieb mir dein Herz!“ Dieß ist die erste und unerläßliche Bedingung. — Moses hatte es als Gebot Gottes aufgezeichnet: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Die Pharisäer bestimmten den Fall; setzten Strafen fest; wachten über die äußere, grobe That, und liessen das Herz leer ausgehen. Wie ganz anders geht Jesus zu Werke! Er will jede unerlaubte, wenn auch noch so unentbehrlich scheinende Begierde schon im Keime erstickt wissen. Ein lüsterner Blick ist nach seiner Lehre — und diese ist ewige Wahrheit — so strafbar vor Gott, als die That.