Einstimmig lassen drei Evangelisten einen Vorfall folgen, der selbst der Zeit nach, nicht bloß wegen seines Innhaltes, mit dem Vorhergehenden zusammenzuhängen scheint. Die Pharisäer konnten es, trotz ihrer Frömmigkeit, doch nicht so leicht verzeihen, daß Jesus sie vor Zöllnern und Sündern zu Schanden gemacht hatte. Sie sannen auf Rache; und diese wird solchen Leuten nicht schwer. Dießmal verfielen sie aber auf ein fein und listig erdachtes Mittel. Jesus und Johannes sollten im Widerspruche begriffen dargestellt, die Jünger des Täufers als Werkzeuge benützt, die Schüler unseres Herrn von ihm abgewandt werden. Ein trefflicher, der gewandtesten Heuchler würdiger Plan!

Aber wie kam es, daß Johannes Jünger sich von ihnen so leicht mißbrauchen ließen, da der Täufer so dringend vor Pharisäern gewarnt hatte? Dazu mußten mehrere Triebfedern künstlich in Bewegung gesetzt werden. Aus einem frühern Vorfalle (Joh. III., 26.) ergiebt sich ungezwungen, daß einige Schüler des Täufers eifersüchtig waren auf das schnell wachsende Ansehen unseres Herrn; diese leidenschaftliche Stimmung konnte seit der Gefangennehmung des Täufers nicht abgenommen, vielmehr durch Schmerzgefühl über den Verlust ihres Lehrers nur zugenommen haben. Von einer andern Seite hiengen diese Schüler noch sehr an einem äußerlich strengen Leben, wie es ihr Lehrer, seinem Berufe und Zwecke gemäß, geführt, und wozu er sie, als Vorbereitung zum Reiche Gottes, ebenfalls angewiesen hatte. Da nun nicht leicht Jemand scharfsichtiger ist in der Entdeckung der Schwachheiten Anderer, als der Heuchler, weil er selbst viele Blößen zu decken hat; und da eben solche Menschen fremde Fehler am schlauesten zu benützen wissen, weil sie aus der Kurzsichtigkeit der Menschen für sich selbst täglich und stündlich Vortheil ziehen müßen: so konnte es den Pharisäern gewiß nicht schwer werden, einige Johannes-Jünger in ihr Interesse zu ziehen. Je tiefer und stiller aber eben darum freier und zwangloser die Religiosität unseres Herrn war, desto leichter war es, unter den gegebenen Umständen, sie verdächtig zu machen. Ohne viele Mühe und mit täuschendem Scheine ließ sich zeigen, daß Jesus, der mehr sein wolle, als der große Johannes — schwerlich werden die Pharisäer erheucheltes Lob gespaart haben — nicht einmal die Kennzeichen alltäglicher Frömmigkeit an sich habe. Solche Dinge von Männern vorgetragen, welche im Geruche der Heiligkeit stunden; wie verführerisch mußte es sein! um aber das schöne Vorhaben von allen Seiten zu befördern, und jedes mögliche Hinderniß bedachtsam zu entfernen, mußten sich Einige der eifrigsten Pharisäer-Schüler zu denen des Johannes gesellen. Auf diese Weise bildeten sie eine zusammengesetzte, gar nicht verächtliche Gesandtschaft, welche unsern Herrn öffentlich über den Mangel an Gebetstunden und Fasttagen für seine Jünger zur Rede stellen sollte. In welchem Lichte mußte Jesus vor den Augen der beschränkten kurzsichtigen Menge erscheinen, wenn er diesen Angriff nicht kräftig und ganz von sich ablenken konnte? Wahrlich, wer sich in Ränken und Verfolgungskunstgriffen üben will, darf nur zu Pharisäern in die Schule gehen!

Es hatte die Feinde Jesu nicht wenig Nachdenken, Scharfsinn, Kunst und Mühe gekostet, diesen Angriff auf die tadellose Frömmigkeit zu Stande zu bringen. Jesus arbeitete indessen unbesorgt und rastlos an Besserung und Beseligung der Sünder; und als sie den Schlag ausführen wollten, waren sie mit Einem Allmachtsworte der unüberwindlichen Wahrheit besiegt. Der Gott vertrauende, Menschen liebende Fromme besteht fest und ungebeugt, wie Libanons Ceder, den Sturm, während der Boshafte mit Wurzel und Stamm verderbt wird.

Ueber das Gebet gab Jesus merkwürdig genug gar keine nähere Antwort. Dieses Stillschweigen beweist wohl mehr, als alle scheinheiligen Schutzreden, daß Jesus dem Geiste des Gebetes keinen Zwang angethan wissen wollte durch Formeln und Zeiten und Orte. Bei ihm und seinen Jüngern war es nicht so, wie bei den Pharisäern. Die geistlose Anhänglichkeit an bloße äußere Gebräuche und Selbstquälungen hätte gar nicht sinnreicher und tiefer verglichen werden können, als mit Trauergebräuchen zur Zeit der Freude, mit neuen Lappen auf alte Kleider. Wie mußte dieß die Heuchler ärgern, wenn sie den Werth ihrer mühsamen und hart errungenen Heiligkeit so herabgesetzt sahen! Wer freuet sich nicht, daß wir einen Bräutigam und keinen Todtengräber zum Stifter unserer Religion haben? — Junger herber Wein, der dem Gaumen nicht behagt, und den Schläuchen schadet, ist ein sinnvolles Bild der sauertöpfischen Frömmigkeit dressirter Heuchler.

IX.
Ueber Heiligung und Entweihung des Sabbates[10]

Der wahre Gottesverehrer und der Heuchler verhalten sich zu einander wie Geist und Buchstabe, wie Sache und Form, wie Wirklichkeit und Schein. Wer kennt Moses und die Propheten, und weiß es nicht, daß die Feier des Sabbates ein Grundgesetz der israelitischen Religion war? Der Glauben an den Einen wahren Gott, als Weltschöpfer und Weltregenten, hieng an der Beobachtung oder Vernachlässigung dieses Gebotes; Israel fiel oder stund jederzeit mit dem Sabbate. Seit der Wiederherstellung eines großen Theiles der Nation nach dem babylonischen Exil wurde mit ausserordentlicher Strenge über diesem Gesetze gehalten, weil man, nachdem der Rausch des Götzendienstes verrauchet war, die Wichtigkeit dieser Feier einsah. Allein Esra’s und Nehemia’s Geist lebte nicht fort in ihren Nachkommen; diese blieben bald häufig nur bei der Form stehen, und trieben Abgötterei damit. Besonders die Pharisäer entwarfen ein Bild von der Heiligkeit des Sabbates, das an Personification gränzte, und zu den abentheuerlichsten Vorschriften verleitete, von denen die heil. Schrift durchaus nichts wußte. Sie trieben es so weit, daß die Feier dieses Tages zur Hauptsache und zum Zwecke, der Mensch zur Nebensache und zum Mittel wurde. Daher überluden sie die Menschen mit kleinlichen Regeln, Gesetzen und Bestimmungen darüber, welche körperliche Verrichtungen man vornehmen dürfe, um „nicht zu arbeiten.“ Alles wurde wieder nur auf Gebräuche, Ceremonien, Wortformen, Schritte, Bewegungen — bis zur Anwendung von Arzneimitteln eingeschränkt; das Herz gieng leer aus dabei; der Geist mußte Hunger leiden; das Gewissen kam in die Noth — wie überall bei der Heuchelei.

Jesus war Israelite im ächten Sinne des Wortes, und eben darum nichts weniger als ein Verächter des Sabbates, wohl aber der pharisäischen Lehre über den Sabbat. Diese mit Lehre und That zu bestreiten, war sein hoher und fester Entschluß. Daher ließ er es gerne geschehen, daß seine wenigstens in diesem Punkte unpharisäischen Jünger an einem Sabbate Aehren abrupften, sie mit den Händen zerrieben, und aßen — zum nicht geringen Aerger der Pharisäer. Diese waren nämlich ihm und seinen Jüngern auch hier nachgeschlichen, oder hatten sich mit verstellter Miene der Freundschaft zu Begleitern aufgedrungen. Blinder Religionseifer treibt zu Allem, und erlaubt sich Alles; ist ja der Zweck heilig; warum nicht auch jedes Mittel? Wie werden sie sich in ihrem Gott gefreuet haben, als sie diesen Fehler entdeckten? Nun lag ja die Sündhaftigkeit und die verführerische Lehre des verhaßten Propheten zu Tage; nicht nur Er selbst hielt nichts auf göttliche Einsetzungen, sondern gestattete auch bereits seinen Jüngern, ungescheuet den Sabbat zu schänden.

Womit wollte Jesus sich rechtfertigen gegen so scheinbar wichtige und gegründete Vorwürfe? Wenn es mit Gründen aus der pharisäischen Schule hätte geschehen müßen, wäre er freilich in die dringendste Verlegenheit gerathen; denn er hätte weder einen alten noch einen neuen berühmten Rabbi für sich anführen können. Allein Jesus hielt sich vorerst an die heil. Schrift selbst; und da war das Recht auf seiner Seite. Im Gesetze Moses war das, was die Jünger gethan hatten, den Armen ausdrücklich erlaubt, und am Sabbate wenigstens nicht verboten. Von dieser Seite konnten ihm seine Feinde nicht beikommen. Aber er war im Stande, noch weiter zu gehen, und ein unverwerfliches Beispiel aus Gottes Wort anzuführen, daß selbst bestimmte göttliche Vorschriften für äußere Gebräuche im Falle eines dringenden Bedürfnisses ihre verbindende Kraft verlieren. Was ließ sich dagegen sagen, wenn der Hohepriester Achimelech und David so gehandelt hatten? Warum tadelten denn die Pharisäer nicht auch das Gesetz Gottes, welches den Priestern Arbeit zum Behufe des Opferns am Sabbate gestattete?