Höchst merkwürdig und lehrreich bleibt es, wie unser Herr stets den Menschensatzungen und Erblehren seiner Feinde Gottes Wort und That entgegengesetzt, und sie damit verstummen machte. In welchem Lichte ihre Kenntniß göttlicher Dinge dabei erschien, darf wohl nicht erst gezeigt werden.

Obwohl das bisher Gesagte mehr als hinreichend war, die Handlung der Jünger und dadurch auch Jesus selbst zu rechtfertigen: so fügte er doch noch besondere Gründe bei, welche unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, weil sie den Charackter der Wahrheit und Liebe, so wie der Heuchelei ins hellste Licht setzen.

Die Pharisäer fanden es untadelhaft, daß die Priester und Leviten die Sabbatsruhe brachen; denn es geschah im Tempel und folglich zur Ehre Gottes. Jesus erklärte, daß seine Jünger noch mehr Recht dazu hätten, als jene, da „Er größer sei, als der Tempel.“ Damit gab er sich deutlich genug zu erkennen, als den Sohn Gottes, als die lebendige Wohnung, in welcher die Fülle der Gottheit thronte. Es ist ein trauriges Zeichen der tiefen Verblendung, in welche geistlose Systeme die Menschen stürzen, daß die Pharisäer diesen starken Fingerzeig weder gut noch böse aufnahmen; ja, gar nicht vernommen zu haben scheinen.

Auch bei dieser Gelegenheit führte Jesus wieder den Spruch des Propheten an: „Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer.“ Damit deutet er auf die eigentliche Quelle, aus welcher der Vorwurf der Sabbatsschändung geflossen war. Lieblosigkeit, Verdammungssucht, Partheihaß war es, was sie bestimmt hatte, unserm Herrn auf dem einsamen Pfade durch Saatfelder nachzuschleichen, und die unschuldigen Jünger zu tadeln. Welch’ einen Begriff von Frömmigkeit hatten diese Heuchler? Was ließ sich mit ihrer Religiosität nicht Alles reimen? Wie listig wußten sie ihre Leidenschaften mit Gottes Sache zu vermischen! Aber Jesus durchschaute die Tücke ihres Herzens, und enthüllte sie — zu unserer Belehrung und Warnung.

Der Sabbat ist um des Menschen willen, nicht der Mensch um des Sabbats willen da.“ So kehrte Jesus mit kühner Freimüthigkeit, wie sie nur der Wahrheit eigen ist, die Lehre der Pharisäer um, und stellte das ursprüngliche, alte Verhältniß wieder her. Man muß sich ganz in die damalige Heuchlerische Lehre hineindenken, um das Neue, Treffende, Wahre, aber für die Rabbinen höchst Aergerliche — und für alle Zeiten Anwendbare recht tief und innig zu fühlen.

Aus dem eben aufgestellten Grundsatze leitete Jesus eine eben so wichtige als damals anstößige Folge ab: „Also ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbates!“ Mit bewunderungswürdiger Feinheit hat er hier sich und seine Jünger zugleich vertheidiget. Menschensohn bezeichnet den Menschen überhaupt, und insbesondere den Messias. Beides konnte er mit vollem Rechte von sich sagen; aber auch für seine Jünger galt es, daß sie über dem Sabbat, nicht der Sabbat über ihnen stehe. Keine äußere Feier des Sabbates wollte Jesus so verstanden wissen, daß der Mensch, wenn ihn ein unausweichliches Bedürfniß drängte, nicht das Ceremoniel des Sabbates umgehen dürfe, um den Geist dieser Feier zu behalten — nämlich Ruhe, frohen Genuß vor Gott, Andenken an die Schöpfung durch Gott, Dank gegen den Geber alles Guten, Erneuerung und Befestigung des Glaubens und der Liebe. Solche reine und freie Ansichten finden an den Pharisäern aller Zeiten Gegner.

Jetzt noch einen Blick auf die Jünger! Was wird sich in den biedern, für einfache, zwanglose Frömmigkeit und Wahrheit vielfach empfänglichen Herzen geregt haben, als sich ihr Meister ihrer so annahm? Welche neue Gedanken werden aufgestiegen seyn? Welche Freude werden sie empfunden haben, daß Jesus ihnen kein so schweres Joch auflegte? Welcher Redliche freuet sich nicht mit ihnen?


Der wirklich glänzende Sieg, welchen Jesus über die Pharisäer davon getragen hatte, verschaffte ihm von ihrer Seite so wenig Ruhe, daß sie ihn vielmehr rachsüchtiger verfolgten, als vorher. Ist dieß nicht das Schicksal des Gerechten, so oft er den schweren Kampf gegen Bosheit wagt? Läßt sich nicht natürlich noch Schlimmeres von der Heuchelei, als von einfacher, offener Verkehrtheit des Herzens erwarten? Je weniger die Pharisäer in sich selbst hineinsehen wollten, desto sorgfältiger belauschten sie Andere, besonders den ihrem Ansehen so gefährlichen Jesus. Sie rechneten sich dieses Spionenwesen sogar zum Verdienste vor Gott an; denn sie sorgten ja dadurch für Erhaltung und Beförderung der Ehre Gottes — wenigstens vor den Augen der Menschen. Daher umspannen sie Jesus überall mit den Netzen ihres Argwohnes; nirgends aber lauerten sie sorgfältiger, als im Tempel, und in den Synagogen. Sehr begreiflich; denn dieß waren die eigentlichen Tummelplätze ihres faden gelehrten Krames und ihres prahlerischen Gottesdienstes.

Dießmal gab ein Mann mit einer lahmen Hand Anlaß zu einem merkwürdigen Vorfalle. Es war Sabbat; die Synagoge hatte sich gefüllt mit Menschen; vermuthlich auch darum, weil man wußte, daß Jesus komme. Der Lahmhändige stellte sich so hin, daß Jedermann sehen konnte, er suche Hülfe bei Jesus. Auf den Gesichtern der Pharisäer drückte sich der fromme Unwillen aus, den sie schon bei dem Gedanken empfanden, daß der Festtag durch die Heilung dieses Mannes entweihet werden könnte. Wirklich zeigte sich Jesus geneigt. Um aber die Falschheit ihrer Lehre und die Verkehrtheit ihres Willens selbst dem gemeinen Manne lebhaft genug vor die Augen zu stellen, fragte er sie zuvor öffentlich: Ob es erlaubt sei, am Sabbate Gutes oder Böses zu thun? — Was sollten sie thun? Ihm erlauben, dem Unglücklichen eine Wohlthat zu erweisen? Dieß gestattete weder ihr System noch ihr liebloses Herz. Sagen, er sollte Böses thun? Dieß durften sie um des Volkes willen nicht. — „Sie schwiegen,“ und warteten den Erfolg ab, um daraus Stoff für ihre religiöse Rachsucht zu sammeln. — „Sie schwiegen,“ damit die geheime Bosheit ihres Herzens nicht öffentlich bekannt würde. — „Sie schwiegen“ — wie tief läßt uns dieß in die heillose Kunst und Gewandtheit der Heuchelei blicken, die so reich an Ausflüchten und Schleichwegen ist, auf welchen sie bei aller Scheinheiligkeit die niederträchtigsten Ränke schmiedet!!