Auf nichts waren die Pharisäer so eifersüchtig, als auf den Vorzug, viele Schüler zu haben, und von ihnen recht tief, recht demüthig, recht sklavisch verehrt zu werden. Ein Hauptpunkt dabei war die ängstlichste und unverbrüchlichste Anhänglichkeit an Worte, Buchstaben und Jota ihrer Satzungen und Erblehren. Als zweite, höchst wichtige Vorschrift galt äußerliche Gesetzlichkeit, pünktliches Ceremoniell, wobei eben für innere Heiligung nicht die strengsten Forderungen gemacht wurden. Kann man sich eine bessere Schule der Heuchelei denken? Giebt es einen kürzeren Weg, nach Grundsätzen junge Gleißner zu bilden?
„Nicht Jeder, der sagt: Herr! Herr! wird in das Reich Gottes eingehen; sondern der den Willen meines Vaters im Himmel thut.“ Welch’ eine ganz andere Sprache! Jesus stellte den heiligen Willen Gottes als erste Vorschrift für seine Jünger auf; Ehrfurcht, Gehorsam, Liebe gegen den Vater im Himmel machte er zur unerläßlichen Bedingung der Aufnahme. Wer sich dazu nicht verstehen wollte, der konnte ihn mit allen Ehrentiteln und Bücklingen, mit dem täuschendsten Scheine, mit dem ausgesonnensten Schönthun, mit dem schnellfüßigsten Diensteifer gegen seine Person nicht bestechen; er wurde weggewiesen aus seiner Schule, d. i. aus dem Reiche Gottes. — Ob Jesus wohl seine Gesinnung seit seiner Himmelfahrt geändert hat?! — — —
VII.
Die Heilung des Schlagflüßigen.[8]
Gewöhnlich leihet man der eifersüchtigen Liebe Argusaugen und Adlersblicke; aber der Heuchelei fehlen sie auch nicht. Der Unterschied ist nur der, daß die Liebe den geraden Weg zur Selbsttäuschung wandelt, die Heuchelei aber etwas Anderes thut, und etwas Anderes will. Wie oft eifert sie für Gott, Religion und Tugend, während sie innerlich nur von Abneigung, wohl gar von Haß gegen eine gewisse Person, oder gegen ihre Meinungen getrieben wird! Jesus war noch gar nicht lange als Lehrer und göttlicher Gesandter aufgetreten, als es die Pharisäer und Schriftgelehrten schon für nöthig fanden, „aus allen Ortschaften von Galiläa und Judäa, und von Jerusalem zusammenzukommen“, um seine Lehren und Thaten in der Nähe zu beobachten. Die neuen, mit den ihrigen so sehr contrastirenden Lehren des von ihnen nicht begutachteten Propheten beunruhigten sie ausserordentlich. Allein diese Unruhe, so wie der Neid über den schnell und allgemein wachsenden Beifall des Nazareners, wußten sie künstlich genug unter frömmelnder Gebehrde zu verstecken, daß wohl Mancher sie noch gelobt haben mag wegen ihres Eifers, mit welchem die treuen Hirten Israels über der Religion der Väter hielten, und sich keine Mühe zu groß, keine Reise zu weit sein liessen, um gefährlichen Lehren heilsam den Weg zu versperren. —
So finden wir sie jetzt beisammen in dem Hofraume eines Hauses zu Kapernaum, wo sich Jesus, wenn er nicht umherzog, gewöhnlich aufhielt. In der Mitte ist Jesus; um ihn her bilden die Pharisäer einen Kreis, mit Ansehen den ersten Platz behauptend; hinter ihnen das Volk in dicht gedrängter Masse. Jesus lehrt; sie horchen und lauern auf jedes Wort. Umsonst; er spricht lautere Wahrheit. Geheimer Verdruß beschlich schon die Herzen, daß Zeit und Mühe dießmal verloren sei. Doch unerwartet ereignet sich Etwas, wodurch die Hoffnung, ihm beizukommen, wieder belebt wird. Ein Schlagflüßiger wird unter sonderbaren Umständen unserm Herrn zu Füßen gelegt: „da er ihren Glauben sah sprach er: Mensch, dir sind deine Sünden vergeben!“ — — Gott sei gedankt! Jetzt wird den Herren leichter um das Herz; sie haben — eine Gotteslästerung (!?) gehört. Das Innere geräth bereits in Aufruhr, d. h. in gerechten, heiligen Eifer; Rachegedanken durchkreuzen sich wie Blitze in der geistigen Nacht der Heuchelei; Alles drohet nahen Ausbruch — — als Jesus ihre Bosheit in ihren Herzen las, sie ans Licht zog, und mit einer wundervollen That beschämte. Zur Vollendung ihrer Niederlage brach das Volk in laute Lobpreisung Gottes aus, und in Erstaunen über die hohe Macht unseres Herrn. Heiliger Schauer hatte Alle durchdrungen; verbissene Wuth kochte in den Pharisäern — bei einem und demselben Werke Gottes. Läßt sich Wahrheitssinn und Herzenseinfalt, dem Vorurtheile und der Tücke gegenüber, lebendiger malen? —
VIII.
Die Berufung des Matthäus; Beantwortung von zwei Fragen.[9]
Vom Standpunckte göttlicher Wahrheit und Liebe, und darum so rein, frei und milde beurtheilte und behandelte Jesus die Menschen und ihre Verhältnisse. Kein Wunder, daß er mit den einseitigen, herzlosen, selbstsüchtigen Maximen der Pharisäer und Schriftgelehrten so oft in Gegenstoß kam. Eitler Stolz auf die Vorrechte des Volkes Gottes hatte sie vermocht, die Zolleinnehmer ihrer Tage für öffentliche Sünder zu erklären, und so eine Art Bann über sie auszusprechen, weil sie von den Römern, als Heiden und Feinden der Nation, ihre Stellen pachteten. Niedriger Eigennutz von Seite vieler Zöllner verschaffte ihnen einen gültigen Vorwand, dieses Urtheil zu rechtfertigen, und die Scheidewand zwischen den Rechtschaffenen und Sündern immer länger und höher zu führen, so daß kein eifriger Pharisäer mit einem Zöllner auf irgend eine Weise vertraut umgieng. Er hätte dadurch seine gesetzliche Reinigkeit verletzet.