Wo es an Aufrichtigkeit und Zutrauen fehlt, dort werden gewöhnlich die meisten Worte gemacht. So betrugen sich auch die Pharisäer gegen Gott; sie waren ihm, menschlich zu reden, überlästig mit ihrem „heidnischen Geplapper.“ — Um so ärgerlicher kam ihnen die Lehre Jesu vor, welcher eine so einfache, kindlich zutrauliche, kurze Anweisung zum Beten gab; der Gott in einem so milden Lichte, als Vater, zeigte; der ihm zarte Theilnahme an den Bedürfnissen seiner Kinder beilegte. Welch’ ein Absprung von dem steifen, hofmäßigen, Geschenksüchtigen, Worte zählenden, kalten, überhohen Gotte der Heuchler! Welch’ ein Abstand von ihren Gebetsformeln! Besonders ist Ein Punkt antipharisäisch — Versöhnlichkeit und Liebe des Nächsten, ohne welche Jesus alle Gebete verwirft. — Was würde er heut zu Tage sagen über die Wortreichen, Geistarmen, Glaubensleeren, Selbstsuchtsvollen Gebete, welche häufig, mit Thränen eingebildeter Gottesliebe, mit Herzen voll Menschenhaß, in kriechender Stellung, mit stolzirendem Nacken, laut gesprochen werden?! O, wie oft kreuzen wir uns vor Pharisäern, und sind zwei Mal ärger, als sie — bei unsern Einsichten!! Beinahe ans Komische streift die Schilderung eines fastenden Heuchlers. So sehr verabscheute Jesus eine solche Handlungsweise, daß sein hoher, göttlicher Ernst bis zum beißenden Tone hingerissen wurde. Ein merkwürdiger Zug! Doch kann man ihn auch schon beim Almosen und Gebete des Pharisäers wahrnehmen. Fasten ist aber nur Beispiel für religiöse, besondere Uebungen jeder Art. Wenn frömmelnde Eitelkeit, Geruch der Heiligkeit, Menschenlob oder Tadel, elende Schmeichelei, charakterlose Aefferei u. d. gl. uns zu solchen außerordentlichen, nicht gebotenen, nicht unumgänglich nothwendigen Dingen treibt; was soll man dazu sagen? „Machet es so, wie die Heuchler?“ — —
Sonderbar! wird Mancher denken; hier dringt Jesus so strenge auf das Handeln „im Verborgenen“, und früher hatte er mit Nachdruck gelehrt: „Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen!“ Das will sich ja nicht zusammenreimen. — O recht gut, wenn man nicht an Worten klebt, sondern den Geist der Rede auffaßt. Das Gute deßwegen thun, damit es die Menschen sehen, und uns loben; dieß nennt Jesus Heuchelei. Und daran hat er vollkommen Recht, weil eine irdische, gemeine, schlechte Absicht einen schönen Anstrich bekommen soll. Die Gesinnung, das Herz ist unserm Herrn immer die Hauptsache; da fordert er nun, daß der Mensch die Tugend nicht seiner Person zu lieb, sondern einzig um des unsichtbaren Gottes willen ausüben soll. Dabei verlangt er aber keinesweges, daß man mit seinen edeln Handlungen geheim thue, und gleichsam Verstecken spiele. Nein, offen, vor Aller Augen, an hellen Tage soll unser Gutes geschehen. Wir haben uns dessen nicht zu schämen, noch uns, aus falscher Demuth, vor Menschen zu scheuen. Das Licht leuchtet Allen im Hause; aber mehr thut es auch nicht, weil es gegen seine Natur wäre. So soll es auch bei uns sein. Das Gute sollen wir thun — vor Gott und Menschen; aber weiter nichts dazu setzen, was Künstelei, Gepränge, Prahlerei, Selbstsucht u. s. w. heissen könnte; Solche selbstgewählte, ausserwesentliche Verzierungen sind Dünste und Nebel, welche den reinen Glanz des Lichtes verhüllen, und um Wahrheit und Liebe täuschende Farbenringe der Lüge bilden, welche schimmern und blenden, aber vor Gott und vor seinen ächten Kindern Nichts sind.
Licht will Jesus in und an den Seinigen sehen — Licht von Gott; nicht selbstgemachte Fackeln. Von diesen sagt der Prophet: „Sehet, Alle schlagt ihr Feuer, Fackeln anzuzünden! Geht hin beim Scheine euers Feuers, bei eurer Fackeln Licht! Von meiner Hand geschieht euch dieß, mit Schmerzen ringend liegt ihr da!“ (Jes. L, 11.)
Die vom stürmenden Winde gepeitschte Meereswoge ist unstät; der Fels am Ufer trotzt unwandelbar ihren Schlägen: so schwankt der Heuchler im Mißtrauen auf Gott; der Glaubige hält sich unverrückt an dem Anker der Hoffnung auf den, „der da ist, und den er nicht sieht.“ So schildert Jesus die Pharisäer seiner Zeit, wenn er spricht: „Niemand kann zwei Herren dienen. — Ihr könnet nicht Gott und dem Mamon dienen.“
Wer verabscheuet nicht diese Zwittergeschöpfe des Mundglaubens und thätigen Mißtrauens? Wer lobt nicht den schönen, erhabenen Ausspruch „der göttlichen Weisheit, die wußte, was im Menschen war?“ — Weiß Er es jetzt nicht mehr, wenn wir Tag und Nacht rastlos daran sind, sinnen und sorgen, uns mühen und quälen, Geld und Gut zu erwerben — — um für die ungewisse Zukunft uns sicher zu stellen, um das Wohl der Unserigen zu gründen, u. s. w. u. s. w. dabei aber das Reich Gottes in uns aus Augen und Sinn verlieren? Weiß Er es jetzt nicht mehr, wenn wir der Vaterliebe unseres Gottes nur halb trauen, nirgends Ruhe finden, unser armes Herz mit tausend widersprechenden Gedanken, Hoffnungen, Besorgnissen, Planen, Gewinn- und Verlustrechnungen foltern und zerreißen — und dann doch in Angst und Unglauben beten — um Nahrung und Kleidung, wie Heiden, die keinen Gott kennen? Weiß Er da nichts mehr von getheilten Herzen, von gespaltenen Schlangenzungen, von schielenden Augen, von studierten Hofmanieren &c. der Betenden? Möchte doch dieses Alles nur von den alten Pharisäern gegolten haben! — —
„Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge!“ Wer unter den Christen kennt diese Stelle nicht? Wer führt sie nicht an mit Beziehung auf Diesen und Jenen? Würde aber die Frage aufgeworfen: Warum hat Jesus die Pharisäer und Splitterrichter seiner Zeit Heuchler genannt? Wie Mancher würde verstummen? Und doch giebt gerade diese Stelle großen Aufschluß über das Wesen der Heuchelei, und über ihren ausgedehnten Wirkungskreis. Den Hang, seine eigenen großen Fehler zu übersehen, und fremde kleinere Versehen schonungslos zu tadeln; die tückische Wendung, seine Gebrechen durch scharfsichtige Rüge der Schwachheiten Anderer zu decken; die niedrige Kunst, auf Kosten des Nächsten als Vorbild der Tugend zu glänzen, würden wir mit ganz andern Namen belegen, als unser Herr, der dieses Alles mit Einem Worte Heuchelei nennt. Wie treffend! um tugendhaft, um fromm zu scheinen, wenn sie es schon nicht waren, tadelten die Pharisäer Alle, die nicht Ihresgleichen waren, mit liebloser Strenge; sie sprachen gerne Verdammungsurtheile aus, mit denen sie tiefe Einsicht in die Religion an den Tag legen wollten; sie verwarfen Andere um ihrer Meinungen und Lehren willen u. s. w. — —
Hatte Jesus Unrecht, wenn er vor solchen Leuten warnte, als „vor falschen Propheten?“ Freilich gab er ein Kennzeichen an, welches nur der Geist Gottes mit solcher Bestimmtheit aufstellen konnte. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Wenn ein offenherziger Zuhörer diese vielsagenden Worte auffaßte, und den Maaßstab Jesu an eine solche heilige Figur genauer anlegte; mußte er nicht oft zu seinem nicht geringen Befremden eher einen verwundenden Dorn, als eine erquickende Traube, eher eine geschmacklose, als eine milde Feige an manchem Meister in Israel finden? Zum größten Aerger reichte der Schaafpelz — die rabbinische Amtstracht — nicht hin, die Wolfsgestalt zu bedecken. —