Liebet eure Feinde!“ Dieß ist der wahre Todesstoß für die Scheinliebe, welche Gränzen aussteckt, auf Bedingungen unterhandelt, nach Rück- und Nebenabsichten schielt, Personen ansieht &c. Gewiß haben auch die Pharisäer diesen Stoß schmerzlich genug empfunden; denn die Wunde blutet heut zu Tage noch bei ihren Geisteskindern, die mit ihren Vätern sich bitter beklagen, daß die fruchtbringende Lehre: „Liebe deinen Freund, (d. i. deinen Kirchen-Zunft-Standes-Staatsgenossen) und hasse deinen Feind,“ mit dem Ausspruche Jesu umgestürzt werde; und zwar ohne Hoffnung, da der göttliche Lehrer so weise Rücksicht auf die menschliche Natur nahm, nicht Unmögliches forderte, keine süssen, freudigen Gefühle, keine freundschaftliche, innige Zuneigung, sondern ein racheloses Herz und Thaten des Wohlwollens — des Wohlthuns — der Fürbitte, wenn sonst nichts möglich ist, zur edeln Pflicht macht, und das unverwerflichste Muster an dem Vater im Himmel aufstellt.


Hütet euch, daß ihr euer Gutes nicht vor den Menschen thut, um von ihnen gesehen zu werden!

Mit diesen Worten beginnt ein neuer Gedankenkreis. Nicht Schriftverdrehungen und Herzverderbende Auslegungen werden gerügt, sondern die Thaten der Pharisäer nach göttlichem Maaßstabe bestimmt, ihr Werth oder Unwerth ausgesprochen. Wie denn? Einfach, daß ein Kind es fassen; kunstlos, daß der Ungeübteste es thun; unfehlbar, daß der Zweifelvollste sicher gehen kann. In das Innere weiset Jesus hinein; auf die Quelle alles Guten und Bösen, auf das Herz, auf die Gesinnung macht er aufmerksam. Hier soll nur Liebe Gottes und des Nächsten herrschen; alles Andere ist vom Argen. In diesem Heiligthum darf kein Götzenbild der Eigenliebe aufgestellt werden; mit der Wachsamkeit des Eifersüchtigen muß jede leise Regung belauscht werden, wenn der Heuchelei der Eingang verschlossen bleiben soll. Streben nach Menschenlob ist Todesduft für Christentugend. — Wer kennt das menschliche Herz, d. i. sein eigenes, und findet dieß nicht wahr, nicht wichtig, nicht nothwendig? Wer weiß nicht, welche Wendungen und Krümmungen die alte Schlange in uns macht? Unerläßlich, aber schwer ist es, in diesem Stücke den Pharisäer auszuziehen, und Christus anzuziehen.

Doch unser Herr erleichtert die Bürde durch Beispiele, die ins Große gehen. Lernen wir zu seinen Füßen!

Wenn ein Pharisäer Almosen gab, so mußte es alle Welt wissen. Die hochtönende Trompete erklang lieblich für das Ohr des Dürftigen, und lud ihn stolz zur Gabe; sie verkündete prahlerisch der Nachbarschaft, was auf der Gasse vorgieng; und was wird die Eitelkeit des Gebers empfunden haben? — Einer solchen Art von Wohlthätigkeit sprach Jesus allen Werth ab; ja, er nannte sie geradezu Heuchelei. Nicht menschliches Mitgefühl, nicht Linderung der Noth, nicht Erquickung des Leidenden war Beweggrund; sondern eigenes Lob, lauter Beifall, Flittergold des Namens eines Wohlthäters. Sollte es weniger gleißende Menschenliebe sein, wenn die Trompete nicht von Metall, sondern von Fleisch oder gar nur aus Papier gebildet ist?? — —

Das muß man gestehen, trefflich haben die Pharisäer ihr religiöses Handwerk verstanden. Sie wußten recht gut, was dazu gehört, die Menschen zu blenden, und mit ihrer Frömmigkeit recht viel Aufsehen zu machen. Wenn der Eifer des Gebetes so weit reicht, daß man laut und öffentlich an den Strassenecken betet; wer soll diese Muster der Heiligkeit nicht anstaunen? Wer nicht den Schluß ziehen, daß zu Hause noch weit mehr geschehen müße? Und Jesus nennt solche Leute — Heuchler! Wie Vielen wird er die Augen geöffnet haben über den wahren Geist des Gebetes mit seiner unübertrefflichen, Vernunft und Herz befriedigenden, den Geist zum Himmel erhebenden Lehre?

Das dringendste und wärmste Gebet ist Herzensergießung vor Gott in unsern geheimen Anliegen; wer will, wer kann mit Fug diese vor der Menschen Ohren bringen? Nur ein Schwärmer oder ein Betrüger; Jesus spricht keinem das Wort. „Wenn du betest, so gehe in deine Kammer“ &c. Wer die Weisheit und das Naturgemäße dieser Vorschrift einsehen will, muß die Pharisäer — aller Zeiten — vor Augen haben.