Sicherer und fester kann der Heuchelei der Weg kaum versperret werden, als auf diese Weise. Es ist aber kaum irgendwo nothwendiger, als in diesem Stücke; denn kein Trieb liegt tiefer, keiner wirkt mächtiger, keiner nimmt mehrere und feinere Gestalten an, als sinnliche Liebe. Nichts wird leichter übersehen, gewissenloser und sophistischer entschuldiget. Nirgends erlaubt sich der Mensch in und ausser der Ehe mehr, als hierin — zu allen Zeiten! daher das durchgreifende strenge Gebot unseres Erlösers.
Ein wahrer Schlangenzug im Charakter der Heuchelei ist dieser, daß sie es so trefflich versteht, die Gebote Gottes zur Entschuldigung ihrer gröbsten Verbrechen zu benützen. Wie fein war nicht die Wendung, mit welcher gleißende Wohllüstlinge die göttliche Nachsicht in dem Gebote: „Wer sein Weib entläßt, gebe ihr einen Scheidebrief“, für sich anwandten, und eine Erlaubniß, sein Weib aus jeder beliebigen Ursache zu entlassen, herauserklärten? Wenn irgend einmal, so verräth sich gewiß hier das arglistige Herz, welches seine bösen Lüste hinter religiöser Maske verbirgt. Möchte doch dieß die letzte Schrifterklärung dieser Art gewesen sein!
Beim Himmel! — Bei der Erde! — Bei Jerusalem! — Bei meinem Haupte! — so schwur der Jude dem Heiden. Dieser, nur einigermaaßen gewissenhaft, traute jenem; denn er hatte Ehrfurcht vor diesen Gegenständen. Jener hielt sein Wort nicht, weil der Rabbi ihn lehrte: „Es steht geschrieben: Du sollst Jehova deinen Eid halten!“ Also ist kein Eid verbindlich, als der „bei Jehova.“ Welche Stelle des alten Testamentes konnten diese Lehrer für sich anführen? — Doch wozu sollten sie Schriftstellen aufsuchen, mühsam ihren göttlichen Geist wegerklären, kunstreich sie drehen und wenden? Sie hatten ja eine entscheidende Autorität für sich — „die Lehre der Alten.“ Seit Menschengedenken haben alle weisen Rabbi diese Stelle so verstanden und erklärt; also hat sie keinen andern Sinn; kann keinen andern haben. Was fehlt diesem Schlusse, als Wahrheit? — —
Es ist schwer zu begreifen, wie derjenige, welcher solchen Lehren Eingang in sein Herz gestattet, noch die so hochwichtige Pflicht der Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ausüben kann. Wenn solche Grundsätze herrschend würden, so müßte alles Zutrauen und aller Verkehr unter den Menschen aufhören. Wohin führt nicht Heuchelei? Eben deswegen stellte Jesus seine Lehre in so scharfen Gegensatz gegen den Rabbinismus seiner Zeit. Unbegränzte Wahrhaftigkeit, felsenfesten Biedersinn macht er uns zur theursten Pflicht. Das einfache Ja eines Christen soll an Eides Statt gelten. Goldene Zeit, wenn erscheinest du? — Nicht zu übersehen ist, wie treffend und unwiderstehlich Jesus die falschen Eidesformeln der Pharisäer aus dem Geiste der heiligen Schrift widerlegt.
Nur gar zu gerne verkleidet sich unerbittliche Rachsucht in hehre Gestalt der Gerechtigkeit; und es fehlt zu keiner Zeit an dienstfertigen Auslegern göttlicher und menschlicher Gesetze, welche die gröbsten Verletzungen aller Menschlichkeit zu beschönigen wissen. In den Tagen unseres Herrn hatten die pharisäischen Schriftgelehrten den beliebten Dienst auf sich genommen, Ungerechtigkeit durch Verdrehung des Gottes-Wortes zur Gerechtigkeit zu machen. Sie beriefen sich auf „die Alten,“ welche gelehrt haben sollten, daß „Aug um Auge, Zahn um Zahn“ nicht eine gesetzliche, richterliche und darum billige Genugthuung für Beleidigungen gewähre, sondern das Recht ertheile, Rache nach Belieben selbst zu nehmen. „Die guten Alten!“ was mußten und müssen sie nicht Alles gelehrt haben?
Bei dieser Stelle dürfen wir aber nicht vergessen, daß Jeder von uns einen solchen pharisäischen Schriftausleger und Rechtsgelehrten in seinem Herzen sitzen hat, der als Affekt oder Leidenschaft sehr fertig und beredt Aussprüche von sich giebt, denen wir nur zu oft Gehör verleihen. Um so sorgfältiger sollen wir die Lehre unseres Erlösers zu Gemüthe ziehen, welche unbegränzte Billigkeit als ein zwar herbes, aber zuverläßiges Gegenmittel empfiehlt.