Jesus aber sah sie alle umher an mit Unwillen.“ Der göttliche Erlöser zürnt; er fühlt bittern Schmerz über die Verblendung ihres Herzens, mit welcher sie die Augen vor den eindringenden Lichtstrahlen der Wahrheit gewaltsam schlossen. Wie ganz anders zürnten die Pharisäer!

Unser Herr ließ sich nicht irre machen; er heilte die Hand, entheiligte den Sabbat nach dem Urtheilsspruche der Pharisäer, und heiligte ihn nach dem Sinne und Willen seines Vaters. Wie lehrreich für alle Jahrhunderte!!!


Mein Vater wirket bis jetzt, und so wirke auch ich.“ Mit diesen Worten zeigt uns Jesus die sogenannten Sabbatschändungen von einer neuen Seite. Er deutet damit auf das ganz eigenthümliche Verhältniß hin, in welchem er, als Sohn, mit dem Vater steht, und leitet daraus das Recht ab, am Sabbate Gutes zu thun. Gott entweihet den Sabbat nicht dadurch, daß er für das Wohl der Menschen thätig und wirksam ist; eben so wenig kann man es seinem Sohne verargen, wenn er dem erhabenen Beispiele des Vaters folgt. Wahrlich! eine gründlichere und Gottes würdigere Schutzrede für die Heilung des 38jährigen Kranken am Sabbate läßt sich gar nicht denken. Die Feinde Jesu wollten sie mit Steinwürfen beantworten — das gewöhnliche Werkzeug des Beweisens für beschämte und besiegte Heuchler. Welche Herzen mußten das sein, die eine solche göttliche Sprache nicht verstunden; von solchen Thaten nicht gerührt wurden? Eine solche widrige Erscheinung war nur bei Menschen möglich, welchen Ehre bei Menschen, die glänzte und in die Augen fiel, mehr galt, als die Ehre bei dem unsichtbaren Gotte; welche sich zum Beweise ihrer Rechtglaubigkeit auf Moses Ansehen und Schriften beriefen, während sie im Leben seine Lehre und seinen Geist verleugneten; welche der Weissagung Moses vom Messias nicht glaubten, weil sie ihrem Interesse widersprach. War es für solche Menschen nicht noch eine Ehre, wenn man sie Heuchler nannte? nicht umsonst bezeugte Jesus, daß es seinen Gegnern an Wahrheitssinn fehle, daß das Wort Gottes und die Liebe Gottes nicht in ihren Herzen wohne — —

Die Lehre, daß Religion nicht bloße Aeußerlichkeit der Gebräuche, daß Menschenliebe ihre schönste Krone sei, daß Gott selbst sich als Muster dafür aufstelle — diese Lehre war lebensgefährlich für unsern Herrn; wird dieß jetzt weniger der Fall sein, wenn Jemand mit diesem Ernste diesen Geist gegen manchen Buchstaben geltend machen, und das, was Jesus vom Sohne Gottes sagt, verhältnißmäßig auf Gottes Kinder anwenden wollte? Ist wirklich der Pharisäismus so ganz aus unsern Herzen gewichen? —

X.
Jesus, Simon, der Pharisäer, und die Sünderin.[11]

Schon damals scheinen Einladungen zu Mahlzeiten nicht immer Beweise vertrauter Freundschaft, sondern öfter auch Complimente und Hofsitte schlauer Füchse gewesen zu sein. Wer wundert sich nicht? Jesus wurde von dem Pharisäer Simon zur Tafel geladen. Doch wohl ein Beweis, daß er den Propheten zu schätzen wußte! So mochte, so sollte es vielleicht scheinen; allein es war nicht so. Das Betragen Simon’s ist Bürge dafür, daß die Einladung nur geschah, entweder um den seltsamen Lehrer auch ein Mal in der Nähe zu sehen, oder damit manche Verehrer Jesu gut von Simon denken möchten u. s. w. Das, was die Leute sahen und hörten — die Einladung; und das, was im Verborgenen des Hauses vorgieng — die Behandlung des Gastes; welch’ ein Contrast! Aber unstreitig ächt pharisäisch.

Aber nun erst der Hauptauftritt! die Sünderin tritt in das Speisezimmer, nähert sich Jesus, weint Thränen einer reuevollen, dankbaren Liebe, küßt und salbt die Füße ihres Erretters vom ewigen Tode. Kalter Schauder überläuft die fromme Haut des reinen Pharisäers bei diesem Anblick. „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er wissen, wer und was für ein Weib es ist, welche ihn anrühret“ — so spricht er im Herzen sein Gewissenrichterisches Urtheil. Allemal glaubt der Heuchler, in dem Innern Anderer richtig zu lesen, was sein verkehrter Sinn ihm eingiebt. Er ist immer auf Reinerhaltung der Ehre und des Gewissens seiner Nebenmenschen bedacht, und vergißt darüber sich selbst. Der Sohn Gottes las richtiger im Herzen Simon’s, und gab ihm davon einen Beweis, der ihn auf ernste und heilsame Gedanken hätte führen können, wenn er nicht von Selbstsucht zu sehr verblendet gewesen wäre. Widerlegte Jesus nicht recht gründlich und schonend zugleich durch die That den Zweifel Simon’s an seiner Prophetenwürde?