Ganz anders dachte und handelte Jesus. Er sah in den Zöllnern unglückliche Menschen, verirrte Kinder seines himmlischen Vaters; er fand nicht alle unverbesserlich und durchaus verwerflich; darum entsetzte sich sein menschenfreundliches Herz über die gefühllose Kälte und Härte, mit welcher die Pharisäer diesen Menschen den Weg zur Besserung versperrten; sein himmlisch hoher Geist schwang sich über diese finstern Vorurtheile der Meister Israels empor; edel und freisinnig wandelte er den Pfad der Erbarmungen Gottes um die verirrten Schaafe aufzusuchen — und nicht vergeblich. Er fand mehr als Einen, über den er sich mit dem ganzen Himmel freuen konnte. Matthäus wird als der Erste genannt; Mancher wird wohl noch einst im Buche des Lebens angeschrieben stehen, den die Menschen nicht kennen.
Welch’ ein entzückender Anblick! Jesus geht an der Zollbank vorbei, sieht den Matthäus, fordert ihn auf, sein Jünger zu werden; dieser erhebt sich mit raschem Entschlusse, verläßt freudig sein einträgliches Gewerbe, und wird Schüler des armen Propheten. Wo sind da die feinen Ueberredungskünste, wo die lockenden Versprechungen von der einen, wo die wegwerfenden Manieren, wo die sklavische Erniedrigung von der andern Seite, wie Beides bei den Pharisäern Statt fand? Wie kurz, wie natürlich, wie zwanglos, wie thatenreich ist der ganze Hergang! Wie edelmüthig, frei und doch voll Anstand und Würde ist das wechselseitige Betragen! Welch’ ein Ausdruck hoher Freude liegt in der Veranstaltung des Gastmahls bei Matthäus! Welche hinreißende Herablassung in der Theilnahme Jesu daran! Ohne Bedenken aßen seine unverdorbenen Jünger mit dem reuigen Sünder; Matthäus und seine Genossen dachten nicht an den harten Richterspruch der Pharisäer; sie sahen nur den Propheten, fühlten Wonne im Herzen und Kraft zur Besserung.
Gott und seine Engel freuten sich des herrlichen Anblickes. — —
Die scheinheiligen Pharisäer murrten, zürnten, tadelten laut unsern Herrn!!! — Wer vermag das Abscheuliche, Niederträchtige, Empörende einer solchen Denk- und Handlungsweise zu schildern?
Muth ist nicht Sache des Heuchlers, wenigstens nicht offener Muth; das böse Gewissen schlägt ihn. Darum zieht er Seitenangriffe vor; er tritt dem Gegner nicht leicht vor die Augen. Dieser Zug schändet auch hier die Pharisäer. Sie wagten es nur nicht, Jesus unmittelbar selbst zu tadeln; nur an seine Jünger stellten sie im religiösen, strafenden Tone die Frage: „Warum esset und trinket ihr und euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ Vielleicht hatten sie dabei noch die hinterlistige Absicht, durch ihr Ansehen und durch die öffentliche Rüge die Jünger von Jesus abwendig zu machen.
Aber schnell nahm Jesus das Wort, und vertheidigte sich, nicht die Jünger; denn er wußte zu gut, wem der Vorwurf gelten sollte. Und welche Vertheidigung? In drei Innhaltsschweren Sätzen rechtfertigte er seinen Besuch bei Matthäus, enthüllte die Schande seiner Gegner, und schilderte die göttliche Milde seines Berufes.
Man durfte nur ein wenig mehr, als gewöhnlich Pharisäer, mit dem Geiste des alten Testamentes vertraut sein, um aus den Psalmen und Propheten zu wissen, wie zärtlich Gott um die Bekehrung der Sünder sich gleichsam bekümmerte; wie väterlich er für Menschenwohl sorgte; wie oft gerade von dieser menschenfreundlichen Seite auch der Messias geschildert wurde. Darum konnte Jesus nicht Schriftgemäßer sich als Retter Israels ankündigen, als dadurch, daß er als Seelenarzt auftrat. Allein eben dieß war es, wovon die damaligen Lehrbücher nach den Erblehren der Alten nichts enthielten; und von den Psalmen und Propheten wußten die Pharisäer wenig. Wie konnten sie also das Benehmen und die Lehre unseres Herrn verstehen?
Desto geübter und bewanderter waren sie im Ceremoniell des Gottesdienstes jeder Art und Gattung. Opfer waren die Hauptsache der Religion; denn wenn sie selbst opferten, so glaubten sie, Gott damit für sich zu gewinnen; opferten aber Andere, so war dieß für Priester und Leviten einträglich. Daß diese Art von Religiosität nur verkappter Eigennutz war, bewies ihre Lieblosigkeit gegen alle Menschen, und ihre an Grausamkeit gränzende Härte gegen Sünder und Irrende. — Der natürliche Grund davon lag in dem Mangel an Kenntniß der heiligen Schrift, in der geringen Vertrautheit mit ihrem Geiste, in blinder Anhänglichkeit an alte Lehrer und an selbstgewählten Gottesdienst. Daher war die Antwort unseres Herrn so eindringend und unwiderstehlich: „Gehet hin und lernet, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer!“ Wie menschlich, wie milde und freundlich ist doch die von Gott selbst ausgesprochene Religion! Wie hart, wie starr und ertödtend das von Heuchlern mit diesem ehrwürdigen Namen ausstaffirte Gespenst! Menschenliebe und Eigennutz — welche Gegensätze!!
Ganz im Geiste des Allerbarmers trat Jesus auf, und munterte alle Sünder zur Besserung auf. „Gerechte“, d. h. in sich selbst Fromme, maschinenmäßig Heilige, daher Unverbesserliche, wie die Pharisäer, konnte er nicht zur Sinnesänderung einladen. Wahrhaft Gute schlossen sich von selbst an ihn an.
So mußten seine tadelsüchtigen Gegner, kräftig widerlegt, nachdrücklich zurechtgewiesen, fein angestochen, ruhmlos abziehen, und ihren Verdruß wiederkauen.